1. Leben
  2. Goertz und Sieben

Die Störenfriede (28): Herr Goertz rettet die Ukraine – mit Tschaikowski und Pink Floyd

Die Störenfriede (28) : Herr Goertz rettet die Ukraine – mit Tschaikowski und Pink Floyd

Nach Lektüre des „Rolling Stone“ ist Herr Goertz sicher, dass der Ukraine-Konflikt befriedet ist – dank Pink Floyd und des Taktierens von Annalena Baerbock. Herr Sieben ist sprachlos und lässt seinen Kollegen in der 28. Folge der Störenfriede weitgehend gewähren.

Einmal in der Woche chatten die Redakteurs-Kollegen Christian Sieben und Wolfram Goertz miteinander, um sich nach dem Befinden des anderen zu erkundigen. Beide verbindet eine satirische Sicht auf die Dinge, ansonsten sind sie streng beim Sie. In ihren Gesprächen geht es oft um Alltägliches, gelegentlich um Grundsätzliches, und manchmal steht am Ende sogar eine Erkenntnis.

Sieben Herr Goertz, wobei störe ich heute mit Mutwillen?

Goertz Bei einer Beobachtung, welche die Weltgeschichte positiv beeinflussen könnte. Erinnern Sie sich an die Begegnung von Annalena Baerbock mit dem russischen Außenminister Sergei Wiktorowitsch Lawrow?

Sieben Ich sah kurze Ausschnitte. Und erinnere mich an allerhand Befürchtungen im Vorfeld, dass Frau Baerbock dort ähnliche Überlebenschancen wie eine Schneeflocke im Hochofen hätte. Aber zum Glück kam es ja anders. 

Goertz Alle Welt glaubte, der russische Bär würde sie als zweiten Gang des Mittagessens verspeisen. Doch warum kam es anders? Nun, Baerbock hat recherchiert, wie Lawrow tickt – und umgekehrt.

Sieben Was kam dabei heraus?

Goertz Baerbock wusste vorab, dass Lawrow, nach außen hin ein Hardliner, als Hobby Gitarre spielt und eine weiche Seite hat. Er wiederum wusste aus ihrem Interview im Magazin „Rolling Stone", dass sie das Album „Wish You Were Here" von Pink Floyd liebt. Nun ahnen Sie, warum Lawrow sie nach diesem Bekenntnis am liebsten adoptiert hätte?

Sieben Reden Sie schon!

Goertz Am Beginn des gleichnamigen Songs „Wish You Were Here“ dreht ja jemand am Radioapparat, bevor die akustische Gitarre erklingt. Und da taucht ein Fetzen Tschaikowski auf: der Beginn des Schlusssatzes der vierten Sinfonie f-Moll.

Sieben Ich ahne: Diese Sinfonie beschreibt die russische Seele wie keine andere.

Goertz So ist es. Der Gitarrist Lawrow verstand die Doppelinformation (erst Tschaikowski, dann Gitarre) als Botschaft an ihn, die er tief in seinem Herzen bewahrte.

Sieben Ich habe selten eine derart realistische, glaubwürdige und einleuchtende Argumentation gelesen. Aber wie geht es nun weiter? Der sogenannte Russe zieht ja doch gerade allerhand Kriegsgerät zusammen, was man so liest. Wo sehen Sie den Ausweg? Versteckt er sich im Refrain von „Another Brick in The Wall"? Übrigens am Rande bemerkt der einzige Song von Pink Floyd, bei dem mich nicht eine wohlige Müdigkeit umfängt.

  • Außenministerin in Moskau : Baerbock betont nach Treffen mit Lawrow „grundlegende Werte in Europa“
  • Annalena Baerbock trifft in Moskau ihren
    Außenministerin in Moskau : Baerbock und Lawrow betonen große Bedeutung der Beziehungen
  • Krisen-Treffen mit Lawrow : Wie sich Baerbock in Moskau geschlagen hat

Goertz Das kann ich nicht sagen. Vermutlich ist eher die chinesische Mauer gebaut. Nein, Baerbock hat Lawrow gewiss den Link zu Stings „Russians" zukommen lassen, denn sie weiß längst, dass Lawrow mit seinen Enkeln gern am Schwarzen Meer Sandburgen baut. Lawrow hingegen hat Baerbock gewiss für den Sommer auf seine Datscha eingeladen. Glauben Sie wirklich, bei dieser Aktenlage kommt es zum Krieg? Nie im Leben. Ich glaube, es bleibt beim Säbelrasseln.

Sieben Ich neige bekanntlich nicht zu Aufgeregtheiten. Die Leute sind vollends mit Inzidenzen, Booster-Fristen und Titer-Bestimmungen beschäftigt. Letztlich hätte niemand Zeit, sich ernstlich mit der Lage zu beschäftigen. Auch Abstandsregeln funktionieren nur in Friedenszeiten. Sie müssen mir allerdings schwören, dass Sie Ihre Theorien wirklich mit Fakten belegen können. Fast könnte man den Eindruck haben, Sie hätten alles frei erfunden, um mit Ihrem kulturellen Kapital zu protzen. Aber so schätze ich Sie eigentlich nicht ein.

Goertz Alles über Pink Floyd, die Gitarre und Tschaikowski ist die reine Wahrheit. Der Rest ist politisches Geschäft, das wir doch aus der Geschichte zur Genüge kennen.

Sieben Wenn Sie mit allem Recht behalten, sollte man den „Rolling Stone" umbenennen. Ich schlage „Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik" vor. Ich meine aber, die gibt es schon.

Goertz Nun, in diesem Interview sagte Baerbock außerdem, am liebsten wäre sie Frontsängerin, die Rhythmusgitarre spiele. Auch das dürfte Lawrow sehr gern gelesen haben. Ich glaube wirklich, dieser musikalische „Nord Stream of Consciousness“ wird schon bald mit einem Gitarrenduett fortgesetzt. Wir sprechen uns noch.