Serie: Der Gesundheits-Check (3): „Die Defizite in der Gesundheitsversorgung werden angegangen“

Serie: Der Gesundheits-Check (3) : „Die Defizite in der Gesundheitsversorgung werden angegangen“

Viele Themen rund ums deutsche Gesundheitssystem beschäftigen derzeit nicht nur Politiker. Sie bewegen und beunruhigen auch die Menschen in ihrem Alltag. Im Interview gibt Frank Rudolph, Geschäftsführer der PVS Berlin, Brandenburg und Hamburg, seine Einschätzungen von Landärzte-Mangel bis zur elektronischen Patientenakte wieder.

Im Videointerview äußert sich zudem Armin Ehl, Hauptgeschäftsführer der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, zu den gleichen Fragen. Mit in der Sendung sitzt Dr. Mathias Höschel, Vorsitzender des Bundesverband Verrechnungsstellen Gesundheit e.V. (BVVG) und ehemaliges MdB.

Die elektronische Patientenakte kommt 2021. Damit sollen Ärzte alle Informationen zur bisherigen Behandlung eines Patienten in einem digitalen System abrufen können. Eigentlich soll der Patient Zugriff auf alle Daten bekommen. Und entscheiden können, welcher Arzt auf welche Infos zugreifen darf. Diese Rechte sollen aber laut dem Gesundheitsminister Jens Spahn in der Anfangszeit eingeschränkt werden. Finden Sie das sinnvoll?

Armin Ehl: Das ist ein sinnvoller Schritt, ja. Allgemein zur Patientenakte: 2021 ist im Grunde 15 bis 20 Jahre zu spät. Jetzt muss es losgehen. Alle haben die Botschaft verstanden. Auch im ärztlichen Bereich wurde lange rumgezickt und es wurden Vorbehalte gehegt, ohne die positiven Aspekte der Gesundheitsakte herauszustellen. Wir brauchen Effizienzreserven und die Zeit der Papierakten ist vorbei. Aber die Patienten müssen die Hoheit über ihre Daten behalten.

Frank Rudolph: Ich sage: Die Ankündigung für 2021 ist sportlich. Ich bin da skeptisch, es fehlt mir ein wenig der Glaube, dass das so schnell geht und flächendeckend funktioniert. Wenn es denn funktioniert, sehe ich viele Vorteile: Geld kann eingespart werden, zum Beispiel weil es weniger Doppelbefundung geben wird. Der Patient hat seine Daten immer griffbereit und kann direkt mit dem Arzt anknüpfen. Niedergelassene Ärzte können direkt die Folgebehandlung angehen, wenn der Patient aus dem Krankenhaus raus ist. Röntgen, Ultraschall, Befundung – alles liegt dann vor. Der Informationsfluss ist schneller und effektiver.

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Welche Anforderungen bestehen dadurch für die Ärzteschaft?

Dr. Mathias Höschel: Natürlich würde das vieles vereinfachen in den digitalen Prozessen. Trotzdem bin ich gegen zu viel Euphorie. Es muss in Richtung des Patientennutzen gedacht werden. Und auch in Richtung derer, die bei der Behandlung federführend sind. Es darf nicht um die Kontrolle gehen. Der erste Schritt war ja 2006 die elektronische Gesundheitskarte. Außer Foto und Chip hat die aber nicht viel Neuerungen gebracht. Deshalb sollten wir die Erwartungen nicht zu hochschrauben. Gut ist aber, dass sich Widerstände sowohl bei den Ärzten als auch bei den Patienten auflösen.

Armin Ehl: Die Ärzte hatten, wenn ich widersprechen darf, doch auch recht mit ihren Bedenken. Ihnen ging es vor allem um die Datensicherheit für die Patienten. Man kennt ja die Beispiele, bei denen Patientendaten gestohlen und auf dem Markt gehandelt wurden. Die hohe Verschlüsselung muss allseits gewährleistet sein.

Frank Rudolph: Es ist ein schmales Brett. Wir müssen sehen, wie weit das alles umsetzbar ist. Denn es muss eine einheitliche Plattform geschaffen werden. Es bringt nichts, wenn die Akte in ein System rutscht, das aber anders ist als das EDV-System des Arztes. Es wird verschiedene technische Anbieter geben. Aber wir brauchen eine Plattform, die für alle Akten funktioniert. Jede Akte muss bei jedem Arzt oder Krankenhaus ohne Einschränkung lesbar sein.

Kommt die Patientenakte aber sicher 2021?

Armin Ehl: Da bin ich mir sicher. Die Vorbereitungen sind so weit. Das wird laufen.

Dr. Mathias Höschel: Ich glaube auch, dass sie kommt. Aber längst nicht mit dem Umfang und Inhalt, wie wir uns das vorstellen.

Brauchen wir eine Bürgerversicherung? Oder würde sie möglicherweise Probleme weiter verschärfen?

Dr. Mathias Höschel: Wir leben in einer Zeit, in der die Zufriedenheit der Patienten sehr hoch ist. Warum sollten wir das System auf den Kopf stellen? Die Argumente für eine Systemveränderung – egal ob gesetzliches System oder privates – sind ja oft, dass die Kassenpatienten eine schlechtere medizinische Qualität bekommen. Das ist nicht der Fall. Nur beim Komfort stehen die Privatversicherten besser da. Das ist aber auch beim Bahnfahren so. Die Wartezeiten sind international viel länger in anderen Ländern. Auch hier sollte man also nicht am System rütteln.

Armin Ehl: Sehe ich auch so. Der Name hört sich gut an. Aber bei den Details zeigt sich: Es gibt keine große Notwendigkeit. Die Defizite in der Gesundheitsversorgung werden angegangen. Wer sich mehr Komfort und alle Leistungen vorbehalten will, der kann sich privat versichern. Ansonsten ist das gesetzliche System aber hochwertig. Die Diskussion wird politisch natürlich auch hochgehalten, weil man damit polarisieren kann.

Frank Rudolph: Das Thema ist ja immer wieder mal und jetzt auch aktuell wieder in der Diskussion. Karl Lauterbach von der SPD macht massiv Werbung dafür. Ich glaube, die Bürgerversicherung würde das, was schon problematisch ist, noch verstärken: Termine bei Fachärzten, lange Wartezeiten. Das sieht man in England, wo eine Staatsmedizin genau das bewirkt hat. Da warten die Leute sechs, acht, teils zehn Monate auf Termine beim Facharzt. Was würde sich denn ändern, wenn alle Menschen Kassenpatienten sind? Die Patientenzahl bleibt doch die gleiche. Es wird auch kein zusätzlicher Arzt aufs Land ziehen. Schon heute haben die Ärzte bei Kassenpatienten ein großes Problem: Es fällt immer mehr Büroarbeit an. 30 Prozent des Berufes macht das schon aus. Aber der Tag hat keine 26 Stunden – das kann auch Herr Lauterbach nicht ändern. Bürokratie oder Termine – es würde beides mit der Bürgerversicherung noch schlimmer werden.

Frank Rudolph, Geschäftsführer der PVS Berlin, Brandenburg und Hamburg

Könnten Sie sich eine Ausweitung des privaten Systems vorstellen?

Armin Ehl: Das private System hat sich ja bewährt, also ja. Es gibt viele Menschen, die das bewusst wählen. Die Kostenseite im Gesundheitssystem und was ich als einzelner Patient aufwenden muss, ist transparent. Wir plädieren also für die Entscheidungsfreiheit. Es ist ein gesunder Wettbewerb der Systeme. Es ist gut, dass es beide gibt.

Wie sieht es aus mit der Fallpauschale, um Kosten zu sparen. Sie steht derzeit wieder in der Kritik?

Armin Ehl: Die Kritik an ihnen gibt es, seit es die Fallpauschalen gibt. Der Marburger Bund hat damals auch darauf hingewiesen, dass das eine Kommerzialisierung des Gesundheitswesens bringt und genau das ist eingetreten. Ökonomisch zu handeln, ist laut Sozialgesetzbuch vorgeschrieben, da ist nichts dagegen zu sagen. Angemessen und ausreichend zugleich muss die Behandlung aber sein. Doch es geht nur noch ums Geld in den Kliniken. Die Daseinsvorsorge gerät aus dem Blick. Wir haben nur noch die Frage: Was ist drin im Topf, wie können wir das Geld optimal verteilen? Der Ansatz müsste ein ganz anderer sein: Wie ist die optimale Versorgung für den Patienten und wieviel Geld benötigen wir dafür? Manchmal wird durch die falsche Gewichtung die Versorgung ganz konkret schlechter, zum Beispiel auf den Kinderstationen. Denn kranke Kinder zu versorgen lohnt sich für die Krankenhäuser schlicht nicht mehr. Das kann nicht sein. Wir sind da an eine Grenze gekommen, unter diesen Bedingungen kann man die Fallpauschale nicht länger ansetzen, wir brauchen ein neues Finanzierungssystem. Hinzu kommt, dass die Länder, die ja für die technische Ausrüstung der Krankenhäuser stehen, seit Jahren nur die Hälfte der nötigen Investitionen tätigen. Dadurch ist ein zusätzlicher finanzieller Druck in den Krankenhäusern da. Es muss quasi aus den Fallpauschalen Geld abgeknapst werden, um das neue CT anzuschaffen.

Frank Rudolph: Das System hatte die Grundidee, Kosten zu sparen. Nur deshalb kam es in Deutschland zur Anwendung. Die zweite Forderung: Man muss mit den Krankenhäusern Geld verdienen können und der Staat muss das Vehikel dazu liefern. Heute heißt es etwas übertrieben: Da wird der blutende Patient entlassen, also dass Krankenhäuser viel zu früh den Patienten nachhause schicken. Die Kliniken werden heute nach Krankheiten bezahlt, nicht nach einem Tagessatz. Bleibt der Patient zu lange, legt das Krankenhaus Geld drauf. Muss denn die Klinik Geld verdienen? Oder sollte der Staat zahlen? Eine Staatsmedizin wollen wir nicht. Und ganz offen und ehrlich: Krankenhausärzte verdienen ordentlich Geld. Das muss irgendwie reingespielt werden. Sollen die Kassen die Ärzte demnächst bezahlen? Oder wer? Was, wenn die Kliniken dann Millionen minus machen? Zahlt dann immer die Kommune? Darauf muss man Antworten finden, wenn man solche Forderungen stellt wie die 1000 Ärzte, die das unlängst im Stern getan haben.

Die Bertelsmann Stiftung forderte unlängst, dass die Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland praktisch halbiert werden müsste. Um die medizinische Versorgung – vor allem auf dem Land – zu verbessern.

Armin Ehl: Das Profil der Studie mit den vielen Beispielen, etwa bei spezialisierten OPs, geht in eine Richtung. Klar ist es besser, sich operieren zu lassen, wo Kliniken spezialisiert sind. Bei der Akutversorgung aber zählt die Daseinsfürsorge. Eine ordentliche Versorgung muss gewährleistet sein, siehe Blinddarm-OP. Oft dauert es dann einfach zu lange, bis der Patient am Ort ist, wenn es nur noch spezialisierte Krankenhäuser in zentraler Lage gibt.

Armin Ehl, Hauptgeschäftsführer der Ärztegewerkschaft Marburger Bund

Dr. Mathias Höschel: Ich glaube, dass sich die Krankenhäuser einer Strukturreform überhaupt nicht versperren. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Zahl der Kliniken auch tatsächlich verringert. Auch die Zahl der Betten hat sich reduziert. Solche Studien wie die der Bertelsmann Stiftung dienen ja auch dazu, Aufmerksamkeit zu generieren und deshalb haben sie Spitze Forderungen. Tatsache ist: Wir befinden uns schon in einem Prozess des strukturellen Umbaus. Aber die radikalen Wege sind immer problematisch. Sie kosten auch sehr viel Geld, wie die Studie belegt. Realitätsbezogen ist die Versorgung auf dem Lande schlecht, die Ballungszentren dagegen sind überversorgt. Kosten spart man mit radikalen Umbaumaßnahmen nicht. Das sieht man auch am Beispiel Dänemark: Dort gibt es nur wenige Medizinzentren, die eine umfangreiche Komplettversorgung liefern. Trotzdem ist das System teurer als unseres. Man muss sich die Frage stellen: Was ist uns Gesundheit wert? Wenn es nur um wirtschaftliche Fragen geht, erhält man dann eben auch nur wirtschaftliche Antworten. Siehe Fallpauschalen. Es geht darum: Wie kümmern wir uns am besten um das Patientenwohl?

Frank Rudolph: Das Problem ist doch oft: Es gibt nicht die bestmögliche Behandlung für die Patienten. Wenn ich eine OP an der Prostata brauche, möchte immer zu den Experten dafür, zu denen, die Routine haben. Nicht an die Peripherie, wo alles angeboten wird, sondern eben ins medizinische Zentrum. Eine Klinik, die alles anbietet, ist nie ausgelastet und deswegen nicht konkurrenzfähig bei einer Maximalversorgung. Also ist es besser, die Spezialisierung zu fördern. Besser, der Arzt macht die OP 200 mal im Jahr, als zwei mal. Ich kenne ein Beispiel, bei dem ein Patient mit Bauchspeicheldrüsen-Krebs – das ist quasi ein Todesurteil – die Wahl hatte, in eine Spezialklinik nach Heidelberg zur OP zu gehen oder in das Krankenhaus um die Ecke. Er entschied sich für die Experten, auch wenn sie schwerer zu erreichen waren von seinem Wohnort aus. Der Mann kam zu den Koryphäen. Nach 14 Tagen kam er wieder raus aus der Klinik. Er lebt heute noch. Einfach weil in Heidelberg jeder Handgriff saß.

Was müsste man tun, um die medizinische Versorgung auf dem Land zu verbessern.

Armin Ehl: Nicht über eine Landarztquote reden jedenfalls. Das macht keinen Sinn. Die Versorgungssituation ist wichtig. Wie können wir mit modernen Mitteln, zum Beispiel der Telemedizin, Distanzen überbrücken? Da gibt es neue Möglichkeiten, die auch schon genutzt werden, zum Beispiel zwischen Berlin und Brandenburg. Die Versorgung ist wichtig, sie darf auf dem Land auf keinen Fall schlechter sein.

Dr. Mathias Höschel: Ich würde schon die Frage stellen: Wer kommt ins Studium? Da bin ich gar nicht so sehr gegen eine Landarztquote an den Universitäten. In einem gewissen Umfang. Und es ist wichtig, herauszufinden, warum wir während des Studiums so viele Abbrecher haben. Es kommen nur noch 70 Prozent zum Studienabschluss. Wir müssen uns auch über den Weg Gedanken machen. Der Arztberuf wird immer mehr von Verwaltungs- und Kontrolltätigkeiten bestimmt. Das schreckt viele junge Leute ab. Wir müssen den Arztberuf wieder attraktiver machen.

Frank Rudolph: Es sind viele Faktoren. Am meisten zählt, dass der ÖPNV, die Jobchancen für die Partner, die Schulen und Kindergärten für die Kinder, die Erschwinglichkeit von Grundstücken und Immobilien am Ort einfach attraktiv sein müssen. Dann gehen die Ärzte auch gerne aufs Land.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von Interviews mit deutschen Gesundheitspolitikern, für die die Rheinische Post mit der Hamburger Agentur Nawrocki PR & Communication GmbH & Co. & KG und dem BVVG e. V https://www.bvvg-ev.de/start/ kooperiert.