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Kloster Langwaden: Prior berichtet von einem mutmachenden Pfingstbild

Kolumne aus dem Kloster Langwaden : Prior berichtet von einem mutmachenden Pfingstbild

Bruno Robeck aus dem Kloster Langwaden beschäftigt sich in seiner Kolumne zum Pfingstfest mit einem Bild aus dem 16. Jahrhundert – einem Werk, das Mut machen kann, wenn Schlimmes zu überwiegen scheint.

Eigentlich hat dieses Bild nichts mit Pfingsten zu tun. Kein Hinweis auf den Heiligen Geist. Es fehlen auch die hellen und freundlichen Farben. Stattdessen Dunkelheit, Hässlichkeit und Chaos. Das Bild wirkt wie ein Alptraum, nicht wie ein Wunschtraum. Am besten wird man das Bild verstehen, wenn man es wie einen Traum zu deuten versucht. Die dargestellte Wirklichkeit will mir etwas durch Bilder mitteilen, die es zu entschlüsseln gilt. In diesem Sinn ist mein Pfingstbild 2021 die Mitteltafel des Triptychons „Die Versuchung des heiligen Antonius“ von Hieronymus Bosch.

Der Künstler entführt uns zu Beginn des 16. Jahrhunderts in eine fantastische und verstörende Welt. Die Menschen sind deformiert und vertiert. Bei den einen lässt ihre Ich-Bezogenheit, Triebhaftigkeit und Aggressivität die menschlichen Gesichtszüge zu einem Schweinskopf gerinnen. Auch geistliche Würdenträger bleiben von solch einer Entwicklung nicht verschont. Andere behalten zwar ihr schönes Gesicht, aber ihr Unterleib hat sich zum Echsenschwanz verwandelt. Es wimmelt von gruseligen Mischwesen.

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In der Kloake am unteren Bildrand überleben nur die Fischungeheuer, die auf Beutefang gehen. Am oberen linken Bildrand lässt ein idyllisch gelegener Bauernhof kurz aufatmen. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch der Bauernhof ein Fraß des Feuers wird, das unaufhaltsam wütet. Das Sankt-Antons-Feuer, eine für den Menschen lebensgefährliche Krankheit, versetzte die damalige Welt immer wieder in Angst und Schrecken.

In der Bildmitte steht eine baufällige Turmruine, in der eine kleine Kapelle untergebracht ist. Ein Spiegelbild für den Zustand der Kirche? Christus ist gleich zweimal in der Kapelle: Er hängt am Kreuz und steht gleichzeitig segnend neben sich. Wie ist der Glaube zu verstehen? In all diesem Chaos gibt es nur einen einzigen unversehrten Menschen: den heiligen Antonius. Er ist mit einem schlichten dunklen Mönchsgewand bekleidet. Ein nackter Fuß, eine nackte Hand und sein Gesicht sind sichtbar.

Mit seiner Menschlichkeit und Verletzlichkeit steht er im Zentrum des Bildes. Er ist die Hoffnungsfigur. Er streckt sich aus nach der Liebe Gottes, die ihm von Jesus entgegenleuchtet. Er lässt sich nicht beeindrucken von den Schreckgestalten – mögen sie weit entfernt sein oder direkt zu ihm Tuchfühlung aufnehmen. Der Mönch nimmt Kontakt zu mir, dem Bildbetrachter, auf und segnet mich. Antonius stellt sich dem Schlimmen und Schrecklichen in seiner Umgebung.

Trotz all dieser widrigen Umstände verliert er seinen Glauben und seine Menschlichkeit nicht. Wie es ihm gelingt, bleibt sein Geheimnis. Doch eines ist mir klar: Ohne die Kraft des Heiligen Geistes hätte er es nicht geschafft. Darum ist dieses Bild für mich ein Pfingstbild. Dieses Bild aus dem 16. Jahrhundert kann auch heute – 500 Jahre später – zu mir sprechen. Seine Motive lassen sich auch auf unsere Wirklichkeit übertragen. Das Böse und Grauenhafte scheint oft in unserer Welt zu überwiegen – und doch besteht darin der kleine Mensch.

Es ist ihm jedoch nur möglich, wenn er sich darauf besinnt, dass der heilige Geist schon in ihm wohnt, und wenn er sich nach ihm ausstreckt. Wie der heilige Antonius damals, so können auch wir Mensch bleiben in schwierigsten Zeiten.

Darum macht mir das Bild nicht Angst, sondern Mut. Und es schenkt mir pfingstliche Freude.
P. BRUNO ROBECK OCIST