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Mönchengladbach: RP-Serie erklärt Bilder aus der Grafischen Sammlung von Schloss Rheydt

Kunst in Mönchengladbach : Meister des Stilllebens aus Düsseldorf

Die Familie Preyer war vielseitig im Kunstschaffen und engagiert im Kultur-Networking des 19. Jahrhunderts. Johann Wilhelm Preyer und seine Tochter Emilie war bekannt für ihre Stilleben, die seinerzeit eine beliebte Kunstform waren.

Wann haben Sie das letzte Mal eine Feige in die Hand genommen und genau betrachtet? Haben ihre leicht unwuchtige, spitz zulaufende Birnenform angesehen, ihren schimmernden Glanz entdeckt, die leicht reliefierte Oberfläche, die weißen Ein-sprengsel im changierenden Grün? Haben Sie aufgeschnitten und einen Blick auf das rötliche Fruchtfleisch, das von gelben Samenkörnern durchzogen wird, geworfen?

Der Düsseldorfer Maler Johann Wilhelm Preyer muss dies sehr gründlich getan haben. Seine Eindrücke aquarellierte er am 10. September 1843 auf einem kleinen Blatt. Das Aquarell auf Papier mit dem Titel „Vier grüne Feigen“, 21,5 mal 19 Zentimeter groß, sind Teil der Grafischen Sammlung des Muse-ums Schloss Rheydt.

Eine für das Rheinland traditionelle Frucht ist die Feige nicht. Sie gehört zu den ältesten domestizierten Nutzpflanzen und wird vor allem im Mittelmeerraum angebaut. Wenn der Winter mild ist, kann sie auch fern ihrer eigentlichen Heimat gedeihen. Preyer malte die Frucht, als sei ihre Darstellung für eine Enzyklopädie südländischer Früchte gedacht. Er präsentierte sie liegend, stehend, aufgeschnitten und von unten betrachtet auf einem Blatt.

Johann Wilhelm Preyer wurde vor 197 Jahren in Rheydt geboren und starb im Alter von 85 Jahren 1889 in Düsseldorf. Kindheit und Jugend allerdings verbrachte er in Eschweiler nahe Aachen, wo sein Vater einen Kolonialwaren- und Materialienladen führte. 1822 begann Preyer seine künstlerische Ausbildung an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Peter von Cornelius. Seit 1835 unternahm Preyer Studienreisen in die Niederlande, durch Deutschland, Italien und in die Schweiz. 1843 war er in Tirol, wo er die Feigen gründlich studieren konnte. Sehr engagiert war Johann Wilhelm Preyer in dem, was Künstler heute Networking nennen: Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des „Vereins der Düsseldorfer Künstler zur gegenseitigen Unterstützung und Hülfe“, der 1844 ins Leben gerufen wurde und bis heute mit einer großen Zahl bekannter Künstler aktiv ist.

Johann Wilhelm Preyer malte die vier grünen Feigen in vier Ansichten, als sei ihre Darstellung für eine Enzyklopädie südländischer Früchte gedacht. Foto: Schloss Rheydt

Preyer gehörte der Düsseldorfer Malerschule an und gilt als einer der herausragenden Stilllebenmaler seiner Zeit. Damals gab es noch eine deutliche Hierarchie der malerischen Themen. In dieser rangierte die Historienmalerei ganz oben, die Stilllebenmalerei ganz unten. Doch bei den Käufern war sie außerordentlich beliebt: Einerseits war das Format im Gegensatz zu den riesigen Historienbildern angenehm, andererseits zeigte das Stillleben die alltäglichen und bekannten Dinge des Lebens auf eine sehr besondere Weise.

Johann Wilhelm Preyer war seit 1844 mit Emilie Lachenwitz verheiratet. Das Paar hatte zwei Kinder: Emilie, die 1849 geboren wurde und Paul (1847 bis 1931). In einem anregenden künstlerischen Umfeld aufgewachsen, entwickelten beide früh ihre künstlerische Kreativität.

In der Grafischen Sammlung des Museums Schloss Rheydt befindet sich die „Kinderzeichnung“ vom Februar 1857. Das Aquarell auf Papier ist 15,5 mal 19,2 Zentimeter groß und stammt von Emilie Preyer.

Die Achtjährige setzt in diesem Blatt zeichnend und malend schon recht souverän ganze Erzählungen ins Bild. Die Zeichnung ist zweigeteilt, es gibt – fast wie in einem Comic – eine obere Reihe und eine untere, das Mittelfeld lässt Bleistiftzeichnungen erkennen, die vermutlich nicht fertiggestellt wurden. Menschen, Tiere, Häuser und Pflanzen, die einzelnen Motive sind sehr detailreich ausgeführt.

Emilie Preyer machte weiter mit der Malerei. Während ihr Bruder Paul die Möglichkeit einer akademischen Ausbildung in Anspruch nehmen konnte, wurde Emilie, da Frauen in 19. Jahrhundert an den Kunsthochschulen nicht zugelassen waren, zunächst von ihrem Vater unterrichtet, später von Hans Fredrik Gude, einem Land-schaftsmaler. Als Erwachsene setzte Emilie Preyer, in Düsseldorf lebend und arbeitend, das Werk ihres Vaters fort und widmete sich der Stilllebenmalerei. Die Künstlerin hatte regelmäßig Ausstellungen in Berlin, Dresden und Düsseldorf. Emilie Preyer starb im Herbst 1930.