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Die Störenfriede (30): Herr Goertz muss seinen Lappen abgeben

Die Störenfriede (30) : Herr Goertz muss seinen Lappen abgeben

Herr Goertz hat einen Termin beim Amt zum Umtausch und blickt nicht ohne Sentimentalität auf 42 Jahre im internationalen Straßenverkehr zurück. Herr Sieben singt das Hohelied auf amerikanische Highways, warnt aber vor privaten Gefängnissen und schießwütigen Sheriffs. Die 30. Folge der Störenfriede.

Regelmäßig chatten die Redakteurs-Kollegen Christian Sieben und Wolfram Goertz miteinander, um sich nach dem Befinden des anderen zu erkundigen. Beide verbindet eine satirische Sicht auf die Dinge, ansonsten sind sie streng beim Sie. In ihren Gesprächen geht es oft um Alltägliches, gelegentlich um Grundsätzliches, und manchmal steht am Ende sogar eine Erkenntnis.

Sieben Herr Goertz? Sind Sie wohlauf? Störe ich?

Goertz Nein, im Gegenteil. Ich bereite eine wichtige Zäsur in meinem Leben vor, sie ist mit sentimentalen Gedanken verbunden. Ich muss meinen alten grauen Führerschein abgeben. Und ich habe schon einen Termin. 1. April. Kein Scherz. 

Sieben Ah! Das hört man dieser Tage oft. Die Babyboomer-Generation wird aufs Amt gebeten. Mein Vater war vor einigen Monaten dran und wurde von dieser Notwendigkeit überrascht. Er warf den Medien vor, zu wenig darüber berichtet zu haben. Er vermutete aber Nachlässigkeit, keine Verschwörung. Warum sind Sie sentimental?

Goertz Weil ich im Geist die Polizeikontrollen meines Lebens Revue passieren lasse. Ich fahre eigentlich sehr umsichtig, war allerdings in mehrere Unfälle verwickelt. Das Spannendste war eine Straßensperre in North Carolina, die allerdings nicht mir galt. Die Beamten haben sich schlapp gelacht über mein Foto. Dieses Trauma wurde ich nicht mehr los. 

Sieben Entstand das Bild im Mönchengladbacher Karneval? Sahen Sie aus wie der fünfte Beatle? Waren Sie geschminkt?

Goertz Fünfter Beatle kommt hin. Pott auf dem Kopf, Heckenschere angesetzt, einmal rum. Ausstellungsdatum: 11. Juni 1980. 42 Jahre lang habe ich damit Polizisten amüsiert. Einmal sagte ich, als ich bei einer Alkoholkontrolle den Lappen durch das geöffnete Fahrerfenster reichte: „Wenn Sie gleich lachen, hagelt es sofort eine Dienstaufsichtsbeschwerde.“ Ich konnte mir diesen Satz leisten, denn ich hatte nichts getrunken, hatte das vorschriftsmäßige Tempo eingehalten und wusste auch den Verbandskasten gut gefüllt im Kofferraum. Der Polizist guckte gelangweilt und sagte: „Da sehen wir Schlimmeres.“

Sieben Ich habe schon seit vielen Jahren einen Internationalen Führerschein. Damals ging es gerade los, dass man auf den Lichtbildern keinerlei menschliche Regung zeigen durfte. Mit der Aufnahme würde ich es auf jeden Flughafen-Steckbrief schaffen. So zwischen Mörder und RAF-Terrorist. Aber immerhin hatte Ihr Polizist in North Carolina Humor. Mir kamen die Sheriffs immer sehr ernst vor. Ein Lächeln konnte man nie erwarten. Eher Warnschüsse.

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Goertz Ich empfand meinen Lappen in dieser ganzen modernen fälschungssicheren Digitalwelt immer als letzten Ausdruck des Menschlichen, eben gerade des Unverwechselbaren. So speckig, so vergilbt, so herrlich. Übrigens sind Polizeikontrollen in Österreich unangenehmer. Dort hat man Sie doch bereits für Ihre Identität auf dem Kieker. Deutsches Nummernschild in Kärnten? Passen Sie auf, wo Sie parken! Die Österreicher haben für fünf Zentimeter Parken im Halteverbot das gemeine Wort „Besitzstörungsklage“ erfunden. Das kann teuer werden. 

Sieben Wenn der schiache Piefke auch so ungustiös parkiert, der Botscherte? Ihre Geschichte löst bei mir indes Fernweh aus. Nirgendwo kann man so wunderbar Auto fahren wie in den USA. Niemand drängelt, niemand hupt. Man pilotiert sein Mietgefährt auf den Highway, legt den Tempomat ein und lässt stundenlang unbehelligt rollen. Versuchen Sie das mal auf dem Ruhrschnellweg oder der A3!

Goertz Ich weiß genau, was Sie meinen. Mit 70 Meilen pro Stunde von Greensboro bis Asheville. Autofahren als Erholung. Allerdings gefährlich, weil es so eintönig ist.

Sieben Aber was soll passieren? Selbst wenn man von der Fahrbahn rutscht, sind rechts und links unendliche Weiten. Besorgniserregend sind höchstens privatisierte Gefängnisse. Wenn im privaten Knast zu viele Zellen leer stehen, bekommt der Sheriff eine SMS und sammelt gegen Provision ein paar neue Bewohner ein. Ein kaputtes Parklicht genügt dann. Oder eine Bierdose, die nach dem Einkauf unter den Fahrersitz gerutscht ist.

Goertz Als ebenso schlimm gelten die finnischen Polizisten. Beinharte Gesellen. Einmal wurde ich in der Nähe von Rovaniemi angehalten, das liegt in Nordfinnland. Beim Mietauto war hinten eine Lampe defekt. Die Polizisten schauten erst bewährt finster. Zum Glück kannte ich das finnische Wort für Tankstelle: „Huoltoasema“. Da nickten sie.

Sieben Und Ihr Führerschein?

Goertz Bekam ich anstandslos zurück. Zuvor dachte ich: Jetzt haben die Lappen meinen Lappen. Übrigens verzogen sie ebenfalls keine Miene, als sie mein Bild sahen. Solche Visagen kannten sie. 1980 dachten auch finnische Friseure bei manchen Köpfen nur an die Pensasleikkuri.

Sieben Heißt Sense?

Goertz So ähnlich: Heckenschere. Wir hören uns noch.