Handball : Wo (fast) jeder jeden schlagen kann

Ausgeglichenheit ist Trumpf in der neunten Spielzeit seit Einführung der eingleisigen Zweiten Handball-Bundesliga, die am Samstag startet. Ein Top-Team ist nicht in Sicht, um den Aufstieg bewerben sich bis zu sieben Klubs – der Rest, darunter auch der TSV Bayer Dormagen, möchte so früh wie möglich den Klassenerhalt sichern.

Eins hat die erste und zweite Runde im DHB-Pokal am vergangenen Wochenende deutlich werden lassen: Der Abstand zwischen Erster und Zweiter Liga scheint größer geworden zu sein. Außer dem ASV Hamm-Westfalen, der GWD Minden in dessen eigener Halle kalt erwischte und tags darauf Drittligist HCE Rostock aus dem Rennen warf, sind alle Zweitligisten auf der Strecke geblieben, waren in Duellen mit ihren klassenhöheren Kollegen zumeist chancenlos Vier Mal setzte es sogar zweistellige Niederlagen, am knappsten verloren der TuS N-Lübbecke (21:23 gegen Füchse Berlin) der HSC Coburg (24:29 gegen TVB Stuttgart) und Dormagens Auftaktgegner EHV Aue (26:31 gegen Eulen Ludwigshafen).

Das passt ins Bild einer Liga, die allgemein als die „stärkste Zweite Liga der Welt“ angesehen wird, der es aber an einem Top-Team mangelt, so wie es vor zwei Jahren der Bergische HC und in der vergangenen Saison – mit Abstrichen – die HBW Balingen-Weilstetten waren. Ein Durchmarsch ist nicht in Sicht, auch nicht des VfL Gummersbach, der erstmals in seiner ruhmreichen Vereinsgeschichte überhaupt in einer Zweiten Liga an den Start geht.

Im Gegenteil. Auch wenn Sportdirektor Christoph Schindler sagt: „Der Aufstieg ist unser klares Ziel,“ dürfte sich bei den Oberbergischen seit der vergangenen Woche Ernüchterung breit gemacht haben: Erst die 30:31-Testspielniederlage in Dormagen, dann das Pokalaus in Runde eins durch eine 20:25-Schlappe beim Liga-Konkurrenten VfL Lübeck-Schwartau. Schindler hatte schon vorher geahnt: „Wir haben eine gute Mannschaft, aber für uns wird jedes Spiel ein Endspiel, denn es wollen viele Klubs aufsteigen.“

Da ist was dran. Sieben Teams wird der Sprung ins Oberhaus, zum dem Platz eins und zwei in der Abschlusstabelle berechtigen, zugetraut: Neben Gummersbach auch dem zweiten Bundesliga-Absteiger SG Bietigheim, der sein Team um Ex-Weltmeister Michael „Mimi“ Kraus weitgehend zusammenhielt, außerdem VfL Lübeck-Schwartau, HSC Coburg, TuS N-Lübbecke, TuSEM Essen und ASV Hamm-Westfalen, dem nach dem Pokalcoup so ein bisschen die Favoritenrolle zufällt.

Alle anderen dürften das gleiche Vorhaben anpeilen, das auch der TSV Bayer Dormagen als offizielles Saisonziel ausgibt: so frühzeitig wie möglich den Klassenerhalt sicherstellen. „Wir werden keine Situation wie in der Vorsaison haben, als sechs, sieben Spieltage vor Schluss noch die halbe Liga gegen den Abstieg kämpfte,“ sagt Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL). Das hat auch damit zu tun, dass im Gegensatz zur vergangenen „Mödersaison“ (Dormagens Geschäftsführer Björn Barthel) nur noch zwei Klubs direkt absteigen und sich der Drittletzte noch über die Relegation retten kann.

Am schwersten dürften es zwei der drei Neulinge haben. Während Rückkehrer ThSV Eisenach mit Trainer-Routinier Sead Hasanefendic (71) und einem 22 Namen umfassenden Kader, dem alleine sieben Kroaten und drei Slowenen angehören, allgemein ein Platz im Mittelfeld zugetraut wird, kommen die HSG Konstanz und vor allem die HSG Krefeld nicht über die Rolle der Abstiegskandidaten hinaus. „Krefeld hängt budgetär schon etwas hinterher und wird es, da muss man kein Prophet sein, sehr schwer haben,“ wird Bohmann von „Handball Inside“ zitiert.

Torge Greve, der im Frühjahr als Trainer aus Lübeck nach Gummersbach kam, den VfL aber nicht mehr retten konnte, sagt: „Die Leistungsdichte in der Zweiten Liga ist deutlich größer als in der Bundesliga.“ Übersetzt heißt das: Zwischen dem 24. August 2019 und dem 23. Mai 2020 kann hier (fast) jeder jeden schlagen.

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