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Die Störenfriede (26): Goertz und Sieben schreiben eine E-Mail an Kiepenheuer & Witsch

Die Störenfriede (26) : Goertz und Sieben schreiben eine E-Mail an Kiepenheuer & Witsch

Sieben und Goertz haben das Erfolgsrezept der Bretagne-Krimis durchschaut und planen, selbst Schriftsteller zu werden. Mit ihrer typischen Mischung aus Elan und Großtuerei skizzieren sie gleich einen Bestseller: „Meerbuscher Millionen – Calvins erster Fall“. Die 26. Folge der Störenfriede.

Einmal in der Woche chatten die Redakteurs-Kollegen Christian Sieben und Wolfram Goertz miteinander, um sich nach dem Befinden des anderen zu erkundigen. Beide verbindet eine satirische Sicht auf die Dinge, ansonsten sind sie streng beim Sie. In ihren Gesprächen geht es oft um Alltägliches, gelegentlich um Grundsätzliches, und manchmal steht am Ende sogar eine Erkenntnis.

Goertz Herr Sieben, wobei störe ich heute?

Sieben Ausnahmsweise in Gedanken. Herr Goertz, zum Jahresende mache ich Ihnen einen Vorschlag. Wir lassen die Mühen der Ebene hinter uns und schreiben eine erfolgreiche Krimireihe. Das ist wirklich kinderleicht, wie mir neulich auffiel.

Goertz Das würde mir Spaß machen. Welche Defizite beklagen Sie bei unseren "Kollegen"?

Sieben Ich beklage keine Defizite. Ich bewundere Kaltschnäuzigkeit. Nehmen Sie Dupin. Ein Kommissar ermittelt in einer schönen Gegend, die „Zeit"-Leser aus einem Urlaub von vor 15 Jahren kennen. Der Kommissar braucht eine sympathische Macke (Kaffeesucht), eine Freundin (die immer ihr Kommen in drei Tagen androht), eine Lieblingsspeise als Belohnung nach erfolgreicher Arbeit (Entrecôte) sowie eine tolle Assistentin, die der Leser gerne als Freundin hätte (Nolwenn). Fertig. Das reicht für zehn „Spiegel“-Bestseller. Man muss letztlich nur den Namen des Mörders ändern.

Goertz Sie haben Recht. Die bretonische Muschel ist eigentlich ausgelutscht. Sie wird nur immer wieder aufgetischt, weil viele Leser den unveränderlichen Attitüden der Kommissare so gern wiederbegegnen. Nehmen Sie nur Kadeg. Wann schafft es der Mann, Dupins Zuneigung zu erlangen? Nie. Es ist eine Sisyphusarbeit, die nicht enden wird.

Sieben Dass ich bereits acht Fälle gelesen und den neunten Band heute auf meinen Nachttisch gelegt habe, bereitet mir Bauchschmerzen. Jetzt denke ich: Die nächste Krimi-Reihe schreibe ich gleich selbst. Gerne mit Ihnen! Und zu Kadeg: Der gefällt mir in den Filmen besser als in den Büchern. Was auch nur bedingt für die Bücher spricht.

Goertz Nun handelt es sich bei dem Schauspieler um den großartigen Jan Georg Schütte, den kein Autor so gut erfinden kann, wie er vor der Kamera ist. Wichtig für unsere Serie ist, dass wir gute Nachnamen für die Kommissare brauchen. Sie wissen ja, Kommissare im Krimi werden von Ihren Kollegen nur mit Nachnamen angesprochen. Overbeck. Kadeg. Borowski. Adamsberg. Thiel. Schon Emma Peel sagte immer nur: „Steed!“ Sie erinnern sich?

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Sieben Wie könnte ich dies vergessen. Letztlich brauchen wir Folgendes: Einen Namen (zwei Silben), eine Macke („gegen den Strich gebürstet“ heißt das dann), eine schöne Gegend, ein ungewöhnliches Auto (gerne Oldtimer) sowie zwei weibliche Hauptpersonen. Eine ist die Freundin des Kommissars, die andere wird unsere Nolwenn. Als Name des Kommissars schlage ich Calvin vor. Sie bestimmen den Ort!

Goertz Sehr gut. Und der Assistent heißt Zwingli. Und alles spielt in Meerbusch.

Sieben Das kaufe ich sofort. Ich sehe die Titel von mir. „Meerbuscher Geheimnisse“. „Meerbuscher Verrat“. „Meerbuscher Stolz“. Und natürlich zum Auftakt: „Meerbuscher Millionen“. Als Auto schlage ich einen roten NSU Ro 80 vor. Wankelmotor. Damit kriegen wir die Generation Ü70 und Autofans. Welche Macke bekommt Calvin?

Goertz Er zitiert fortwährend aus theologischen Schriften. Zwingli hält dagegen. Das hat aber etwas Komisches. Beide sind Häretiker, die allerdings maximal bibelfest sind. Bibelzitate sind ja beliebt, siehe alles von Elizabeth George oder Stieg Larsson, etwa „Verblendung“. Calvin und Zwingli spielen damit, artistisch, schalkhaft und voller Anspielungen. Zwei Himmelhunde in der Meerbuscher Hölle.

Sieben Grandios. Im ersten Fall finden sie mitten in der Nacht die Leiche eines Millionärs (in allen Folgen müssen Millionäre vorkommen) unter einer Straßenlaterne. Und Calvin sagt: „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.“ Das ist aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 1, Vers 5. Zwingli kontert sofort mit Jesaja. Wir sind fast am Ziel. Wir brauchen zwei Damen.

Goertz Calvin steht auf blonde Frauen, die ihm Paroli bieten. Im Büro vertraut er sich vollends Frau Wasserfuhr an. Typ Annette Frier. Schlagfertig und keine Angst vor oben, also vor dem Herrn Kriminalrat oder dem Präfekten. Im Privaten ist es Sylvie, eine aus dem Schweizer Kanton Basel-Land nach NRW gezogene Kunsthistorikerin, die für das neue Kölner Büro von Sotheby's arbeitet.

Sieben Ich sehe beide Damen vor mir. Aus Entrecôte machen wir Endivien untereinander. Und Zwingli gewöhnt sich seit zehn Jahren das Rauchen ab, wird aber in jeder Folge mit einer Kippe Lord Extra erwischt. Das macht ihn menschlich. Wenn es nach mir geht, können wir Kiepenheuer & Witsch schon mal eine Mail schreiben.

Goertz Schicken Sie gern. Vielleicht noch diese Info für den Verlag: Jeden Täter, der in U-Haft kommt, tröstet Zwingli, der ein sehr weiches Herz hat, mit einem Satz aus der Apostelgeschichte (5,23): „Das Gefängnis war verschlossen und die Hüter draußen vor der Tür. Aber als wir sie öffneten, fanden wir niemand drinnen.“ Wir sprechen uns noch.