Bei den Boxern der SG Kaarst geht es um viel mehr als nur um Kampfsport

Boxen : In Kaarst geht es um viel mehr als nur Kampfsport

Die Boxabteilung der SG findet immer mehr Zulauf und trumpft dabei mit einer Philosophie aus dem Herzen Havannas auf.

Es riecht nach Schweiß und hartem Training, wenn Thomas George, Abteilungsleiter Boxen bei der SG Kaarst, voller Stolz den Boxraum im Keller des Kaarster Sportzentrums zeigt. Fast schon romantisch wirkt der kleine Raum, der alles bietet, damit darin bis zu 30 Athleten gleichzeitig trainieren können. Man bekommt schnell den Eindruck, dass es hier nur noch um Sport in seiner reinsten Form geht. Doch bei den Kaarstern Kampfsportlern geht es noch um viel mehr.

Vor zwölf Jahren gründeten George und sein Partner Oliver Wenge die Boxabteilung. Damals boxten gerade mal ein halbes Dutzend Jungs in den Räumlichkeiten. „Wir kamen selber nicht vom Boxen und waren eigentlich blutige Anfänger“, beschreibt George die Entstehung seines Projekts. Mittlerweile wurde aus der Leidenschaft zum Sport eine eigene Abteilung innerhalb der SG Kaarst mit 150 Mitgliedern. „Die Nachfrage ist riesig, aber unsere Kapazitäten sind momentan maximal ausgelastet“, hadert George, der sich für die Zukunft eine eigene Halle wünscht. Vier Lizenztrainer bieten aktuell jeden Tag Training an. Ralf Werner, B-Lizenztrainer, ist seit zehn Jahren in Kaarst fest eingebunden. Er fungiert als Seniortrainer, erstellt die Trainingsgruppen, kümmert sich in erster Linie um die zehn aktiven Wettkampfsportler und organisiert nebenbei Trainingslager und Turniere. In den Räumen der SG trainierten schon weltweitbekannte Boxer wie WBF-Champion Timo Rost oder Olympia-Teilnehmer Hamza Touba, der immer noch Mitglied ist. „Wir wollen in Zukunft auch auf noch höherem Niveau boxen, wollen unsere Werte und den Breitensport allerdings nicht vernachlässigen“, verspricht George. Ein Versprechen, das man ihm abkaufen kann. Denn bei der SG arbeiten alle Trainer als Ehrenamtler und haben andere Beweggründe. „Wir wollen Werte über den Sport hinaus vermitteln. Wir haben viele Jungs aus sozialen Randgruppen, aber auch viele Mädchen, die ihre Leidenschaft zum Boxen gefunden haben“, fasst George die umfassende Philosophie möglichst kurz zusammen.

Eine Philosophie, die ihren Ursprung in einem Land hat, das seit Jahren die erfolgreichsten Amateurboxer hervorbringt. Eine Philosophie, die im Herzen Kubas von einem belgischen Boxtrainer ausgelebt wird. Jo de Vrieze lebt seit 15 Jahren in Havanna und trainiert den Nationalkader der kubanischen Boxer. Seit vielen Jahren pflegt de Vrieze einen guten Kontakt zu den Boxern der SG Kaarst und war nun zu Gast im Sportzentrum und hielt ein Seminar ab. De Vrieze zählt zu der Art Mensch, der sofort etwas ausstrahlt, sobald er den Raum betritt. Er kommt im Trainingsanzug, auf dem T-Shirt die Fahne Kubas. De Vrieze legt los und die 15 aufstrebenden, jungen Boxer der SG hören gespannt zu. „Beim Boxen geht es nicht nur um den Sport allgemein. Ich will meine Athleten integral ausbilden“, erläutert de Vrieze den Kern seiner Philosophie direkt zu Beginn. „Nicht jeder wird Weltmeister, aber jeder kann ein besserer Mensch werden und sich in die Gesellschaft perfekt integrieren“, so de Vrieze über sein Verständnis vom Boxen. In Kuba, so de Vrieze, sei er jeden Tag in der Schule und höre sich die Probleme seiner jungen Athleten an und fände Lösungen. Die Verbindung zwischen Trainer und Athlet sei eine ganz besondere.

Und im kleinen Kaarst versuchen die Verantwortlichen, die Philosophie aus dem fernen Kuba weiterzugeben und haben dabei großen Erfolg. Der Boxraum im Sportzentrum ist für viele Jugendliche ein wichtiger Anker im Leben und bietet ihnen einen Ort, an dem sie fair behandelt werden und viel geboten bekommen. „Daraus soll bei den Jungs auch eine gewisse Verantwortung entstehen für die anderen Bereiche des Lebens aber auch der SG gegenüber“, weiß George um seinen Einfluss. Einer dieser vielen Jugendlichen ist Ben Nosa Ehis. Auch er lauschte den Worten de Vriezes gespannt. „Ich bin fasziniert. Er ist inspirierend und es ist wünschenswert so einen Trainer zu haben“, sagt Ehis, der momentan das heißeste Eisen im Feuer bei der SG ist. Erst im Juli krönte sich der 19 Jahre alte Neusser zum NRW-Meister. Seinen Zielen ist nach oben kein Limit gesetzt. „Das Boxen hat mir viel gegeben in Sachen Disziplin und im Umgang mit anderen Menschen“, sagt Ehis. Nach dem Vortrag ließ de Vrieze die Kaarster Boxtalente noch einmal ansatzweise spüren, wie es zugeht, wenn der Wahl-Kubaner in seinem Traingscenter in Havanna seine Athleten durch den Ring scheucht.

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