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Die Störenfriede (27): Herr Sieben neigt am Budapester Flughafen zu innerer Unruhe

Die Störenfriede (27) : Herr Sieben neigt am Budapester Flughafen zu innerer Unruhe

Die Störenfriede haben seit Ausbruch der dusseligen Pandemie keine Flugreise unternommen. Herr Goertz vermisst die besondere Airport-Atmosphäre. Herr Sieben hat gemischte Gefühle, besonders wenn er an den Flughafen Budapest denkt. Die 27. Folge der Störenfriede.

Einmal in der Woche chatten die Redakteurs-Kollegen Christian Sieben und Wolfram Goertz miteinander, um sich nach dem Befinden des anderen zu erkundigen. Beide verbindet eine satirische Sicht auf die Dinge, ansonsten sind sie streng beim Sie. In ihren Gesprächen geht es oft um Alltägliches, gelegentlich um Grundsätzliches, und manchmal steht am Ende sogar eine Erkenntnis.

Sieben Herr Goertz, wobei störe ich heute?

Goertz Herr Sieben, bei einer emotionalen Kaskade, die mein Zeigefinger auslöste. Ich stellte die Umwelt still, um mich Ihnen vollständig zu widmen, und als ich dazu den „Flugmodus“ einschaltete, fiel mir ein, dass ich seit zwei Jahren nicht mehr im Flugmodus bin. Und jetzt haben wir in der Tat ein Thema. Ich bin nicht mehr geflogen. Dabei liebe ich Flughäfen über alles. Sie etwa nicht? 

Sieben Mein letzter Flug war in der Tat auch im Januar 2020. Ich vermisse das Ankommen am Zielflughafen. Ansonsten sind mir diese Orte ein Gräuel. Schon mehrmals passierten mir dort sehr ungustiöse Dinge.

Goertz Kam Ihr Koffer nicht an? War der Transfer-Bus schon abgefahren? Hatten Sie Ihre Impfungen nicht vollständig?

Sieben Ich reportiere in gebotener Kürze zwei Lowlights: Einmal verbrachte ich zwei Tage in Wien, weil drei Maschinen von Austrian Airlines kaputt waren. So sagte man mir wenigstens. Am Ende musste eine Lufthansa-Notmaschine aus München kommen, um mich und einige Versprengte wenigstens von Wien nach Bavaria zu schaffen. Und einmal gefiel es dem Flughafen Madrid, mich an einem späten Sonntagabend viermal (sic!) zu einem anderen Gate zu hetzen. Ich schätze diese Aufgeregtheiten nicht mehr. Ich habe keine Kraft mehr dafür.

Goertz Das ist ein Terminus, den Sie häufig verwenden: dass Sie keine Kraft mehr haben. Ich finde Flughäfen erfrischend. Sie entfesseln Sehnsüchte in mir. Ich könnte stundenlang vor der Tafel im Abflugterminal sitzen und mir Flugziele angucken. 14.15 Uhr nach Keflavik. 17.55 Uhr nach Rom. 20.10 Uhr nach Ottawa. Ich möchte am liebsten überall gleichzeitig einchecken und einsteigen. Mir passierte es allerdings zweimal, dass ein Koffer beim Umsteigen in Amsterdam nicht mitkam. Na und? So musste ich ihn nicht schleppen, und er wurde am übernächsten Tag vom Taxi gebracht. Ich habe immer Unterhosen und Zahnbürste im Handgepäck.

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Sieben Flughäfen machen mich unruhig. Besonders in Budapest, wo ich in normalen Zeiten gerne lange Wochenenden verbringe. Der Rückflug geht sehr spät am Sonntag. Die Maschine ist oft verspätet. Nervöse Blicke in die App, wenn im Terminal schon die Geschäfte ihre Gitter runterlassen. Und in Düsseldorf droht irgendwann das Nachtflugverbot. Es gibt für mich keinen unangenehmeren Ort für einen Sonntagabend als Airport Ferihegy Terminal 2. Aber vielleicht bin ich zu sensibel in diesen Dingen.

Goertz Ich zähle gewiss nicht zu jenen Menschen, die Vergnügen darin empfinden, nachts um 3.12 Uhr mit der Münzsammlung des reichen Erbonkels Charles zu Fuß und unbegleitet durch die New Yorker Bronx zu spazieren. Aber am Flughafen habe ich nie Sorge. Irgendjemand wird mich schon ausrufen. Sind Sie schon einmal ausgerufen worden? Etwa so: „Mr. Sieben is requested to proceed to Terminal C, Gate 15. Immediately"? Ich erlebte das mal in Atlanta (USA), und als ich außer Atem am Gate ankam, hatte ich noch 85 Leute vor mir.

Sieben Das wird mir nie passieren. Meine nervöse Grundstimmung an Reisetagen treibt mich zu frühen Anreisen. An JFK saß ich einmal so früh in der Wartehalle, dass ich eine Stunde warten musste, bis Lufthansa-Mitarbeiter den Schalter aufschlossen – für einen früheren Flug als meinen. Aber Ihre Schilderungen wecken auch bei mir wieder Fernweh. Sind Sie in Atlanta mit der Flughafen-U-Bahn gefahren? Dieser Flughafen ist letztlich eine mittelgroße Stadt.

Goertz Ja, Atlanta ist sehr groß, doch auch perfekt organisiert. Fünf Terminals, die von einer U-Bahn verbunden sind. Der Shinkansen in Japan ist ein Bummelzug dagegen. Vielleicht befällt Sie an Flughäfen immer ein Fluchmodus? Können Sie nicht eine App entwickeln, die „Mr. Seven Airport Calmness"-App? Dann kämen Sie entspannter wieder heim.

Sieben Ich habe schon eine Regengeräusch-App für den sonntäglichen Mittagsschlaf. Die könnte demnächst zur Anwendung kommen. Laut Plan fliege ich schon Ende Februar wieder nach Budapest. Das Datum ist zufällig gewählt. Zu meinen Pandemie-Hobbies zählt es, einen vom RKI abgesagten Ungarn-Flug aus dem letzten Herbst alle zwei Wochen kostenlos umzubuchen. Ich finde das sehr kulant. Doch vermutlich werde ich noch einige Male umbuchen müssen. Wie steht es um Ihre Reisepläne?

Goertz Ich fliege demnächst auf eine recht einsame Insel im Atlantik und bin schon jetzt ganz wuschig vor lauter Vorfreude. Umsteigen übrigens in Lissabon. Der Flughafen Humberto Delgado gilt als unsicher bei kurzen Umsteigezeiten. Egal. Zahnbürste, Unterhose, Ohrstöpsel. Mehr brauche ich nicht für eine Nacht und den kommenden Morgen.

Sieben Kaufen Sie im Duty-Free-Shop bitte auch noch eine Flasche Licor Beirao. Lissabonner Nächte sind lang, besonders am Flughafen. Ich lasse meine Buchung erstmal so, wie sie ist. Falls Ende Februar an einem Sonntagabend gegen 22 Uhr Ihr Handy klingelt und ich mein Leid klage, wissen Sie Bescheid. Im Voraus schon mal: Köszi szépen dafür! Wir sprechen uns noch!