Der Sport im Rhein-Kreis Neuss ist viel, viel besser als sein Ruf

Analyse : Ein großer Sportsommer geht zu Ende

Der Sport im Rhein-Kreis ist viel, viel besser als sein Ruf, das hat dieser Sommer eindrucksvoll bewiesen. Schon Bruchteile jener Summen, die in den Fußball fließen, würden die jüngsten Erfolge auf Dauer zementieren – mit Sportlern, die ihre Bodenhaftung bewahrt haben.

Was war das für ein Sommer. Wir reden jetzt nicht über Temperaturrekorde, sondern über das, was Sportler aus dem Rhein-Kreis sowie Sportler im Rhein-Kreis in den vergangenen Wochen geleistet haben. Vom Triumph der Säbelfechter beim Europameisterschafts-Heimspiel in der Düsseldorfer Messehalle 8b bis zum Sieg von Emanuel Buchmann bei der Tour de Neuss, vom Medaillensegen der Nixhof-Voltigierer bei Welt- und Europameisterschaften bis zum umjubelten Auftritt des THW Kiel in Dormagen – dieser Sportsommer an Rhein und Erft war grandios. In den vergangenen sechs Wochen verging fast kein Tag, an dem nicht irgendeine Sportlerin, irgendein Sportler aus dem Rhein-Kreis irgendwo auf dieser Erde bei einer Welt- oder Europameisterschaft am Start und oft auch erfolgreich war. Da schoben sich Aktive ins Rampenlicht, von denen vor zwei Jahren nicht mal die zuständigen Bundestrainer gehört hatten. So wie Cosima und Olivia Clotten, die rudernden Schwestern aus Neuss, die Silber und Bronze von den Weltmeisterschaften der Junioren und der U23 nach Hause brachten. Von den Erfolgen auf nationaler Ebene wie den drei Turntiteln für Sarah Voss ganz zu schweigen.

Dieser Sportsommer war grandios. Vielleicht verhilft er dem heimischem Sport, den heimischen Sportlern, endlich zu mehr Anerkennung, vor allem zu mehr Unterstützung. Im politischen wie im vorpolitischen Raum, bei jenen, die, vom Steuerzahler bezahlt, in Kreis- und Rathäusern mit der so genannten Wirtschaftsförderung oder dem so genannten Stadtmarketing befasst sind. Womit lässt sich denn bessere Imagewerbung betreiben als mit erfolgreichen jungen Sportlern, die sich mit ihrer Stadt und ihrem Kreis identifizieren, die allen Erfolgen zum Trotz ihre Bodenhaftung bewahrt haben?

A pro pos Bodenhaftung: All diesen Sportlern wäre schon mit einem Bruchteil dessen geholfen, was eine Werbebande in einem Fußball-Bundesligastadion kostet – eine auf einem nicht von den Fernsehkameras erfassten Oberrang wohlgemerkt. Werfen wir mal den Blick auf ein paar Zahlen. Die beiden wichtigsten Förderer des heimischen Sports, die Partner für Sport und Bildung und die Stiftung Sport der Sparkasse Neuss und des Rhein-Kreises, bewegen zusammen rund eine Dreiviertelmillion Euro pro Jahr. Das entspricht in etwa dem, was der Deutsche Fußballbund (DFB) einem Verein dafür zahlt, wenn er das Achtelfinale seines Pokalwettbewerbs erreicht. Eine Runde weiter gibt es 1,4 Millionen, das ist eine halbe Million mehr, als der TSV Bayer Dormagen für eine komplette Saison mit allem Drum und Dran in der Zweiten Handball-Bundesliga aufwendet. Die von den Säbelfechtern, den besten in Europa, der aktuellen Nummer vier in der Welt, so dringend benötigte Trainingshalle ließe sich damit zumindest zu großen Teilen finanzieren. Selbst für das Erreichen der ersten Runde spendiert der DFB seinen Klubs 175.000 Euro – die würden dem Neusser Radfahrerverein drei Jahre finanzielle Planungssicherheit in Sachen Tour de Neuss bescheren. Und den Nixhof würde eine solche Summe wahrscheinlich eine Woche lang in eine „Kiss and Cry-Area“ verwandeln. Von den 7,5 Millionen Euro, die die Postbank seit 2009 alljährlich aufs Konto von Borussia Mönchengladbach überweist, wollen wir gar nicht reden – davon würde den Sportlern im Rhein-Kreis bloß schwindelig werden.

Das soll nun nicht zu einer Neiddebatte führen. Aber die Frage, was den einen Sporttreibenden vermeintlich so viel wertvoller macht als den anderen, wird man als Beobachter wohl noch stellen dürfen. Zumal das Image der Geringverdienenden meist um ein Vielfaches besser ist als das des von Skandalen und Skandälchen geprägten Fußballs ... Wir Beobachter dürfen eine solche Frage stellen. Die Sportlerinnen und Sportler sich selbst nicht, sonst würden sie kaum noch Kraft und Motivation finden, um bis zu 14 Mal in der Woche zu trainieren und am Ende noch drauf zu zahlen.

Emanuel Buchmann triumphiert vor rund 25.000 Zuschauern bei der 18. Tour de Neuss. Foto: Andreas Woitschützke
Voltigiererin Mona Pavetic aus Neuss bringt aus Ermelo WM-Gold mit. Foto: © im|press|ions – Daniel Kais/Daniel Kaiser;Daniel Kaiser - im|press|ions

Es war ein grandioser Sportsommer. In denen die so genannten Randsportarten dank der „Finals“ in Berlin ihren großen Auftritt hatten. Besucherzahlen wie Einschaltquoten haben gezeigt, dass die Menschen selbst in Deutschland durchaus Lust haben, anderen Sport zu sehen als Fußball, wenn er ihnen denn gezeigt wird. Die Schwimmer, die Turner, die Kanuten und all die anderen Sportler sollten diesen Moment genießen. Denn in wenigen Tagen beginnt die Fußball-Bundesliga, und dann dürfen sie wieder in ihre Nischen hüpfen, in ihre Spartensender und Internet-Livestreams. Sie werden trotzdem weiter in ihre Boote und Fechtanzüge steigen, weil sie nicht nach Marktwert gieren, sondern nach Spaß und sportlichem Erfolg. Allein dafür haben sie Respekt verdient – Geld bekommen sie ja ohnehin keines.

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