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Borussia Mönchengladbach: Die 1980er-Jahre sind das unvollendete Jahrzehnt

Serie „50 Jahre erste Meisterschaft“ : Borussias unvollendetes Jahrzehnt

Im Schatten der großen 70er wirkten die 1980er-Jahre eher trist. Doch eigentlich war Borussia auch in dieser Zeit richtig gut. Allein die Titel blieben aus.

Wer weiß, wie das Jahrzehnt gelaufen wäre, wenn Fred Schaub nicht am 21. Mai 1980 neun Minuten vor dem Ende des zweiten Uefa-Cup-Endspiels das 1:0-Siegtor für Eintracht Frankfurt erzielt hätte. Es wäre vermutlich beim 0:0 geblieben und Borussia hätte das 3:2 im Hinspiel gereicht, um den Uefa-Cup-Gewinn von 1979 zu wiederholen. Es wäre für den jungen Trainer Jupp Henyckes, der vor der Saison den Titel-Sammler Udo Lattek abgelöst hatte, gleich der erste große Triumph gewesen. So aber blieb die Geschichte unvollendet – das sollte der rote Faden des Jahrzehnts sein.

Es ist unfair, irgendetwas in der Geschichte von Borussia mit den 1970er-Jahren zu vergleichen, der Dekade in der das Phänomen Fohlenelf geboren wurde. Diese Jahre waren nicht von dieser Welt, sie waren Revolution und Aufbruch, wild und frei. Der deutsche Fußball war Rambazamba und Fohlisch, sexy und aufregend. Trist wirkten im Schatten dessen die folgenden zehn Jahre. Die Musik der 80er war bunt und munter, die Mode wunderlich, der Fußball aber eher bieder, er wurde mehr gekämpft als gespielt, zwar wurde Deutschland 1980 Europameister und stand 1982 und 1986 im WM-Endspiel. Doch da war kein großer Glanz.

Was Gladbach angeht, tut man den Borussen allerdings Unrecht, wenn man die 80er als trist abtut. Der frühere Stürmer Heynckes ließ seine Fohlen meistens fröhlich angreifen, er formte reichlich Talente zu großen Spielern und machte aus dem Wenigen, das möglich finanziell war, sehr viel, ganz in der Tradition von Hennes Weisweiler. Und Borussia war erfolgreich: Neunmal war sie einstellig, sechsmal schaffte sie die Qualifikation für Europa, viermal landete sie unter den Top vier in der Bundesliga; Gladbach kam 1980 ins Uefa-Cup-Finale und 1987 ins Halbfinale, 1984 stand Borussia im Pokalfinale und 1987 im Halbfinale. Der Makel ist: Es gab keinen Titel.

Wie 1980 fehlten 1984 im Pokalfinale gegen die Bayern kaum zehn Minuten zum Triumph, erst in der 83. Minute glich Wolfgang Dremmler Frank Mills 1:0-Führung aus. Im Elfmeterschießen verlor Gladbach. 1987 schien sie auf dem Weg ins nächste Uefa-Cup-Finale nach dem 0:0 bei Dundee United im ersten Hinspiel im Norden Schottlands. Doch dann gab es auf dem Bökelberg ein 0:2, der Traum platzte. Auch, weil die Borussen wie so oft in entscheidenden Moment der 80er-Jahre etwas zu zaudernd waren statt ungehemmt. Im gleichen Jahr schoss im Pokal-Halbfinale Hamburgs Manfred Kastl fünf Minuten vor Schluss mit seinem 1:0 die Borussen aus dem Wettbewerb. Zwei Jahre zuvor war Borussia bei den Bayern in der Verlängerung gescheitert in der Vorschlussrunde. Wer weiß, was eine zweite Finalteilnahme gebracht hätte. Auch das tollste Spiel des Jahrzehnts, das 5:1 gegen Real Madrid im Dezember 1985, als die Gladbacher die „Königlichen“ regelrecht vorführten, wurde im Nachhinein entwertet: Im Rückspiel gab es ein 0:4 und das Aus.

Aber die Borussen haben in den 80ern auch Geschichte geschrieben. 1986/87 gewann Gladbach die letzten zehn Spiele in Folge, das ist bis heute Vereinsrekord, in der folgenden Saison wurde die Serie auf zwölf Siege am Stück ausgebaut. Zwischen März 1983 und November 1984 blieb Borussia in 29 Heimspielen unbesiegt. In der Spielzeit 1983/84 schaffte Gladbach zwölf Heimsiege am Stück, der Rekord wurde erst 2019 eingestellt. Im Oktober 1984 gab es den bislang letzten von vier zweistelligen Bundesliga-Siegen der Vereinsgeschichte mit dem 10:0 gegen Braunschweig.

Hans-Jörg Criens und Uwe Rahn trafen dabei jeweils dreimal, die beiden Stürmer waren Spieler, die Heynckes entwickelte in seiner eigenen Tradition: Männer mit einem unglaublichen Torinstinkt. Criens, der Weihnachten 2019 starb, ist bis heute Gladbachs effektivster Joker. Und Rahn war fast schon zu modern für seine Zeit: Er war eine hängende Spitze, ein Mittelding zwischen offensivem Mittelfeldspieler und Stürmer, viel unterwegs und zugleich ein kopfballstarker Strafraumstürmer. 1987 wurde Rahn Torschützenkönig, was vor ihm nur Henyckes und nach ihm nur Heiko Herrlich gelang. Und er war Deutschlands Fußballer des Jahres. Das schafften als Borussen sonst nur Berti Vogts (2), Günter Netzer und Marco Reus.

Wilfried Hannes, Hans-Günter Bruns und Stefan Effenberg, der seine erste Gladbach-Phase in den 80ern hatte, gehören zu Borussias Jahrhundert-Elf. Vier Spieler aus dieser Zeit schossen sich in die Top Ten der Gladbach-Torjäger: Criens (116 Tore), Rahn (111), Bruns (85) und Frank Mill (80). Neumal stellte Borussia den Torschützen des Monats.

In den 80ern ereignete sich auch eines der emotionalsten Spiele der Vereinsgeschichte: Das Pokal-Halbfinale 1984 gegen Werder Bremen, das wilde 5:4 mit der Pointe des verrückten Criens-Tores in der Verlängerung. Es schien, als sollte dieses Spektakel kaum zu überbieten sein. Doch am nächsten Tag gab es im zweiten Halbfinale zwischen Schalke 04 und dem FC Bayern ein 6:6. Was den großen Abend auf dem Bökelberg in der allgemeinen Wahrnehmung überstrahlte. Das ist die Krux dieser Dekade: Sie war für Borussia eigentlich ziemlich gut. Aber sie blieb unvollendet.