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Kolumne "Gott und die Welt": So schön kann das Unfassbare sein

Kolumne „Gott und die Welt“ : So schön kann das Unfassbare sein

In einem großen Brecht-Gedicht wird ausgerechnet die Wolke das Ewige.

Kennen Sie dieses unfassbar schöne Gedicht von Bertolt Brecht, „Erinnerung an die Marie A.“? Fast 100 Jahre ist es jetzt schon alt und ist doch immer noch nicht zur Ruhe gekommen. So zeitlos scheint es zu sein, also so gültig auch weiterhin. Ein Liebesgedicht vielleicht: mit der Rückschau auf eine Begegnung im September und den Küssen unter einem Pflaumenbaum. Das alles kann man sich vorstellen, auch romantisch ausmalen. Doch was für eine Liebe ist das? Was soll diese amtlich wirkende Anonymisierung mit der kühlen Abkürzung „Marie A.“? Als ginge es um eine Täterin. Und wie herzlos klingt der Artikel: „die Marie A.“?

Im Gedicht taucht der Name auch gar nicht mehr auf, als sei mit dem Titel über sie schon alles gesagt. Vielleicht ist dieses Gedicht weniger Marie gewidmet und der Liebe zu ihr. Tatsächlich sind die Erinnerungen an sie verblasst. Ihr Gesicht wüsste er nicht mehr, heißt es gegen Ende. Und die Episode wäre längst vergessen – hätte es nicht diese Wolke gegeben, die damals am Himmel stand: „sehr weiß“ und kam „von oben her“, heißt es.

Und schließlich die Pointe am Schluss: „Doch jene Wolke blühte nur Minuten, und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.“ Vielleicht sind darum diese Verse mehr ein Gedicht über Vergänglichkeit und über uns, die wir den glücklichen Augenblick irgendwie festhalten, konservieren wollen. Als könnten wir Ewigkeit herstellen. Am Ende bleibt nur die Wolke.

Aber was heißt „nur“. Im wahrsten Sinne des Wortes ist sie unfassbar. Jeder, der sie greifen und so auch begreifen will, fasst ins Leere. Die Wolke bleibt schön, indem sie sich entzieht. Wir können sie nur betrachten und bewundern; aneignen aber nie. Vielleicht wohnt der Wolke mit all dem etwas Göttliches inne, etwas Einziges und darum Unbegreifliches. Und wir dürfen sie betrachten, manchmal staunen und bewundern.

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