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Burkhard Räker ist Handball-Trainer des ESV Freilassing

Leben in Salzburg, Handball in Bayern : Von Tiefenbroich in die Mozartstadt

Burkhard Räker ist mit seiner Familie im Jahr 2019 nach Salzburg gezogen und hat in Bayern den ESV Freilassing als Handball-Trainer übernommen. Die Coronavirus-Pandemie schränkt das Leben sehr ein, aber der 43-Jährige bleibt optimistisch gestimmt.

Als das Angebot kam, Handball-Trainer in Mülheim zu werden, musste Burkhard Räker absagen. Nicht, weil ihm der Sprung in die Verbandsliga zu groß gewesen wäre, sondern weil da schon klar war, dass sich seine Lebensumstände zeitnah ändern würde. Denn im Jahr 2019 ging es mit seiner Familie von Tiefenbroich nach Salzburg, weil seine Frau als Personalmanagerin eines großen Discounters das Angebot angenommen hatte, den Bereich in Österreich zu übernehmen. „Ich war damals noch in Elternzeit, wollte mich eh beruflich verändern und wir konnten unsere Töchter in Salzburg im Kindergarten unterbringen – es passte einfach“, sagt Räker.

Nach intensiver Suche fanden er und seine Familie eine passende Wohnung, die Salzburger Altstadt ist fußläufig erreichbar, die Berge sind – natürlich – in Sichtweite. Auch wenn es kein Auswandern war, wie es sein ehemaliger Spieler bei der SG Unterrath, Hanno Waltermann mit seinem Umzug nach Australien tat, war es doch ein Schritt in ein anderes Land, an dessen Eigenarten man sich erst gewöhnen muss. „Was die ganze Sache einfacher gemacht hat, war, dass anfangs fast jedes Wochenende Familie oder Freunde zu Besuch waren, denn es dauert ja, bis man in einer neuen Umgebung Freunde findet“, sagt Räker.

Und dann kam Corona. Der Familienvater atmet durch. „Der erste Lockdown in Österreich war schon hart für uns. Dafür braucht man eigentlich längere Bekanntschaften, um das gut auszuhalten. Da merkt man, dass man in solchen Zeiten bei der Familie besser aufgehoben ist. In Tiefenbroich hätte ich mit meinen Eltern, meinem Bruder oder meiner Schwester täglich über den Zaun reden können, hier waren wir dann doch ziemlich alleine. Kindergärten, Spielplätze – alles war zu. Das war nicht so einfach. Und Handball ging ja auch nicht, um die neuen Freunde zu treffen.“

Der Sport half Räker aber bei der Eingewöhnung in der Fremde. Nach Kontakten zum Salzburger Handball-Klub UHC entschied sich der Trainer für einen bayrischen Verein: den ESV Freilassing. Der stand eigentlich als Absteiger aus der Bezirksliga fest, nur drei Punkte hatte das Team in der Saison sammeln können. Kurzfristig wurde dann aber ein Relegationsspiel um den Klassenerhalt angesetzt – Räkers erstes Pflichtspiel sollte also gleich besondere Dramatik bieten. Nachdem sich der inzwischen 43-Jährige mit seinen Tätigkeiten beim TV Tiefenbroich und in Unterrath einen Ruf als Aufstiegstrainer erarbeitet hatte, ging es nun um den Klassenerhalt – und der wurde erreicht.

So ging es mit viel Elan Ende 2019 in die neue Saison, binnen zwei Monaten hatte Räker statt zehn Handballern nun 22 Aktive. Hilfreich dabei: Die Infrastruktur in Freilassing ist für einen Bezirksligisten inzwischen herausragend: Nachdem die Sporthalle 2013 durch ein Hochwasser zerstört worden war, steht dort nun ein Schmuckstück mit angegliedertem Schwimmbad, Kraftraum und Multi-Media-Raum. Und auch personell sah es inzwischen besser aus, erstmals in der Vereinsgeschichte ging der ESV mit zwei Herrenteams an den Start – nicht von ungefähr, hat Räker doch auch einen Ruf als Menschenfänger.

Am sechsten Spieltag der Saison 2019/20 feierte Freilassing den ersten Sieg und war auf dem besten Wege, erstmals seit zehn Jahren einen frühzeitigen Klassenerhalt einfahren zu können: Beim Abbruch der Saison im März hatte der ESV sechs Punkte Vorsprung auf die Abstiegsränge. In der Corona-Pause blieb Räker nicht untätig, lotste unter anderem Tim Dicks nach Freilassing, der in der Regionalliga Nordrhein für den TV Korschenbroich auflief, und nun für dessen Liga-Konkurrenten Neusser HV ein Doppelspielrecht besitzt. Nach der durch die Pandemie ungewohnten Vorbereitung mit viel Sport im Freien startete der ESV mit einem 27:27 gegen Brannenburg in die neue Saison – ein erstes Ausrufezeichen, gilt das Team doch als eines der besten der Liga und hatte dem ESV in der Vorsaison beim 35:27-Sieg noch die Grenzen aufgezeigt. „Dabei fehlten uns noch vier wichtige Spieler, während der Gegner in Bestbesetzung war“, sagt Räker über das Remis zum Start.

Als Trainer hat Burkhard Räker (links) den ESV Freilassing personell und sportlich besser aufgestellt. Foto: ESV/Räker/EVS/Räker

Es ist bislang das einzige Saisonspiel, die Pandemie hat den Amateur-Spielbetrieb auch in Bayern und Österreich wieder auf Eis gelegt. Bitter für Räker, der seinen ESV als deutlich stärker als im Vorjahr eingeschätzt und einen Aufstieg in die Oberliga – das ist die sechsthöchste Spielklasse der Region – für möglich gehalten hat. „Wir wollen an den großen Städten München, Salzburg und Rosenheim vorbeiziehen“, hatte der Trainer vor Saisonbeginn als Ziel ausgegeben. Das ist immer noch möglich, wenn die Spielzeit im neuen Jahr in welcher Form auch immer fortgesetzt werden könnte.

Die Aufzählung der Großstädte lässt erahnen, dass die Wege in der Bezirksliga weit sind für den ESV Freilassing. „Im Pokal hatten wir ein Spiel am Bodensee – das war eine Anfahrt von vier Stunden. Das ist eine Zumutung, trotz unserer zwei kleinen Mannschaftsbussen, die wir uns mit den Fußballern teilen“, sagt Räker mit Blick auf das riesige Pokal-Gebiet.

Wie es in dieser Saison weitergeht, ist fraglich, Österreich verschärft den Lockdown wieder. Das ist schade für Räker und seine Familie, die gerne die Umgebung erkunden. „Wir leben in einer Urlaubsregion, aber die Leute hier nutzen das kaum. Wir schon – wenn es die Vorgaben zulassen, sind wir jedes Wochenende draußen, jedes Mal gibt es etwas anderes zu sehen. Das ist fantastisch“, findet Räker, der mittlerweile in Trostberg einen neuen Arbeitgeber gefunden hat.

So schön die Region um die Mozartstadt aber ist – zur Wahrheit gehört auch: „Es gibt natürlich Sachen, die ich hier vermisse. Als Trainer des ESV Freilassing gibt es in der näheren Umgebung nur zwei andere Vereine – da hast du ja allein in Ratingen mehr“, sagt der ehemalige Halblinke, der es beim TV Angermund bis in die damals drittklassige Regionalliga schaffte. „Das Netzwerk, das ich im Handball zu Hause habe, mein Freundeskreis und unsere Familie – da möchte man auch schon mal wieder zurück. Auf der anderen Seite haben wir uns hier auch viel aufgebaut und unglaublich viele Freunde gefunden“, sagt Räker abwägend und ergänzt dann: „Aber wenn Corona vorbei ist, kann man wieder innerhalb von 50 Minuten zwischen Salzburg und Düsseldorf hin und her fliegen. Das ist doch ein gutes Gefühl.“