Kolumne: „Gesellschaftskunde“ : Niemand ist ersetzbar

In der heutigen Welt scheint der Einzelne austauschbar. Ein Missverständnis.

Natürlich bleibt es nicht ohne Folge, wenn mehr und mehr Lebensbereiche der Marktlogik unterworfen werden und Menschliches als Ware erscheint. Etwa wenn die Zeit der Zuwendung, die in der Pflege für einen Patienten erbracht wird, abgerechnet werden muss. Oder wenn immer mehr Leute bei der Partnersuche auf Algorithmen vertrauen.

Vor allem aber in der technisierten Arbeitswelt fühlen sich viele nur noch als austauschbares Rädchen im Getriebe. Man zeigt es ihnen mit Büroplätzen, die jeden Tag von einem anderen benutzt werden können. Und sagt es ihnen: Jeder ist ersetzbar! Das kann als Drohung dienen, damit der Arbeitnehmer keine Ansprüche stellt. Es kann auch Mahnung sein, sich nicht zu sehr mit der Arbeit zu identifizieren. Jedenfalls wird die Digitalisierung dem Gefühl, nur eine Variable zu sein, noch ungeahnten Schub bringen.

Doch das ist nur eine Art, auf den Menschen zu blicken. Und obwohl sie in unserer nüchternen Gegenwart dominant geworden ist, ist es genauso berechtigt, im Menschen das Unverwechselbare zu sehen. Nicht zuerst Rolle, Leistung, Position, sondern den Unbekannten, dessen Stärken, Schwächen, Vorlieben, Eigenarten, Träume und Ängste man geduldig erkunden muss. Das bedeutet nicht, dass nun jedes Alltagstreffen tiefe Begegnung werden muss. Doch sollte man sich auch nicht einreden lassen, der Mensch sei ein austauschbares Ding.

Wir spüren ja, dass das nicht stimmt. Etwa, wenn einer plötzlich nicht mehr da ist. Wenn er oder sie fehlt, und das eben doch einen gewaltigen Unterschied macht. Weil dieser Mensch eine Lücke hinterlässt, deren Kontur man vorher gar nicht so genau hätte beschreiben können.

Seit er fort ist, schon. Oft schärft erst der Verlust die Sinne. Und schafft Klarheit.

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