Bayer Leverkusen ist wütend auf sich selbst

Taktische Naivität beim 2:4 : Bayer 04 ist wütend auf sich selbst

Die Stimmung beim Werksklub droht nach dem 2:4 gegen Borussia Dortmund zu kippen. Das kurze Zwischenhoch entpuppte sich als Intermezzo. Taktisch offenbarte die Werkself einmal mehr eklatante Schwächen.

Lucien Favre muss sich keine Sorgen zu machen, dass seine Miete erhöht wird. Das versicherte ihm Heiko Herrlich nach dem 4:2 (0:2)-Erfolg von Borussia Dortmund in der BayArena. Der Trainer der unterlegenen Leverkusener ist seit einigen Jahren Immobilienbesitzer in Westfalen. Schon Thomas Tuchel wohnte in seiner Zeit als Coach des BVB bei Herrlich zur Miete. Jetzt ist es Favre, der im Anwesen von Herrlich eine Unterkunft gefunden und seinem Vermieter eine empfindliche Niederlage zugefügt hat.

Während Herrlich in seinem Nebenjob als Hauseigentümer vieles richtig zu machen scheint, hat er in seinem Kernberuf aktuell mit einigen Problemen zu kämpfen. Denn die Werkself ist in taktischer Hinsicht offensichtlich nicht auf dem Stand, auf dem sie zu diesem Zeitpunkt der Saison sein sollte. Das hat der Kompletteinbruch mit vier Gegentreffern innerhalb der letzten 25 Minuten im Spitzenspiel gegen den neuen Tabellenführer einmal mehr gezeigt.

„Insgesamt war es eine gute Leistung meiner Mannschaft“, sagte der 46-Jährige. „Aber leider waren wir in den entscheidenden Situationen am Ende nicht da.“ Leverkusens Sportgeschäftsführer Rudi Völler hatte bereits im Vorfeld des Sechs-Tore-Spektakels am Samstagabend „90 gute Minuten“ gefordert. Nur so könne der Werksklub gegen Dortmund bestehen. Und der Weltmeister von 1990 sollte Recht behalten.

Während die Hausherren zunächst die wohl beste Saisonleistung zeigten und nach Treffern von Mitchell Weiser sowie Jonathan Tah (9./39.) mit 2:0 in die Kabine gingen, war es nach einer Stunde mit der Herrlichkeit unterm Bayer-Kreuz abrupt vorbei. Nachdem die Werkself in Person von Julian Brandt, Kevin Volland und Kai Havertz mehrfach die Entscheidung verpasst hatte, nutzte der nun stärker werdende BVB die Abschlussschwäche gnadenlos aus. Jacob Bruun Larsen (65.), Marco Reus (69.) und ein Doppelpack des eingewechselten Paco Alcacer (85./90.) besiegelten schließlich die bereits vierte Saisonpleite für die ambitionierte Werkself – und bescherten dem zahlreich mitgereisten Dortmunder Anhang eine stimmungsvolle Heimfahrt.

„Wir haben den Sack nicht zugemacht", haderte der langjährige BVB-Profi Herrlich, der nach dem neuerlichen Rückschlag eingestand: „Wir haben Prügel eingesteckt." Nach drei Niederlagen zum Saisonstart war der Fußballlehrer in die Kritik geraten. Der leichte Aufwärtstrend mit Siegen gegen Mainz und in Düsseldorf hatte zuletzt für etwas Ruhe gesorgt. Damit ist es nach der Pleite gegen den BVB, die vor allem in ihrer Entstehung für Fassungslosigkeit unter den Werkself-Profis und ihren Fans sorgte, nun schon wieder vorbei.

Herrlich muss sich ankreiden lassen, gegen Dortmund vor allem bei seinen Einwechslungen kein gutes Gespür bewiesen zu haben. Sein Gegenüber Favre wechselte in Alcacer den Siegtorschützen ein, Herrlich brachte den formschwachen Leon Bailey. Jetzt hofft der Coach auf eine Trotzreaktion in der Europa League gegen den zyprischen Klub AEK Larnaka (Donnerstag, 18.55 Uhr). „Mund abputzen, drei Punkte holen und dann am Sonntag in Freiburg nachlegen", sagte er.

Bis dahin muss das Ziel für Herrlich und sein Team sein, die taktische Naivität gepaart mit einer bemerkenswerten Verunsicherung nach dem ersten Gegentreffer, schnellstmöglich abzulegen. Denn der Frust, der sich auch innerhalb der Mannschaft nach dem verpassten Sieg gegen den BVB zunehmend Bahn bricht, ist kein guter Wegbegleiter, will die Werkself nicht die komplette Saison den eigenen Ansprüchen hinterherhinken.

Während Herrlich in seiner Kritik moderat blieb, sprachen die Profis von Bayer 04 Klartext. „Nach dem Anschlusstor hatten wir Kacke in der Hose“, sagte Lukas Hradecky. Der vom Pokalsieger Eintracht Frankfurt im Sommer nach Leverkusen gewechselte Schlussmann machte damit auf ein weiteres Kardinalproblem der Werkself aufmerksam und fügte hinzu: „Eine Mannschaft wie Frankfurt hätte vergangene Saison so ein Spiel nicht mehr verloren." Noch klarer in seiner Kritik war Kevin Volland. Er sagte: „Wir spielen Kindergarten-Fußball."

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