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„Es gibt zu wenige Generalisten!“

Serie: Der Gesundheits-Check (8) : „Es gibt zu wenige Generalisten!“

Viele Themen rund ums deutsche Gesundheitssystem beschäftigen derzeit nicht nur Politiker. Sie bewegen und beunruhigen auch die Menschen in ihrem Alltag. Im Interview gibt Maria Klein-Schmeink, Gesundheitsexpertin von Bündnis 90/ Die Grünen, ihre Einschätzungen von Pflegereform bis Coronavirus wieder. Zu den gleichen Fragen äußert sich auch Dr. Mathias Höschel, Vorsitzender vom Bundesverband Verrechnungsstellen Gesundheit e.V. (BVVG).

Wie schätzen Sie die Gefahr durch das Coronavirus ein?

Maria Klein-Schmeink: Grundsätzlich empfiehlt sich ein hohes Maß an Sachlichkeit, Umsicht und Transparenz. Auf Basis wissenschaftlicher Einschätzungen, wie der des Robert-Koch-Instituts, sollten alle Zuständigen, auch die Bundesregierung, weitere Maßnahmen ableiten. Vorsorge ist das oberste Gebot. Der Schutz besonders verletzlicher Personen ist wichtig. Krankenhäuser müssen auf eine Zunahme der Corona-Infektionen vorbereitet sein, etwa Isolierzimmer vorhalten und Schwerpunktkliniken definieren. Medizinisches Fachpersonal, das mit Infizierten in Kontakt kommt, muss ausreichend geschützt werden. Ein einheitliches Vorgehen der einzelnen EU-Mitgliedstaaten zum Umgang mit Verdachtsfällen ist zudem unbedingt notwendig

Dr. Mathias Höschel: Gesundheitlich sind die Folgen noch schwer zu beurteilen, die meisten realisieren nicht, dass sie krank sind. Zudem sind die Verläufe meist mild. Kinder scheinen Corona besonders gut zu „vertragen“, was ihre Abwehrkräfte angeht. Für die Handelnden ist es ein Dilemma. Gesundheitsminister Jens Spahn erlebt gerade Überbietungswettbewerbe an Hysterie. In der Schweiz werden jetzt die Fußballspiele abgesagt. Viele Messen werden derzeit abgesagt. Medizinisch müssen wir uns nicht zu sehr fürchten, so scheint es. Aber für die Weltwirtschaft ist das Virus jetzt schon ein Desaster.

Wie muss man von politischer Seite der aktuellen Panikmache entgegentreten?

Maria Klein-Schmeink: Information auf allen Kanälen. Es braucht eine breit angelegte Informationskampagne, mit der die Bevölkerung umfassend aufgeklärt und unnötige Aufregung vermieden wird. Wichtig ist auch der Hinweis, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht durch Panikhandeln die Situation verschärfen sollten. Die Infektion verläuft für die meisten sehr leicht, kann aber gerade für vorgeschädigte, ernsthaft gesundheitlich beeinträchtigte Menschen gefährlich werden.

Dr. Mathias Höschel: Es gibt ja kaum noch ein anderes Thema. Die Medien sind voll damit, weil es eben auch verkauft. Natürlich dürfen Politik und Medien nichts totschweigen, aber ein bis zweimal am Tag berichten, würde auch ausreichen. Es muss nicht rund um die Uhr sein. Die Menschen werden panisch – jedes Unwohlsein deutet jetzt gleich auf eine desaströse Erkrankung hin. Herr Spahn muss der Spagat gelingen zwischen medizinischer Vorsicht und der Fürsorgepflicht des Staates auf der einen und dem Erhalt der wirtschaftlichen Kraft Deutschlands auf der anderen Seite. Grenzschließungen und dergleichen sind übertrieben als Maßnahme, wie soll das denn gehen. Die Aufgabe für die Politik ist immens: Das Virus wird sich weiter exponentiell entfalten, es lässt sich nicht aufhalten. Die Folgen davon sind medizinisch gesehen, wie gesagt, nicht so desaströs. Für die Wirtschaft, aber auch für die Krankenkassen, wird es eine Herausforderung sein.

Braucht Deutschland eine Pflegereform?

Maria Klein-Schmeink: Sie ist mehr als überfällig. Die Pflegeleistungen wurden niemals angemessen dynamisiert. Das bedeutet, dass alle Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen und der Vergütung für Pflegekräfte zu Lasten der Pflegebedürftigen gehen. Die Verbesserungen drängen angesichts des Fachkräftemangels. Darum muss jetzt für eine nachhaltige Finanzierung gesorgt werden, die die Pflegebedürftigen entlastet und zugleich Verbesserungen für die Pflegekräfte ermöglicht. Wir schlagen dafür, neben der Pflegebürgerversicherung, die doppelte Pflegegarantie vor: Der Eigenanteil in der Pflegeversicherung wird festgeschrieben, alle darüberhinausgehenden Kosten übernimmt die Pflegeversicherung. Zur Finanzierung fordern wir einen Steuerzuschuss.

Maria Klein-Schmeink, Gesundheitsexpertin von Bündnis 90/ Die Grünen

Dr. Mathias Höschel: Wir hatten bereits Reformen über Reformen. Das hat auch im Pflegebereich einen Wettbewerb in Gang gesetzt, was die Honorierung und Bezahlung von Mitarbeitern angeht. Und der Kampf um gute Leute geht weiter – egal ob stationär oder ambulant. Die Mitarbeiter wachsen nicht auf den Bäumen. Und es gibt einen extremen Mangel, was den Nachwuchs angelangt. Als ich mich niederließ vor 20 Jahren brauchte ich keine Annonce schalten, es gingen stapelweise Bewerbungen ein, etwa für Ausbildungsstellen in der Praxis. Heute kann ich froh sein, wenn eine einzige Bewerbung eintrudelt. Es ist wie im Handwerk: Personal wird teurer und anspruchsvoller werden in unserer Branche. Wir müssen uns unsere Gesundheit etwas kosten lassen. Der Einzelne muss mehr leisten, Familienverbünde müssen mehr tragen, wenn etwa die Großeltern Pflege brauchen. Die Beiträge werden weiter gestaffelt ansteigen müssen.

Wie macht man den Pflegeberuf interessanter? Und macht es weiter Sinn, Pflegekräfte aus dem Ausland zu „rekrutieren"?

Maria Klein-Schmeink: In anderen Ländern wenden Pflegekräfte regelmäßig invasive Maßnahmen an. Der Pflegeberuf wird nur interessanter, wenn er eigenständige Kompetenzen erhält. Allerdings kann das „Abgeben von Kompetenzen“ nur ein erster Schritt zu mehr Kooperation zwischen den Gesundheitsberufen auf Augenhöhe sein. Es geht darum, im Sinne der Patienten eine Versorgung zu gewährleisten, bei dem jede und jeder Angehörige eines Gesundheitsberufs ihre und seine Kompetenzen zum Wohle der Patienten einsetzt. Im Austausch mit Angehörigen anderer Berufe. Wir werden kompetente Pflegekräfte dringend brauchen, um die Versorgung flächendeckend gewährleisten zu können. Ein Konzept der Zukunft ist die Gemeindepflege.

Dr. Mathias Höschel: Der Import von Pflegefachkräften ist ja kein neues Phänomen. Seit Jahrzehnten holen wir uns schon die Leute aus Korea und Vietnam her oder aktuell aus Osteuropa oder Venezuela. Das wird auch in Zukunft so sein und bezieht sich auch auf den Ärztenachwuchs. Die Bezahlung in Deutschland macht vielen den Schritt leichter. Denn so schlecht werden Pfleger in Deutschland gar nicht bezahlt. Aber wir können nicht unbegrenzt anderen Ländern die Fachkräfte entreißen. Ich denke, dass wir aber selbst darauf achten müssen, dass der Beruf auch hierzulande attraktiver wird. Pflegeroboter und andere technische Unterstützung, mehr Personal und ein humanerer Schichtdienst wären nötig. Aber das kostet alles auch Geld.

Sehen Sie noch eine Chance für das Konzept der Bürgerversicherung?

Maria Klein-Schmeink: Meines Erachtens ist die Angleichung der Systeme unausweichlich. Viele PKV-Versicherte sind heute überfordert, und können insbesondere im Alter ihre Beiträge nicht mehr bezahlen. Darüber hinaus bedroht die Zinsentwicklung das Geschäftsmodell der PKV. Unser Modell ermöglicht mehr Gerechtigkeit, indem die Versicherten nach ihrer Leistungsfähigkeit verbeitragt werden statt nach ihrem Gesundheitszustand und es Wahlfreiheit für alle gibt. Außerdem ist eine Bürgerversicherung solidarischer, da auch Gutverdienende einbezogen werden. Auch PKV-Unternehmen werden unsere Bürgerversicherung anbieten dürfen. Somit eröffnet sie der PKV ein neues Geschäftsmodell weg von der Rechnungsstelle hin zur Organisation von guter Versorgung.

Dr. Mathias Höschel: Ich hoffe, dass sich dieses Konzept niemals durchsetzen wird. Wir verlören damit Dinge, die sich bewährt haben – und zwar über Jahre. Der Wettbewerb hat uns genutzt und die Versorgung der Versicherten besser gemacht. Aber Patienten sind nicht nur passive Versorger, sie sind auch aktive Nutzer des Systems. Es wäre ein Fehler jeden Funken an Wettbewerb zu ersticken. Die PKV erfand sich in den vergangenen Jahrzehnten immer neu und machte sinnhafte Angebote, ohne dass die Beiträge zu sehr stiegen. Es geht also nicht nur um Komfort, sondern auch das Angebot, dass für den Patienten ständig erweitert wird. Ohne Systemwettbewerb gäbe es diese dynamische Entwicklung nicht. Alle würden dann gleich schlecht behandelt werden, statt gleich gut.

Was ist die Lösung für das Krankenhaussterben? Müssen sich die Kliniken stärker spezialisieren?

Maria Klein-Schmeink: Es darf keinen „kalten Abriss“ über Unwirtschaftlichkeit oder Privatisierungen zum Zwecke von Einsparungen geben. Es muss immer der Vorrang der Versorgungssicherheit gelten. Unbestritten brauchen wir eine Reform der Krankenhausstruktur. Im europäischen Vergleich haben wir ausgesprochen viele Krankenhausbetten. Und in Zukunft werden wir noch mehr Probleme bei der Personalausstattung haben als heute. Wir wollen ein koordiniertes Vorgehen und fordern deshalb seit langem eine sektorübergreifende Planung in den Regionen, ein gestuftes Konzept von Grundversorgung, Notfallversorgung und Spezialisierung in den Gesundheitsregionen, die kooperativ für Versorgungssicherheit und Patientennähe stehen. Am Ende braucht der ländliche Raum eine verlässliche Versorgungsstruktur. Daran müssen Bund und Länder gemeinsam arbeiten.

Dr. Mathias Höschel: Jetzt mit dem Coronavirus sorgen Hysterie und Bedarf gleichermaßen dafür, dass das Gesundheitssystem auf die Probe gestellt wird. Die Erhaltung der Kliniken wird jetzt plötzlich ganz anders bewertet. Alle Parteien wissen aber, dass wir nicht jedes medizinische Fach an jeder Klinik vorhalten können. Spezialisierung ist wichtig, die Grundversorgung in der Breite muss aber genauso erhalten bleiben. Wie man geschickt kluge Patientenlogistik und Verteilung vorhält, das müssen wir herausfinden und weiterentwickeln. Und auch die Technik nutzen: Telemedizin etwa kann in entlegenen, bevölkerungsarmen Regionen ein guter Ansatz sein. Aber da ist dann eben gleich auch wieder ein guter Netzausbau wichtig.

Was tun gegen den Landärztemangel?

Maria Klein-Schmeink: Es gibt zu viele Spezialisten und zu wenige Generalisten. Wir müssen die hausärztliche Versorgung aufwerten. Und auch eine neue Form der Primärversorgung unter Einbeziehung anderer Gesundheitsberufe, vornehmlich der Pflege, entwickeln. Auch Hebammen und die therapeutische Gesundheitsfachberufe können eine wichtige Rolle spielen. Für bestimmte Diagnosen kann ein Direktzugang zu einem Therapeuten, etwa für Physiotherapie, sinnvoll sein, wie es in anderen Ländern längst gemacht wird. Darum fordern wir, dass endlich Modellversuche zum Direktzugang ermöglicht werden. Man braucht vielleicht nicht an jedem Ort einen Arzt oder eine Ärztin, aber die Menschen brauchen die Sicherheit, dass eine Versorgungsmöglichkeit schnell erreichbar ist.

Dr. Mathias Höschel: In NRW haben wir mit der Landarztquote gute Erfahrungen gemacht. Früher haben sich manche junge Ärzte einfach aus dem Staub gemacht, wenn das Studium vorbei war und sie woanders leben wollten. Heute sieht das anders aus. Ganz klar: Es gibt einen Klebeeffekt: Die jungen Leute bleiben oft dort, wo sie ausgebildet wurden und Partnerschaften und Freunde gefunden haben. Deshalb ist der Ansatz gut, genau dort hinzugehen, wo es einen Mangel an Ärzten gibt und dort auch neue Hochschulen aufzubauen. So wirkt man der Unterversorgung entgegen. Es muss nicht immer alles in den Ballungszentren angesiedelt sein. Aber wir befinden uns in Deutschland auch auf dem Land immer noch auf einem guten Niveau der Versorgung. Da haben andere Länder größere Sorgen.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von Interviews mit deutschen Gesundheitspolitikern für die Rheinische Post, die mit der Hamburger Agentur Nawrocki PR & Communication GmbH & Co. KG: http://www.nawrocki-pr.de/, der DAK: https://www.dak.de/dak/darum-sind-wir-die-richtige-wahl-2086670.html und dem BVVG: https://www.bvvg-ev.de/start/ kooperiert.