Analyse Golden Globes

Golden Globes: Mehr als Glamour

Die Golden Globes beweisen politisches Bewusstsein. Geehrt wurden Produktionen mit Bezug zur Gegenwart.

Kann Hollywood-Kino zur politischen Aufklärung beitragen? Die Gewinner der Golden Globes geben darauf eine klare Antwort. Auch wenn die Handlung vieler Filme nicht in der Gegenwart spielt, ziehen sich aktuelle Debatten wie ein roter Faden durch die ausgezeichneten Produktionen: Rassismus, Unterdrückung von Andersdenkenden und Fremden sowie die Ungleichheit zwischen Mann und Frau.

Da wäre der große Gewinner des Globe-Abends: „Bohemian Rhapsody“ ist die Geschichte des Frontmanns der Band Queen. Freddie Mercury war ein im heutigen Tansania geborenes Musik-Genie, das mit seiner Homosexualität haderte. Das Biopic war in den Augen der Jury das beste Drama des Jahres, auch wegen des brillanten Rami Malek in der Hauptrolle, der den Preis für den besten Schauspieler in einem Drama bekam. Malek, der schon vor „Bohemian Rhapsody“ mit seinem schauspielerischen Talent glänzte, etwa in der Serie „Mr. Robot“, hat übrigens ägyptische Wurzeln.

Gleich drei Globes bekam „Green Book“, ein Film, der sich mit dem Rassismus in den USA der 1960er Jahre auseinandersetzt. Es ist ein USA vor der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King. Ein Land in dem der Jazz-Pianist Don Shirley einen eigens für Schwarze bestimmten Reiseführer benutzen muss. In diesem „Negro Motorist Green Book“ sind diejenigen Lokale, Tankstellen und Restaurants aufgeführt, die schwarze Kunden bedienen. Alle anderen sind den Weißen vorbehalten. Weit weg? Im heutigen Amerika beschimpft ein Präsident schwarze Fußballspieler als „Hurensöhne“ – weil sie gegen Rassismus protestieren. Für ein solches Land, auch nach Martin Luther King, hat der Film „Green Book“ große Relevanz. Ausgezeichnet wurde er mit den Preisen „Beste Komödie/Musical“, „Bester Nebendarsteller“ für Mahershala Ali und „Bestes Drehbuch“.

Damit sind die Beispiele für wiederkehrende aktuelle Debatten unter den Gewinnern der Golden Globes lange nicht ausgeschöpft. Das zeigt „Roma“, der beste nicht-englischsprachige Film, für den Alfonso Cuarón die Auszeichnung als bester Regisseur bekam. Das Kindermädchen Cleo putzt, kocht und wäscht in Mexiko City für eine sechsköpfige Familie. Cleo ist eine Mixtekin. Die Mixteken sind ein indigenes Volk in Mexiko, viele von ihnen mussten wegen Armut unter anderem in die USA flüchten. Die Protagonistin in „Roma“ kümmert sich um die vier Kinder der wohlhabenden Familie mit der Liebe und Zärtlichkeit einer Mutter – ihr eigenes Kind indes verliert sie im Film bei der Geburt. Man fühlt sich erneut an die Gegenwart erinnert: Erst vor einem Monat starb an der Grenze zwischen USA und Mexiko ein siebenjähriges Mädchen aus Guatemala.

Auch der Kern der „MeToo“-Debatte, das Machtgefüge zwischen den Geschlechtern, findet sich als Thema in preisgekrönten Filmen wieder. In der schwedisch-amerikanischen Produktion „Die Frau des Nobelpreisträgers“ spielt Glenn Close die Gattin eines Schriftstellers. Für Beobachter ist sie lediglich die Ehefrau. Sie ordnet sich ihrem Mann in allen Bereichen unter und opfert sogar ihr eigenes literarisches Talent. Die Welt im Jahr 1956 ist nicht bereit für eine erfolgreiche weibliche Autorin, meint zumindest das Ehepaar – also schreibt Joan unter dem Namen ihres Mannes. Er gewinnt mit ihren Werken den Nobelpreis, sie bleibt unsichtbar. Sogar nach seinem Tod weigert sich diese Frau, die Reputation ihres Mannes mit einem Geständnis zu gefährden. Die patriarchalen Strukturen, die der Film vor Augen führt, gibt es immer noch. Man denke an den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, dessen sexuelle Belästigungen mehrerer Schauspielerinnen lange Zeit ein offenes Geheimnis innerhalb der Filmbranche waren.

Der Großteil der mit den Golden Globes geehrten Produktionen handelt zwar vordergründig von der Vergangenheit. Trotzdem sind diese Filme brandaktuell. Sie zeigen, dass wir aus der Vergangenheit lernen können. Und zwar nicht nur im Geschichtsunterricht, sondern auch im Kino.

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