Kreistag Neuss: Chefs von CDU und SPD begreifen Strukturwandel als Chance

Interview Rainer Thiel und Dieter Welsink : Der Strukturwandel ist auch eine Chance

Wie die Chefs der Kreistagsfraktionen von SPD und CDU das Ende der Kohleverstromung meistern wollen.

Ministerpräsident Haseloff droht, den Kohlekompromiss aufzukündigen, wenn das alte Kohlekraftwerk Schkopau in Sachsen-Anhalt zugunsten eines modernen Uniper-Steinkohlekraftwerks in NRW früher als geplant vom Netz geht. Haben Sie Verständnis für diese Art der Verhandlungen?

Dieter Welsink Die Diskussion um die Folgen der Energiewende wird emotional geführt und ist interessengeleitet. Die Menschen in den betroffenen Regionen stehen vor so vielen Veränderungen wie noch nie. Die Anforderungen und Ergebnisse müssen fair sein, fair für die Betroffenen in der Lausitz und für uns im Rheinischen Revier.
Rainer Thiel Die laufende Debatte ist notwendig. Unsere Industriegesellschaft steht vor einer Operation am offenen Herzen. Erschwerend ist, dass das OP-Team diese Operation noch nie machen musste. Wir im Rheinischen Revier müssen dafür sorgen, dass der Patient die Operation überlebt.

Kann denn der viel beschworene Strukturwandel gelingen?

Thiel Chemie, Aluminium, Nahrungsmittel – hierzulande sind rund 90.000 Menschen in der energieintensiven Industrie beschäftigt. Für sie kommt es darauf an, dass es uns gelingt, die heutige Energieversorgung in den nächsten 20 Jahren durch ein neues, klimafreundliches Energiesystem zu ersetzen. Das ist die Herausforderung des Strukturwandels, vor der wir stehen.
Welsink Energie ist der Saft, der Lebensqualität, Wohlstand und soziale Sicherheit garantiert. Um RWE sorge ich mich dabei weniger als um die energieintensive Industrie. Energie muss bezahlbar bleiben. Der Rhein-Kreis ist Mittelpunkt einer wirtschaftlichen Kernregion Deutschlands und das soll er bleiben.

Wie wollen Sie konstruktiv Einfluss auf den Strukturwandel nehmen?

Welsink Die Themen Klimaschutz und Strukturwandel sind verknüpft und nicht zu trennen. Wenn die Gesellschaft entscheidet, dass der Klimaschutz ein übergeordnetes Ziel ist, dann liegt es in der gesellschaftlichen Verantwortung, den von Strukturwandel betroffenen Menschen zu sagen, wo ihre Perspektiven sind. Da hilft die hohe Fachkräfte-Nachfrage, da helfen auch Projekte wie Alu-Valley 4.0 mit denen wir versuchen, Wertschöpfung zu binden.
Thiel Mit dem Ende von Tagebau und Kraftwerken geht uns Wertschöpfung in Höhe von rund einer Milliarde Euro jährlich verloren. Allein durch Löhne und Aufträge für ortsansässige Handwerker und Betriebe. Da müssen wir Neues aufbauen. In der Energiefrage könnte Wasserstoff-Technologie zukunftsweisend sein oder auch ein Salzspeicher-Kraftwerk mit dem Volumen von einem Giga-Watt. Auch eine Batteriezellenfertigung im Revier scheint möglich. Die würde hunderte Arbeitsplätze bringen und hat viel mit E-Mobilität, Aluminium als Werkstoff und Chemie zu tun.

Im Kreishaus ist der folgende Strukturwandel ein Thema. Aber viele der 460.000 Einwohner im Rhein-Kreis scheint nicht bewusst, was da für gesellschaftliche Umbrüche warten. Täuscht der Eindruck?

Thiel Ich stimme der These zu. Wir Politiker müssen den Menschen erklären, was da auf sie zu kommt. Warum sie angesichts eines übergeordneten Klimaschutz-Ziels womöglich ihren Arbeitsplatz verlieren. Und wir müssen sie begleiten, Chancen aufzeigen. Darum sage ich: Weiterbildung und Qualifizierung werden in diesem Prozess ein großes Thema.
Welsink Gutachten sagen, dass bereits 2021 der Unsicherheitsfaktor für die Stromversorgung der Industrie 30 Prozent erreichen wird. Spätestens dann werden die Bürger merken, dass wir alle betroffen sind.
Thiel Kein Industriebetrieb kann zwei Stunden vom Netz. Das ist ignorant. Allein eine Zehntelsekunde ohne Strom bedeutet in der Dralonproduktion im Chempark einen Millionen-Euro-Verlust.
Welsink Unsere Region besitzt großes Potenzial. Wir müssen mit der Wissenschaft Energiepuffer aufbauen. Also Speicher oder vielleicht auch Wasserstoff-Optionen.

Perspektiven eröffnet die Zukunftsagentur Rheinisches Revier. Sind Sie mit der ZRR zufrieden?

Welsink Ich finde gut, dass die ZRR vorhandene Stärken aufnimmt und mit Praxisbezug nach vorne blickend ausrichtet. Wir müssen die Innovationskraft der Region freisetzen und eben nicht nur auf Fördermittel aus Berlin setzen. Das hat für mich auch einen emotionalen Aspekt. Der Rhein-Kreis sollte sich mit seinen Nachbarn verzahnen. Dabei kann die Idee von Olympischen Spielen am Rhein Motor für ein Wir-Gefühl sein.
Thiel Wir sollten uns selbstbewusst klar machen, dass wir in der spannendsten Region Europas leben. Hier können junge Wissenschaftler, Ingenieure, IT-Spezialisten, Designer, Raumplaner die moderne Gesellschaft gestalten. Dafür müssen wir die jungen Leute ausbilden.

Dann müssen Sie junge Leute trotz Strukturwandel halten bzw. junge Leute aus anderen Teilen Deutschlands und der Welt anlocken.

Thiel Wir sind Teil einer wachsenden Region. Experten gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2030 Menschen hierherziehen. 200.000 nach Köln, 100.000 nach Düsseldorf und 40.000 in den Rhein-Kreis.
Welsink Das führt zu Siedlungsdruck. Wir müssen Wohnen und Leben neu organisieren und wir benötigen intelligente Verkehrssysteme, vor allem auf der Schiene. Das alles haben wir nicht oder halten es nicht im ausreichenden Maße vor.

Die ZRR-Projekteliste gibt wenige Hinweise auf den Kreis. Wurde eine Entwicklung verschlafen oder hat der Standort Projekte nicht nötig?

Welsink Wir befinden uns am Anfang des Prozesses und nichts, was geschrieben steht, ist in Stein gemeißelt. Wir im Rhein-Kreis bereiten weitere Projekte vor und werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass sie ins Programm aufgenommen werden.
Thiel Der kritische Blick ist berechtigt. Was wir jetzt lesen, trägt aber den Charakter eines Sofortprogramms. Wir haben noch nichts verpasst. Richtig ist aber, dass die Region auf unsere Vorschläge wartet.

Welche Projekte werden kommen?

Thiel Zunächst Infrastrukturprojekte. Die von uns favorisierten S-Bahnen müssen jetzt kommen. Die LEP-Fläche in Grevenbroich muss entwickelt und die Kommunen im Six-Pack, also Grevenbroich, Jüchen und Rommerskirchen, müssen unterstützt werden.
Welsink Wir drängen auf Genehmigungsverfahren, die schneller zu guten Ergebnissen führen. Ein weiterer sehr bedeutender Schwerpunkt ist die Digitalisierung der Region.