Deutschlands Talentschuppen: Diese Nachwuchs-Politiker könnten 2030 wichtig sein

Deutschlands Talentschuppen: Diese Nachwuchs-Politiker könnten 2030 wichtig sein

Die breite Öffentlichkeit bekommt von jungen Aufsteigern in den Parteien wenig mit. Wer sind die jungen Talente, die "Rising Stars" von CDU, CSU, SPD, Grünen, Linken, FDP und AfD? Diese 15 Kandidaten könnten bald Karriere machen.

Angela Merkel ist noch immer auf dem Weg, Helmut Kohls Rekord von 16 Jahren Kanzlerschaft einzuholen. Aber 2030 wird die heute 63-Jährige wohl wirklich nicht mehr Regierungschefin sein, vermutlich auch nicht mehr CDU-Chefin. Und gemessen am Verschleiß der SPD an Parteichefs, wird wohl auch Martin Schulz in zwölf Jahren politische Vergangenheit sein.

Doch wer sind die jungen Talente, die "Rising Stars" von CDU, CSU, SPD, Grünen, Linken, FDP und AfD, die dann in der ersten Reihe stehen könnten? Oft bekommt die breite Öffentlichkeit lange nichts von ihnen mit, weil sie auf kleinerer Ebene agieren. Womöglich werden sich im nächsten Jahrzehnt die Koordinaten noch kräftig verschieben, wird etwa die AfD an Bedeutung verlieren. Aber diese sieben Politikerinnen und Politiker haben das Potenzial, große Karriere zu machen.

CSU: Stephan Pilsinger (r.) (30) Foto: imago

Nadine Schön (34, CDU) hat es bereits weit gebracht. Die Saarländerin ist stellvertretende Bundestagsfraktionsvorsitzende mit Schwerpunkt Digitalisierung. Die Juristin und Mutter zweier Söhne pendelt zwischen der Bundesbühne und ihrer "lebenswerten und liebenswerten Heimat". Nur genau diese wirkt im Moment wie eine Bremse. Merkel muss alle Landesverbände bei der Besetzung der Spitzenposten berücksichtigen. Aus dem kleinen Saarland kommt bereits Kanzleramtschef Peter Altmaier. Und Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer wäre Merkels erste Wahl, wenn sie noch jemanden von der Saar an die Spree holen kann. So könnte Schön erst einmal in Wartestellung bleiben.

Philipp Amthor (25, CDU) ist der jüngste Bundestagsabgeordnete der CDU. Bei der Wahl im September hat er in seinem Wahlkreis Vorpommern-Greifswald II, Mecklenburgische Seenplatte I) — eine AfD-Hochburg - den AfD-Kandidaten überraschend deutlich auf Abstand gehalten und das Direktmandat gewonnen. Auf seine Wahlplakate schrieb er seine Handy-Nummer, damit Bürger ihn direkt erreichen können. Amthor redet über Politik, als wäre er schon jahrzehntelang dabei. In der CDU sind sie schon auf ihn aufmerksam geworden.

SPD: Dirk Wiese (34) Foto: SPD

Stephan Pilsinger (30, CSU) ist der einzige Arzt seiner Partei im Bundestag. Sein Metier ist die Gesundheitspolitik — das Format "Pilsingers Sprechstunde" kein Zufall. Bei der Nominierung setzte sich der junge Kardiologe deutlich gegen die Bundestagsabgeordnete Julia Obermeier durch und machte danach mit ungewöhnlichen Auftritten auf sich aufmerksam. Das Netzwerken beherrscht er als Münchner Junge-Union-Chef - und nun als Großstadt-Abgeordneter im Bundestag. In der milliardenschweren Gesundheitsbranche kann es einer mit Ahnung und Kontakten weit bringen.

Dorothee Bär (39, CSU) kommt zielstrebig voran. Zuerst stellvertretende Generalsekretärin, dann Parlamentarische Staatssekretärin und nun frischgebackene stellvertretende Parteivorsitzende. So jung stand schon lange keine Frau mehr an der Parteispitze. Ein gestandener Bundesminister musste ihrem Vorankommen weichen. Dass das Verkehrsministerium um die digitale Infrastruktur erweitert wurde, kam der Twitter- und Instagram-Aktivistin sehr entgegen. Und dass sie sowohl auf Seehofer als auf Söder setzte, kann ihr unter den neuen Machtverhältnissen nicht schlecht bekommen.

FDP: Ria Schröder (25) Foto: Weber

Dirk Wiese (34, SPD) wurde im Januar Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Er folgte damit auf Brigitte Zypries nach, die das Ressort im Januar von Sigmar Gabriel übernahm. Wiese ist Abgeordneter des Hochsauerlandkreises, wo einst Franz Müntefering antrat. Der Paderborner Jurist arbeitete bei dem früheren SPD-Chef als Referent. Er gilt nicht nur beim konservativen Seeheimer Kreis der SPD als Talent. In der Bundestagsfraktion heißt es, er sei für die Zukunft gesetzt.

Josephine Ortleb (30, SPD) hat es geschafft, ihren Wahlkreis Saarbrücken im September erstmals seit 2005 wieder direkt für ihre Partei zu gewinnen — gegen den erfahrenen CDU-Mann Bernd Wegner. Mit 30 Jahren gehört sie zu den jüngsten Abgeordneten im Bundestag und will Schwerpunkte etwa in der Kulturpolitik setzen. Die Fachwirtin im Gastgewerbe lernte unter anderem als Mitarbeiterin von Elke Ferner, Vorsitzende der Arbeitsgruppe sozialdemokratischer Frauen, das politische Geschäft kennen.

Grüne: Annalena Baerbock (37) Foto: imago
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Ria Schröder (25, FDP) wechselte vom Rheinland nach Hamburg des Studiums wegen und trat dort in die FDP ein, als die im Bund am Boden lag. Motiv: die Partei jünger und moderner machen. Sie gehört zum Nachwuchs der Powerfrauen der Liberalen, hat Snowboardfahren als Hobby und setzte sich als Direktkandidatin gegen einen gestandenen FDP-Politiker durch. Landesvorstand Hamburg, Bezirksvorstand Eimbsbüttel, das klingt nach gediegener Regionalkarriere — tatsächlich mischt sie als Vize-Chefin aber auch schon den Bundesverband der Jungen Liberalen mit auf.

Linke: Katalin Gennburg (33) Foto: privat

Annalena Baerbock (37, Grüne) ist seit 2005 bei den Grünen und hat schon eine steile Karriere hingelegt, die sie noch nach ganz oben führen kann. Von 2009 bis 2013 war die gebürtige Hannoveranerin Landesvorsitzende in Brandenburg, 2013 kam sie in den Bundestag. Die lebhafte Energieexpertin war Mitglied des Jamaika-Sondierungsteams. Sie gilt als durchsetzungsfähig. Nun will sie neben Robert Habeck Parteichefin werden. Sollte sie an den Parteilinken scheitern, schlägt ihre Stunde eben später.

Oliver Hildenbrand (29, Grüne) stieg bereits 2013 — als damals 25-Jähriger — zum Landeschef der Grünen in Baden-Württemberg auf, einem der größten und einflussreichsten Landesverbände. 2006 kandidierte er als landesweit jüngster Abgeordneter für den Landtag, verfehlte jedoch ein Mandat. Später war er Sprecher der Grünen Jugend. Der studierte Psychologe war 2011 an den Koalitionsverhandlungen der Grünen mit der SPD und 2016 mit der CDU in führender Position beteiligt. Er wagte es auch, Landesvater Winfried Kretschmann (69) zu widersprechen, etwa in der Flüchtlingspolitik. Das sind gute Voraussetzungen.

AfD: Markus Frohnmaier (26) (links) Foto: dpa

Katalin Gennburg (33, Linke) engagiert sich seit 2001 bei der Linken, die damals noch PDS hieß. Im vorigen Jahr nahm die studierte Stadtforscherin bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl im Wahlkreis Treptow-Köpenick der SPD das Direktmandat ab. Seit 2016 ist sie Bundesvorstandsmitglied der Linken. Stadtentwicklung und Wohnungspolitik sind ihre Schwerpunkte. In der Partei heißt es über sie, ihr stünden die Türen offen. Dabei sei sie auf wohltuende Weise "nicht vom Ehrgeiz zerfressen". Die Mutter einer achtjährigen Tochter sagt über sich selbst: "Ich habe keine Karriere-Strategie und in den vergangenen 16 Jahren hat es extrem gut funktioniert, die nicht zu haben".

Victor Perli (35, Linke) ist im Jahr 2000 zu den Linken gekommen und hat damals die Ortsgruppe Wolfenbüttel gegründet. Von 2008 bis 2013 saß er im niedersächsischen Landtag. Bei der Bundestagswahl im September schaffte er den Sprung ins Bundesparlament. Perli hat die italienische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Er wurde im Jahr 2007 in Deutschland eingebürgert. Zu seinen Schwerpunkten gehört die Umweltpolitik. Die Linke hat eher wenig junge Talente, die schon lange dabei sind. Perli gehört dazu.

Johannes Vogel (35, FDP) kann 2030 Bundesminister sein, wenn die FDP dann eine passende Position im sozialpolitischen Bereich zu vergeben hat. Nach einem Senkrechtstart an die Spitze der Julis übernahm der Wermelskirchener bereits 2009 die Formulierung der liberalen Arbeitspolitik als Sprecher der Bundestagsfraktion, blieb nach dem Rauswurf der FDP aus dem Bundestag als NRW-Generalsekretär auf Chefkurs und hat das neue Rentenkonzept mit entworfen. Natürlich gehörte er als Verhandler dem Jamaika-Sondierungsteam an, beherrscht aus dem Stand auch jede Talkshow.

Jana Schneider (22, AfD) beherrscht die AfD-Technik der Provokation mit anschließender Distanzierung perfekt. Auch in ihrer eigenen Vita. Sie ist lesbisch und vertritt das traditionelle Familienbild. Um den Hals trägt sie Thors Hammer und bekennt, in der Jugend auch mal beim Grünen-Nachwuchs gewesen zu sein. Nach den Attentaten in Paris wollte sie "Moscheen zumachen" lassen, nach den Kölner Silvesterausschreitungen illustrierte sie die "Armlänge Abstand" mit einer schussbereiten Magnum. Als Chefin der Alternativen Jugend in Thüringen posiert sie gerne mit dem rechtsnationalen Björn Höcke.

Markus Frohnmaier (26, AFD), ehemals Pressesprecher der ausgetretenen AfD-Chefin Frauke Petry, hat die von ihm angeführte Alternative Jugend dort aufgestellt, wo ein Höcke anfängt, sich zu entschuldigen. Wenn die AfD weiter nach rechts rückt, kommt sie bei der Patriotischen Plattform und bei Frohnmaier aus. Der von deutschen Eltern in Rumänien adoptierte junge Rechte soll von Petry als "Kampfzwerg" charakterisiert worden sein. Er schaffte es sicher in den Bundestag und versucht nun bereits, die AfD als "volkskapitalistische Partei recht der Mitte" zu positionieren.

(RP)
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