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Gladbach in der Relegation: Torsten "Knippi" Knippertz und Co. über De-Camargo-Tor

„Ich habe geheult“ : Drei Relegations-Zeugen über die unglaubliche Atmosphäre im Borussia-Park

Sie alle waren im Borussia-Park, als Igor de Camargo das 1:0 gegen Bochum schoss, aber in unterschiedlichen Rollen. Stadionsprecher Torsten „Knippi“ Knippertz erinnert sich an „1000 Stromschläge“, ein Fan landete einen Youtube-Hit und ein Ordner konnte das Tor nicht sehen, nur hören.

„Der Urschrei war der Wahnsinn“: Torsten „Knippi“ Knippertz war gegen Bochum als Stadionsprecher im Einsatz

„Ich habe schon viel mitgemacht im Leben als Borussia-Fan, einen Pokalsieg, zwei Wiederaufstiege, vieles, an das man gern zurückdenkt. Aber die Erinnerung an die Relegation weckt wieder Gefühlswallungen in mir, wie es wenige andere Ereignisse schaffen.

 Torsten „Knippi“ Knippertz stand als Stadionsprecher gegen Bochum am Spielfeldrand.
Torsten „Knippi“ Knippertz stand als Stadionsprecher gegen Bochum am Spielfeldrand. Foto: imago images/eu-images/via www.imago-images.de

Ich muss aber ausholen: Das Spiel ist nicht losgelöst zu sehen von der gesamten Saison. Nach zehn Punkten nach der Hinrunde hat keiner mehr einen Pfifferling auf Borussia gesetzt. Außer wir im internen Kreis. Es gab ein Treffen auf der Geschäftsstelle mit Stephan Schippers und Max Eberl. Dabei haben wir uns, unabhängig von der Mannschaft, auf die Rückrunde eingeschworen. Ich hatte an dem Tag eine grüne Krawatte an, obwohl ich sonst nie Krawatten trage. Es war für mich ein Symbol, dass wir weiter Hoffnung haben. Dann war es eine unglaubliche Rückrunde, die uns das Relegationsspiel gegen Bochum beschert hat. Allein das zu erreichen, war schon ein Erfolg.

In den Tagen vor dem Spiel hat man schon den Druck gespürt und darüber nachgedacht, was es bedeuten könnte, wenn Borussia noch mal absteigt. Es war aber weniger Angst, sondern vielmehr das Wissen darum, dass man etwas unglaublich Positives schaffen kann, nämlich nach so einer bescheuerten Hinrunde doch nicht abzusteigen.

Lucien Favre hatte die Mannschaft so eingestellt, dass mit Marco Reus und all den anderen so ein Fußball gespielt wurde, dass man dachte: So eine Mannschaft darf nicht absteigen. Man kennt aber den Fußball, es ist immer schwierig, gegen einen Zweitligisten zu spielen. Als das Spiel lief, war zu spüren, dass alle gewillt sind, es zu reißen: Trainer, Spieler, Staff, Mitarbeiter der Geschäftsstelle, Fans. Das merkte man im ganzen Stadion.

Der Borussia-Park war bis dahin nur das neue Stadion gewesen, so habe ich es empfunden, aber während dieses Spiels wurde der Borussia-Park zum Borussia-Mönchengladbach-Stadion. Er hat die Seele bekommen. Ab der 60. Minute, als die Sprechchöre lauter wurden, hat man die Energie gespürt – es war, als hätten sich 1000 kleine Stromschläge zu einem großen vereint und jeder hat jeden angesteckt. Und das Tor von Igor de Camargo hat dann alles gelöst.

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Ich habe immer dran geglaubt, auch, als die Nachspielzeit eigentlich schon vorbei war. Der Urschrei, den es damals gab, als das Tor fiel, war der Wahnsinn. Ähnlich war es beim Tor von Roberto Colautti 2009, aber 2011 war es bis heute das geilste Fußballerlebnis, das ich mir vorstellen kann. Es war nicht die endgültige Rettung, aber mit diesem Tor war mir klar: Das lassen wir uns nicht mehr nehmen. Ich bin ich froh, dass ich dabei gewesen bin.“

„So eine Anspannung habe ich nie wieder erlebt“: Sascha Wolf stand als Fan in der Nordkurve und landete einen Youtube-Hit

„Ich habe damals im Schichtdienst gearbeitet und musste am nächsten Morgen um 4.30 Uhr anfangen. In der Schlussphase bin ich schon mal Richtung Ausgang gegangen, um nach dem Abpfiff schnell raus zu können. Nicht falsch verstehen: Ich bin jemand, der nie das Stadion vorher verlässt, egal wie es steht. Ich pfeife auch nicht, das kann ich nicht mal richtig. Deshalb habe ich mich ganz langsam nach unten bewegt, um bloß nicht beschimpft zu werden.

 Sascha Wolf hielt de Camargos Siegtor auf Video fest.
Sascha Wolf hielt de Camargos Siegtor auf Video fest. Foto: Rheinische Post/Sascha Wolf

Es war ein hochemotionales Spiel, jeder war mit sich selbst beschäftigt und wollte die Mannschaft nach vorne brüllen. Der Support in der Nordkurve lässt manchmal leider zu wünschen übrig, so ehrlich muss man sein. Damit meine ich gar nicht die Jungs in der Mitte, eher die ältere Fraktion, zu der ich ja auch gehöre. Aber gegen Bochum haben wir alle unsere Angst dem Willen untergeordnet, der zwölfte Mann zu sein. Es war der Glaube da, etwas bewegen zu können.

Ich hatte damals meine Digitalkamera dabei. Zehn Minuten vor dem Ende habe ich angefangen, jeden Gladbacher Angriff zu filmen, um meine Nervosität und diesen unglaublichen Druck, der auf dem ganzen Stadion lastete, loszuwerden. Ich war auf der einen Seite ein brodelnder Vulkan und auf der anderen wie gelähmt. Als Havard Nordtveit den Einwurf ausführen wollte, wusste ich, dass es der allerletzte Angriff ist und habe die Kamera angemacht. Dann war der Ball drin, jemand sprang auf mich drauf. Deshalb bin ich am Ende selbst auf dem Video zu sehen, das es allerdings nur noch bei Youtube gibt. Als das Museum aufgebaut wurde, rief mich sogar Borussia an. Aber ich konnte die Speicherkarte partout nicht mehr finden.

Ich habe geheult, bei sowas bin ich wirklich nah am Wasser gebaut. Es war wirklich so, dass sich fremde Menschen in den Armen lagen. Für mich war das bis dahin der schönste Moment, den ich als Fan erlebt habe. Körperlich war ich erschöpft wie nach 30 Kilometern Fahrradfahren auf Geschwindigkeit. So eine Anspannung habe ich nie wieder erlebt.

Fürs Rückspiel habe ich über Borussia keine Karte bekommen. Über Kontakte bin ich dann über einen Funktionär von Fortuna Düsseldorf an eine gekommen. Dass es eine VIP-Karte war, habe ich aber erst realisiert, als ich in Bochum plötzlich an einen roten Teppich kam. Ich hatte einen Kapuzenpulli und einen Gladbach-Schal an, da saß ich dann auf meinem Ledersessel, um mich herum die ganze Fußball-Prominenz.

Beim 1:1 bin ich auf meinen Sitz gesprungen, alle schauten mich entgeistert an. Aber das war mir vollkommen egal. Neben mir saß jemand, der nicht als Gladbacher zu erkennen war. Er hat mich immer beruhigt und gesagt: ‚Keine Sorge, wir schaffen das.‘ Nach dem Spiel stand er unten bei Marco Reus und hat ihn umarmt – ich glaube, es war sein Vater.“

„Ich spürte, dass noch etwas passieren würde“: Hans-Jürgen Josten arbeitet seit 30 Jahren im Ordnungsdienst bei Borussia

Als Igor de Camargo das 1:0 schoss, war ich gute 100 Meter vom Geschehen entfernt. Gesehen habe ich das Tor in dem Moment nicht. Doch ich kann mich gut an diesen gewaltigen Torjubel erinnern, das war viel größer als sonst bei einem Borussia-Treffer. Da sind bei den Fans alle Emotionen rausgekommen, die sich wahrscheinlich in der ganzen Saison aufgestaut hatten, der ganze Ballast fiel in dieser einen Szene ab.

 Hans-Jürgen Josten sah das 1:0 erst zu Hause erstmals in Ruhe.
Hans-Jürgen Josten sah das 1:0 erst zu Hause erstmals in Ruhe. Foto: Sky

Ich war beim Relegationsspiel gegen Bochum als Ordner vor der Südkurve eingeteilt. Grundsätzlich ist es meine Aufgabe, während des Spiels die Zuschauerränge im Blick zu behalten. Vom Spiel sehe ich dementsprechend kaum etwas. Das war auch gegen Bochum so. Doch man lernt als Ordner, durch die Emotionen und Reaktionen der Zuschauer ein Spiel gut mitverfolgen zu können.

Das Spiel gegen Bochum stand die ganze Zeit auf des Messers Schneide. Es gab aber auch eine Phase in der zweiten Halbzeit, in der es etwas unruhig wurde, Borussia tat sich schwer. Doch die Fans haben dann ihre Unterstützung nochmals gesteigert. Im Norden fing es an, dann hat der Süden mitgemacht, irgendwann das ganze Stadion. Das hat sich richtig hochgeschaukelt. Und ich spürte, dass noch etwas passieren würde.

Dem Tor selbst sind ja innerhalb von Sekunden noch zwei Torchancen von de Camargo und Mike Hanke vorausgegangen. Ich habe diese ganze Bandbreite der Emotionen in den Gesichtern der Zuschauer lesen können. Erst am Boden zerstört und dann doch die völlige Glückseligkeit. Dieses Tor in allerletzter Sekunde war schon eine Ausnahmesituation. Auch ich habe mich natürlich gefreut, doch gejubelt habe ich nur innerlich. Als Ordner muss ich an meine Funktion denken, gerade in meinem Bereich saßen auch einige Bochumer Fans.

Einen Blick aufs Spielfeld habe ich zwar nach dem Tor auch mal riskiert, so richtig habe ich die Szene aber erst Minuten später gesehen, als sie nochmals auf den Leinwänden gezeigt wurde. Noch war ich im Einsatz, richtig realisiert, was passiert war, habe ich erst später. Und erst zuhause habe ich mir das Tor nochmals mit Genuss ansehen können. Es war ein ganz besonderer Abend, mit einem Glücksgefühl, das vielleicht nur mit der ersten Deutschen Meisterschaft 1970 zu vergleichen ist. Damals war ich auch im Stadion.