Besorgte Eltern aus Neuss und Grevenbroich Kinder- und Organhandel – Falschmeldungen in sozialen Netzwerken

Update | Rhein-Kreis · Der Polizei im Rhein-Kreis liegen Mitteilungen über ein verdächtiges Ansprechen von Kindern vor. In sozialen Netzwerken werden Fotos von Personen geteilt, die angeblich Organ- oder Kinderhandel betreiben. Was dazu bekannt ist.

 Die Polizei rät Eltern, ihren Kindern Verhaltenstipps mit auf den Weg zu geben. Zum Beispiel: „Tritt auf keinen Fall an Fahrzeuge heran! Fragen von  Autofahrern können von Erwachsenen beantwortet werden.“

Die Polizei rät Eltern, ihren Kindern Verhaltenstipps mit auf den Weg zu geben. Zum Beispiel: „Tritt auf keinen Fall an Fahrzeuge heran! Fragen von Autofahrern können von Erwachsenen beantwortet werden.“

Foto: Shutterstock/Tatiana Gordievskaia

Es ist der blanke Horror für jede Mutter und jeden Vater: Das eigene Kind wird entführt. Entsprechend verständlich ist es, Augen und Ohren offen zu halten und Warnungen nicht einfach in den Wind zu schlagen. „Fremde versprechen Kindern einen Lolli, wenn sie mit ihnen gehen!“ lautet so eine Warnung, die aktuell im Rhein-Kreis Neuss kursiert. In Frimmersdorf sollen schon Kinder angesprochen worden sein, und in der Grevenbroicher Südstadt.

Wie die Polizei in NRW​ arbeitet und welche Waffen sie hat
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So arbeitet die Polizei in NRW

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Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Hinter Fällen in Derikum, so hieß es ebenfalls in Mitteilungen, die über einen Messenger-Dienst verbreitet wurden, sollten Personen stecken, die angeblich Kinder entführen wollten, um Organ- und Kinderhandel zu betreiben. Sogar Fotos von Personen wurden in sozialen Netzwerken veröffentlicht. Sowohl bei der Information als auch bei den Fotos handelt es sich allerdings um komplette Falschmeldungen, so die Kreispolizei. Sie hat die dort abgebildeten Personen ermittelt, hieß es am Mittwoch seitens der Behörde. „Es bestand durch diese oder deren Umfeld zu keiner Zeit Gefahr hinsichtlich solcher Vorwürfe. Es handelt sich um Falschmeldungen und falsche Anschuldigungen“, so die Polizei, die zudem strafrechtliche Ermittlungen gegen den Verfasser dieser Fotos eingeleitet hat. „Eine Weitergabe und Verbreitung dieser Bilder könnten ebenfalls strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen“, heißt es weiter.

Fake News und urban legends

Natürlich werde „jeder Hinweis ernst genommen und gewissenhaft bearbeitet“. Das Beispiel der Falschmeldung aus Derikum zeigt aber, dass vielleicht gut gemeinte Warnungen bei ihrer Verbreitung eine Art Eigendynamik entwickeln und immer bedrohlicher werden. Geschichten verändern sich bei Mund-zu-Mund-Kommunikation, werden immer weiter ausgeschmückt. Das war schon immer so. Seit aber soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram, TikTok und X in der alltäglichen Kommunikation eine immer größere Rolle spielen, haben sich die Geschichten verschriftlich und erreichen im Nu eine Vielzahl von Menschen. In den meisten Fällen lässt sich eine Quelle nicht mehr zurückverfolgen. Was man früher als Schauermärchen betitelte, wird heute „urban legend“ genannt. Eine besonders bekannte moderne Sage ist die des weißen Lieferwagens, aus dem heraus ein Mann Kinder anspricht. Sie taucht jedes Jahr wieder auf, meist im Frühling, wenn das Wetter besser wird, oder nach den Sommerferien. „Weiße Lieferwagen mit Kinderfängern sind ein Klassiker der Angstmacherei, da sie sich schon seit Jahren weder bestätigen, noch widerlegen lassen“, schreibt der österreichische Verein Mimikama, der sich die Aufklärung über Internetmissbrauch zum Ziel gesetzt hat.

Vor unkontrollierter Verbreitung und ungewollter Panikmache warnt auch die Polizei im Rhein-Kreis und bittet um größtmögliche Zurückhaltung bei der Weitergabe solcher Hinweise: „Es ist wichtig, dass sich Personen darüber bewusst sind, dass Handlungen in sozialen Netzwerken die Verbreitung von Spekulationen beeinflussen können. Das Teilen unbestätigter Informationen kann zu Missverständnissen und Fehlinformationen führen.“ Nicht nur das Gerücht über die Organhändlerin in Derikum ist dafür ein aktuelles Beispiel, sondern auch die Geschichte über einen jungen Obdachlosen in Neuss, der in den sozialen Medien sogar bereits für tot erklärt wurde.

Weil auch in den aktuellen Fällen die Meldungen über das Ansprechen von Kindern über einen Messenger-Dienst verbreitet werden, hat die Kreispolizei Präventionstipps zusammengestellt.

Tipps für Erwachsene

  • Seien Sie vorsichtig mit Informationen aus unbekannten Quellen!
  • Überprüfen Sie die Glaubwürdigkeit von Nachrichten, bevor Sie diese teilen!
  • Denken Sie daran, dass Falschmeldungen und Spekulationen Schaden anrichten können!
  • Verifizieren Sie Informationen, bevor Sie diese verbreiten!
  • Teilen Sie nur verifizierte Nachrichten und tragen Sie dazu bei, die Verbreitung von Falschmeldungen und Spekulationen einzudämmen!

Weil Eltern verständlicherweise um das Wohl ihrer Kinder besorgt und deshalb vielleicht verunsichert sind, bittet die Polizei dennoch „im Interesse der Kinder, Ruhe zu bewahren und vor allem, die Kinder nicht zu verängstigen“.

Verhaltenstipps, die mit Kindern besprochen werden können

  • Gehe mit Freunden oder Klassenkameraden zusammen! Gemeinsam seid ihr stark und die Wege sind sicherer.
  • Benutze möglichst immer die gleichen Wege! So kennst du dich gut aus und weißt, wo du im Notfall Hilfe finden kannst.
  • Sage laut und deutlich, was du nicht willst! Habe auch Erwachsenen gegenüber Mut zu sagen "Lassen Sie mich in Ruhe!".
  • Tritt auf keinen Fall an Fahrzeuge heran! Fragen von Autofahrern können von Erwachsenen beantwortet werden.
  • Mach auf dich aufmerksam, wenn du dich bedroht fühlst! Schrei laut und gehe direkt zu anderen Personen, um dir Hilfe zu holen!
  • Weglaufen ist nicht feige. Wenn du dich abwendest und gehst, schaffst du Abstand.
  • Wenn kein anderer Erwachsener in der Nähe ist, sprich Kinder an! Schrei laut um Hilfe!
  • Du kannst in Notfällen jederzeit über Handy oder aus einer Telefonzelle den Polizeinotruf 110 anrufen. Das geht auch ohne Handykarte oder Münzen.
  • Wenn dir auf dem Schulweg etwas verdächtig vorgekommen ist, solltest du es sofort deinen Lehrern und Deinen Eltern erzählen!
  • Überlege mit deinen Eltern, in welchem Geschäft du auf deinem Schulweg Hilfe im Notfall finden kannst!
  • Halte Dich an Absprachen mit deinen Eltern und sei möglichst pünktlich, damit deine Eltern wissen, dass sie sich auf dich verlassen können und sich keine unnötigen Sorgen machen!
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