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Borussia Mönchengladbach: Christopher Mandiangu - ein Roadtrip durch die Fußballwelt

Gladbacher Globetrotter : Ex-Borusse Mandiangu spricht über seine Welt-Karriere

Es sieht aus wie ein wirrer Buchstabensalat, doch es sind tatsächlich die Namen einiger Klubs, für die der Ex-Borusse Christopher Mandiangu schon gespielt hat: MSK Zilina, Gandzasar, H. Kfar Saba, FF Jaro. Ein Gespräch über seine Erfahrungen in der Fußballwelt.

Schon in der U9 kickte Christopher Mandiangu für Borussia Mönchengladbach. Er gehörte zum 1992er-Jahrgang, spielte mit Marc-André ter Stegen, Julian Korb, Yunus Malli und Elias Kachunga zusammen. In der U19 hatte ihn der damalige Profi-Trainer Michael Frontzeck auf dem Zettel, doch den endgültigen Sprung schaffte Mandiangu beim VfL nicht.

Über Stationen bei der TSG Neustrelitz, dem MSV Duisburg und dem BFC Dynamo landete Mandiangu 2015 bei seinem ersten Klub im Ausland: dem FC Eindhoven. Er hat insgesamt in elf Ländern gespielt und sowohl sportlich als auch kulturell spannende Erfahrungen gesammelt.

Im Interview mit unserer Redaktion blickt Mandiangu auf seine bisherige Karriere zurück und erzählt, was er sich von seinem ersten Gehalt bei Borussia gekauft hat, warum er das heute nicht mehr tun würde und was ihn in Israel besonders beeindruckt hat.

Herr Mandiangu, wo erreichen wir Sie gerade?

Mandiangu Ich bin in Albanien, in Shkodra. Das liegt im Norden und ist etwa eineinhalb Stunden von Tirana, der Hauptstadt, entfernt.

KF Vllaznia in Albanien ist Ihre zehnte Station im Ausland. Wie viele Sprachen sprechen Sie mittlerweile?

Mandiangu Fließend spreche ich Französisch, Niederländisch, Deutsch, Lingala (Landessprache der Republik Kongo, dort ist Mandiangu geboren; Anm. d. Red.) und Englisch. Ansonsten verstehe ich auch Polnisch, Slowakisch und ein wenig Finnisch. Ich bin zum Glück relativ sprachbegabt. Egal, wo ich hinkomme, kann ich mich mit Leuten unterhalten.

Wo verspüren Sie denn überhaupt ein Heimatgefühl?

Mandiangu Wenn ich in Mönchengladbach bin, ist das für mich Heimat. Da bin ich groß geworden, habe dort zwölf Jahre lang Fußball gespielt. Aber auch in der Schweiz fühle ich mich sehr wohl, da habe ich mir gemeinsam mit meiner Freundin, die mit unserem acht Monate alten Sohn in Lausanne lebt, ein Netzwerk aufgebaut.

Christopher Mandiangu mit seinem kleinen Sohn. Foto: privat

Wie kam es denn, dass Sie im Sommer in Albanien gelandet sind?

Mandiangu Ich reise gerne und sehe gerne was von der Welt. Deswegen habe ich mir das Angebot von Thomas Brdaric angehört. Früher sind wir zusammen in der Regionalliga Nordost mit der TSG Neustrelitz Meister geworden. Er ist jetzt wieder mein Trainer. Der Klub hat einen Privatinvestor und wollte ein paar Spieler aus dem Ausland holen, so kam dann der Kontakt zustande.

Sie haben das Thema Privatinvestor angesprochen. Welche Rolle spielt das Geld bei Ihren Wechseln?

Mandiangu Natürlich muss es finanziell passen, aber ich habe die Gabe bekommen, Fußball zu spielen. Ob das in Deutschland oder Albanien ist – am Ende ist es Fußball. Mir ist bewusst, dass der Verein den Leuten in Deutschland nichts sagt. Aber hier ist der Klub groß. Im Schnitt kommen 12.000 Zuschauer zu den Spielen. Man spielt hier nicht hinter einem Bauernhof Fußball, es ist schon sehr professionell, es herrscht auch Druck.

Wie viel kann man denn in Ländern wie Albanien, Armenien oder Finnland verdienen?

Mandiangu Man kann in einer Mannschaft spielen, in der ein Spieler 300 Euro verdient. Dafür verdient ein anderer Spieler 6000 Euro oder mehr. Das sind meistens die ausländischen Spieler, von denen aber auch immer mehr verlangt wird.

Können Sie sich von dem Geld, das Sie verdienen, etwas zur Seite legen?

Mandiangu Ja, auf jeden Fall. In Deutschland wäre das mit meinem Gehalt wahrscheinlich nicht möglich, da käme ich am Ende des Monats bei null raus. Hier kann ich fast alles zur Seite legen, weil das Leben so günstig ist, ich ein Auto und eine Wohnung vom Verein gestellt bekomme. Für mich ist aber der wichtigere Aspekt, dass es eine Lebenserfahrung ist.

Trotzdem dürfte sich manch einer wundern, warum Sie so häufig den Verein gewechselt haben.

Mandiangu Ich komme in Länder, in die ich ohne den Fußball wohl nie gekommen wäre. Das nehme ich dankend an. Das sind Erfahrungen, die man sich nicht kaufen kann. Ich lerne so viele Kulturen und Menschen kennen, das hilft mir für mein Leben. Anpassungsprobleme kenne ich nicht.

In Armenien sind Sie nur zwei Monate geblieben.

Mandiangu Der Investor des Vereins hat mich geholt. Dann haben wir Europa-League-Quali gespielt und sind in der ersten Runde rausgeflogen. Nach zwei Monaten wollten sie meinen Vertrag auflösen, weil ich zu teuer für sie war. Dann haben wir uns geeinigt, weil ich auch keiner bin, der im Streit mit dem Verein auseinandergehen möchte und dann bin ich zwei Wochen später nach Israel geflogen.

Ist genau das Ihr großes Plus? Dass Sie keine Startschwierigkeiten haben und bei allen Vereinen Ihre Tore gemacht haben?

Mandiangu Ja, genau. Ich wurde in Deutschland fußballerisch top ausgebildet. Meistens wollen die Klubs im Ausland versuchen, etwas aufzubauen. Dafür suchen sie Spieler, die eine gewisse Erfahrung und Qualität haben.

Was nehmen Sie aus all Ihren Stationen an Erfahrungen abseits des Fußballplatzes mit?

Mandiangu In Deutschland liebe ich die Pünktlichkeit, die Zuverlässigkeit, die Arbeitseinstellung – das habe ich woanders nicht so erlebt. In Israel habe ich zum Beispiel gelernt, dass man das Leben genießen und stundenlang einfach nur in einem Café sitzen kann. In Finnland habe ich schnell gemerkt, dass das Leben dort nichts für mich ist. Da hat das Wetter die Menschen beeinflusst. Es ist kalt und die Leute saßen viel zu Hause und waren deshalb nicht so sozial.

Über welche kulturellen Unterschiede haben Sie sich noch gewundert?

Mandiangu In Israel essen die Leute gerne Hummus. Für mich persönlich ist das total ungesund. Aber das Krasse: Die Leute waren alle super fit und super gebaut und ich konnte mir das nicht erklären (lacht).

Wer unterstützt Sie bei all Ihren Entscheidungen?

Mandiangu Da ist kein fester Berater. Ein Jugendfreund von mir, Steve Lamidi (Bruder von Moses Lamidi, der früher auch für Borussia gespielt hat; Anm. d. Red.), unterstützt mich. Ich habe mir selbst ein Netzwerk aufgebaut.

Und das funktioniert?

Mandiangu Ja, die Fußballwelt ist klein. Ein Beispiel: Ich war auf dem Weg in die Slowakei zu MSK Zilina. Zu dem Zeitpunkt haben sie Laszlo Bénes nach Gladbach verkauft. Der Präsident hat mit Max Eberl telefoniert und sich nach mir erkundigt. Eberl hat ein gutes Wort für mich eingelegt und der Deal kam zustande.

Welche Kontakte und Verbindungen haben Sie heute noch zur Borussia?

Mandiangu Zu Elias Kachunga habe ich sehr guten Kontakt, wir telefonieren häufig. Zu Julian Korb habe ich auch einen sehr, sehr guten Draht. Und hin und wieder spreche ich auch mit Yunus Malli und Amin Younes.

Sie sind 1992 geboren und haben bei Borussia unter anderem mit Marc-André ter Stegen, den eben angesprochenen Julian Korb, Yunus Malli, Elias Kachunga und auch mal mit Patrick Herrmann zusammengespielt. In der Konstellation haben Sie ein Spiel gegen den damaligen Tabellenführer Borussia Dortmund 7:1 gewonnen.

Mandiangu (lacht) Da habe ich drei Tore gemacht. Das war die beste Mannschaft, in der ich gespielt habe. Das sind Dinge, die man aber erst im Nachhinein versteht. Seitdem hat es bei Borussia wohl nicht mehr eine so gute U17 gegeben.

Christopher Mandiangu durchlief alle Jugendmannschaften bei Borussia Mönchengladbach. Foto: Dieter Wiechmann/Wiechmann, Dieter (dwi)

Wann waren Sie zuletzt im Borussia-Park?

Mandiangu Vor gut vier Wochen. Ich habe Roland Virkus und Markus Hausweiler getroffen. Man unterhält sich sofort so, als wäre man nie weg gewesen. Was ich sehr sympathisch fand: Es waren fast überall noch dieselben Leute da wie zu dem Zeitpunkt, als ich Borussia verlassen habe. Der Verein ist natürlich gewachsen, aber die Leute sind noch überwiegend die gleichen. Es ist derselbe Kern, das finde ich cool.

Warum haben Sie damals den Durchbruch bei Borussia nicht geschafft? Sie waren Jugend-Nationalspieler, haben 47 Tore für Borussias U17 und U19 geschossen.

Mandiangu Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass ich da meine Karriere gemacht hätte. Das war mein Traum. Ich habe in der U9 angefangen. Fleiß, Disziplin, Glück – vielleicht hat bei mir von jedem etwas gefehlt. Aber ich bin trotzdem zufrieden.

Was ist rückblickend Ihre schönste Erinnerung an Borussia?

Mandiangu Ich erinnere mich noch genau an den ersten Tag, als ich als kleiner Junge am Haus Lütz in Mönchengladbach zum ersten Mal trainiert habe. Da ging es nur um Fußballspielen und die Liebe zum Sport. Dinge wie Verträge haben noch keine Rolle gespielt.

Stimmt es, dass Sie der FC Chelsea in der Jugend nach England holen wollte?

Mandiangu Ja, ich saß mit dem heutigen Vizepräsident Rainer Bonhof und meinem Vater zusammen, wir haben darüber diskutiert. Chlesea wollte mich zum Probetraining einladen. Liverpool hat angerufen, Bayern München auch. Aber ich war mir sicher, dass ich meinen Weg bei Borussia gehen werde.

Borussias Nachwuchsdirektor Roland Virkus gilt als einer Ihrer Förderer. Obwohl Sie mit Ihrer Familie in Mönchengladbach gewohnt haben, hat er Sie ins Internat geholt.

Mandiangu Er wusste, wie er mit mir umgehen musste. Er musste hin und wieder ein Auge zukneifen. Dafür hat er auf dem Platz die Sachen von mir bekommen, die andere nicht gebracht haben. Er hat auch mit mir über meine Probleme gesprochen. Als er nicht mehr mein Trainer war, wurde es schwieriger.

Erzählen Sie.

Mandiangu Ich komme von der Straße, habe einen anderen Background als zum Beispiel ein Julian Korb. Meine Eltern kamen damals aus dem Krieg im Kongo. Wenn ich in der Jugend ein bisschen Geld verdient habe, habe ich das mit nach Hause zu meinen Eltern gebracht, damit wir davon leben konnten.

Selbst als Jugendspieler dürften sie bei Borussia schon einiges verdient haben.

Mandiangu Ja, das war so. Ich habe meinen Vierjahresvertrag unterschrieben und mehr Geld verdient als mein Vater. Ich habe mir direkt einen VW Scirocco gekauft, das war damals der neueste Wagen. Dann hat man sich auch mal eine Jeans für 400 Euro gekauft und so einen Quatsch. Das würde ich aus heutiger Sicht natürlich nicht mehr machen. Aber man darf auch nicht unterschätzen, in was für einer Blase man lebt.

Christopher Mandiangu im Jahr 2009 im DFB-Pokal-Halbfinale gegen den VfB Stuttgart. Im Hintergrund ist VfB-Torwart Bernd Leno zu sehen. Foto: Dieter Wiechmann/Wiechmann, Dieter (dwi)

Wie gefährlich ist das für die jungen Spieler, wenn sie so umsorgt werden?

Mandiangu Wenn man kein vernünftiges Umfeld hat, kann das gefährlich werden. Du denkst, dass du irgendwas bist, aber du bist noch nichts. Dann landet man irgendwann in der vierten Liga oder ist vereinslos, will aber immer noch den Fußballer-Status haben. Ich habe auch Freunde, die mit Depressionen zu kämpfen haben, weil sie den Sprung nicht geschafft haben.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?

Mandiangu Die Vereine müssen noch mehr Verantwortung tragen. Sie tun zwar was für die schulische Ausbildung, aber am Ende zählt nur, wer es schafft und wer nicht. Was ist mit denen, die es nicht schaffen, die aber kein anderes Leben kennen?

Ihre Worte klingen sehr reflektiert.

Mandiangu Wäre ich Fußball-Millionär geworden, hätte ich vielleicht eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Ich weiß nicht, was ich für ein Mensch geworden wäre, wenn es bis nach ganz oben gereicht hätte.

Welcher Mensch wären Sie denn gerne in einigen Jahren?

Mandiangu Ich hoffe, dass ich meinem Sohn viele Dinge mitgeben kann: Sozialkompetenz, Spaß an allem, was man macht. Mein Ziel ist auch, meinem Kind in den nächsten Jahren so nah wie möglich zu sein, aber ich möchte auch noch weiter Fußball spielen.

Und nach Ihrer Karriere als Spieler?

Mandiangu Ich würde gerne vielleicht mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, Jungs begleiten, die ein gewisses Talent haben, aber einen schwierigeren Background. So wie es bei mir früher der Fall war. In Frankreich oder den Niederlanden sind die Vereine diesbezüglich schon etwas weiter. Die jungen Spieler arbeiten dort mit Leuten zusammen, die einen ähnlichen Hintergrund wie sie selbst haben. Nur so schaffen es Spieler wie Jadon Sancho oder Ousmane Dembélé nach oben.

Ihnen hätte so eine Person also früher geholfen?

Mandiangu Auf jeden Fall. Mir persönlich hat damals ein wenig die Identifikation gefehlt, dass da jemand ist, der mich und meine Geschichte komplett versteht. Solchen Jungs würde ich gerne helfen. Wenn man das frühzeitig macht, muss man die großen Talente vielleicht nicht mehr für viel Geld aus dem Ausland verpflichten. Und wenn es dann einer von ihnen nach oben schafft, wäre das für mich eine Genugtuung. Durch die vielen Länder, die ich gesehen habe, könnte ich mir auch vorstellen, als Scout zu arbeiten. Nur die klassische Beratertätigkeit wäre wohl etwas zu geschäftlich für mich (lacht).