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Kempen: Zum sechsten Mal werden Stolpersteine verlegt

Fakten & Hintergrund : Stolpersteine: Gedenken an Nazi-Opfer

Am Montag, 22. Juni, werden in Kempen zum sechsten Mal Stolpersteine verlegt – für zehn durch die Nazis verfolgte Bürger. Die Zeremonie beginnt um 12 Uhr an der Von-Loe-Straße 7 mit dem Gedenken an die in der Gaskammer von Hadamar ermordete Gertrud Mermet und setzt sich an der Siegfriedstraße 6 fort: Mit einer Würdigung des bedeutenden Kempener Künstlers Fritz Wingen, der im Konzentrationslager Majdanek starb.

An der Rabenstraße wird ein Stein für den wegen seines Widerstands verfolgten Hermann Chickowsky platziert werden und an der Umstraße für die Jüdin Adele Bruch, die nach ihrer Emigration in den USA an Krebs verstarb. Hier wird auch an Salomon und Luise Rath und deren Tochter Erika erinnert werden, die nach England emigrieren konnten. Und an Andreas Rath, der im KZ verhungerte. In der Nachbarschaft lebten Karolina Winter, deren Lädchen in der Pogromnacht verwüstet wurde, und Sarah Rath. Sie durchlitt in den Niederlanden eine Odyssee durch mehrere Verstecke. Nach Deutschland zurückkehren wollte sie nach dem Krieg nicht mehr. Seelisch und körperlich gebrochen, starb die Kempenerin 1968 in Arnheim.

Vor dem Haus Umstraße 35 wird ein Stolperstein für Sarah Rath verlegt. Sie überlebte in den Niederlanden in verschiedenen Verstecken. Foto: Hans Kaiser

Greifen wir einige Schicksale heraus. Im Haus Von-Loe-Straße 7 wohnte mit seiner Familie der Reichsbahnoberinspektor Franz Mermet, seit 1931 im Ruhestand und anschließend Autoverkäufer bei der Firma Kilders. Mermet war Idealist und traute wie so viele damals Anfang der 1930er-Jahre nur der NSDAP zu, Deutschland aus der Katastrophe der Weltwirtschaftskrise herausführen zu können.

Am 1. Dezember 1931 gründete Franz Mermet die Kempener Ortsgruppe der NSDAP. Als er die wirklichen Absichten der Nazi-Partei zu durchschauen begann, hielt der eigenwillige und temperamentvolle Mann mit seiner Kritik nicht zurück und wurde von der NS-Kreisleitung seines Postens als Ortsgruppenleiter enthoben. Zum Selbstschutz blieb er formal in der Partei.

Mermet hatte eine jüngere Schwester, Gertrud, auch Traudchen genannt, geboren am 5. Mai 1881. Sie war geistig verwirrt. Als sie nicht mehr allein leben konnte, hatte Franz Mermet sie in seiner Wohnung aufgenommen. Aber Traudchen Mermets Zustand verschlimmerte sich, sie wurde aggressiv und gelegentlich sogar handgreiflich. Die Familie wusste sich keinen Rat mehr und brachte sie 1928 in die Landesheilanstalt Süchteln, wo man sich gut um sie kümmerte. Das änderte sich, als 1933 die Nazis die Macht ergriffen. Denen galt die hochgradig Behinderte als „Volksschädling“.

Am 11. Juni 1941 wurde Traudchen Mermet mit 84 anderen behinderten Frauen von Süchteln in die „Zwischenanstalt“ Galkhausen gebracht, die als Zubringer für die Tötungsanstalt Hadamar diente. Hier wurde sie am 22. Juli 1941 in der Gaskammer ermordet. Bei den NS-Dienststellen erhielt Franz Mermet auf seine Frage, was mit ihr geschehen sei, keine Auskünfte. In der Folge muss er jedoch von ihrem Schicksal erfahren haben. Im Dezember 1943 tut er vor anderen die Äußerung: „Adolf Hitler ist ein Vollblutidiot!“ Nur durch die Intervention des Düsseldorfer Stellvertretenden Gauleiters Carl Overhues, den er aus der „Kampfzeit“ der Nazis gut kannte, kam Franz Mermet vor dem KZ davon.

An der Umstraße 12, wo sich heute die Einfahrt auf den Parkplatz befindet, lag der winzige Laden der jüdischen Kleinhändlerin Karolina Winter. „Linchen“ Winter war nach der Erinnerung von Zeitzeugen eine „Seele von Mensch“, die mit den Kindern, die bei ihr einkauften, eine unglaubliche Geduld hatte. Bei ihr war es üblich, dass ihre Kunden bei ihr anschreiben ließen. Als am Vormittag des 10. November 1938, der Pogromnacht, überall in Kempen die jüdischen Wohnungen und Läden verwüstet werden, zerbricht der SA-Sturmführer Ernst Sipmann, Abteilungsleiter im Kempener Arbeitsamt, mit dem silbernen Gebetsstab der jüdischen Gemeinde, den er aus der gebrandschatzten Synagoge geraubt hat, die Schaufensterscheiben des Lädchens. Dann demoliert er die Inneneinrichtung der 70 Jahre alten Frau. Damals gibt es in den kleinen Geschäften viele Waren noch lose, also unverpackt zu kaufen. Sie wurden meist in Schubladen gelagert. Die Nazis reißen alle Schubladen aus Linchen Winters Schränken. Ihren Inhalt schütten sie auf dem Boden des Geschäftchens auf einen Haufen aus. Der Kempener Helmut Ringforth, damals ein zehnjähriger Schuljunge, hat sich später erinnert, wie es im Laden aussah, als die Nazis ihn verlassen hatten: „Linchen Winter stand, an die Wand gedrückt, wie gelähmt da, und die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie betrachtete ihre Waren, die verstreut auf dem Boden lagen, und sagte immer wieder nur: ‚Ick hebb doch ni-emes jet jedo-en – ick hebb doch ni-emes jet jedo-en.’“ („Ich hab doch niemand was getan!“)

Am Abend zieht wie jedes Jahr am 10. November der St.-Martins-Zug durch die Straßen. Vor Linchen Winters verwüstetem Laden sehen die singenden Kinder die auf die Straße geworfenen Einrichtungsgegenstände und Lebensmittel liegen: Mehl, Zucker, Einmachgläser. Die Kinder recken die Hälse; aber vor der niedergebrannten Synagoge stehen noch Kempener Feuerwehrleute, die Brandwache halten. Sie drängen sie: „Singen! Weiter gehen!“ „Wir zogen singend daran vorbei“, hat sich der Zeitzeuge Erich Wüllems erinnert. „Immer, wenn der St.-Martins-Zug durch Kempen zieht, kommen die Bilder aus der Vergangenheit zurück.“

Andreas Rath starb 1942 im Konzentrationslager. Foto: Yad Vashem

Gleich neben Linchen Winter wohnte der Junggeselle Andreas Rath. Ein freundlicher, zurückhaltender Mann mit dicken Brillengläsern, ärmlich gekleidet, der das Rindvieh der jüdischen Viehhändler zu deren Weide am Krefelder Weg trieb. Die grenzte an den Garten des Postbeamten Heinrich Sturm, der mit seiner Familie an der St. Töniser Straße 76 wohnte. Einer seiner Söhne, der 1922 geborene und 2018 gestorbene Ferdinand Sturm, hat sich gut an den jüdischen Nachbarn erinnert: Andreas Rath erlaubte ihm und seinen Geschwistern, ihre Gänse auf seine Weide zu treiben, und alle hatten ihren Spaß dabei. Aber seit der nationalsozialistischen Machtübernahme hatte Andreas Rath keinen Verdienst mehr und musste von seinen Verwandten unterstützt werden. Bis Ende 1933 baten ihn die Sturms gelegentlich noch zu einem „Verzäll“ in ihr Haus – aber nun musste das geheim bleiben. Am 11. Dezember 1941 wurde Andreas Rath aus seinem Haus an der Umstraße von der Kempener Polizei zum Bahnhof gebracht und mit elf anderen Juden in das Ghetto der lettischen Hauptstadt Riga deportiert. Im Dezember 1942 ist er im nahe gelegenen KZ Salaspils verhungert.