Oskar Gottlieb Blarrs „Jesus-Passion“

Neue Musik aus Düsseldorf: Spurensuche in Jerusalem

Oskar Gottlieb Blarrs „Jesus-Passion“ liegt auf einer neuen CD vor. Der Komponist erklärt das Werk.

Oskar Gottlieb Blarr, der großgewachsene Mann mit Bart und breitkrempigem schwarzen Hut, ist mit seinen 84 Jahren so etwas wie eine Institution in Sachen Orgel und Neue Musik in Stadt und Land. Als Komponist hat der bis zur Jahrtausendwende an der Neanderkirche wirkende Kantor in den frühen 80er Jahren sein Schlüsselwerk geschaffen: die „Jesus Passion“.

Inzwischen 26-mal aufgeführt, bildet dieses rund 100-minütige Opus magnum den Kern eines Porträts, das jetzt in der vielfach ausgezeichneten Reihe „Künstler im Gespräch“ des Labels Cybele Records erscheint. Auf drei CDs steht neben dem Mitschnitt der Aufführung der „Jesus-Passion“ vom Karfreitag 2018 an der Wiesbadener Lutherkirche unter Jörg Endebrock ein fast zweistündiges Gespräch mit Blarr. Das führte die Autorin der Reihe, Mirjam Wiesemann, mit Blarr in seiner Düsseldorfer Wohnung. Außerdem spricht sie eine gute weitere halbe Stunde mit Odilo Klasen, Kantor an St. Franziskus-Xaverius in Mörsenbroich, über den geschätzten Kollegen.

Die Box ist eine Fundgrube für Blarr-Fans und solche, die es werden wollen. Da stößt zum einen die opulente, vielschichtige, dabei überraschend unmittelbare Musik der Jesus-Passion die Tür weit auf in den Kosmos Blarr‘schen Denkens und Fühlens. Wie in einen Flickenteppich verwebt der Bernd-Alois-Zimmermann- und Kelemen-Schüler Elemente alter und neuer Kulturen mit- und ineinander: verknüpft die seriellen Techniken der Avantgarde mit Tonleitern vorderasiatischer Völker, entlehnt Mikrointervalle und Cluster aus antiken Quellen.

Die Texte stammen aus Zeiten und Mythen, die zu Zeiten Jesu entstanden sind oder aus Psalmen, die von Jesus gebetet worden sein sollen. All das eingebettet in eine riesige Partitur mit Solisten, Chor und Kinderchor, einem großen Arsenal teils exotischen Schlagwerks und großem Orchester. Die hier dokumentierte Live-Aufführung entdeckt viel von der suggestiven Kraft der Komposition.

Blarrs Musik zu hören ist das eine, ihn sprechen zu hören, das andere. Hier, in dem im Plauderton daherkommenden Interview, gibt der Schöpfer der „Jesus-Passion“ einen vielleicht nie so umfangreich dokumentierten Einblick in sein Denken und seine Privatsphäre. Da ist seine im Alter vielleicht noch präziser, spielerischer gewordene Art zu pointieren. So schmunzelt er in Erinnerung an erste Begegnungen mit Pierre Boulez in Darmstadt 1962: „Wir fanden ihn ungeheuer Scheiße!“, plaudert vom Übernachten in Luigi Nonos Hotelzimmerchen und von exzessivem Rauchen mit Bruno Maderna.

Er erzählt von seiner Kindheit in Ostpreußen, an die er noch erstaunlich präzise Erinnerungen hat, gibt wieder einmal die Erklärung für seine Attitüde, Hut (des Zimmermanns) zu tragen: „Der Hut macht den freien Mann.“ Spricht vom großväterlichen Schmiedehandwerk, dessen Erleben ihm Gefühl für Rhythmus vermittelte. „Musik muss vom Körper ausgehen, man muss organisch sein.“

Er berichtet von den Versuchungen des Kommunismus (in Gestalt einer jungen Frau), dem reinigenden, bekehrenden Erlebnis einer Bach’schen h-Moll-Messe in „grausliger Zeit“ in Lüneburg. Und nicht zuletzt – auch in Hinblick auf die „Jesus-Passion“ – von seinem Interesse am Judaismus, von seinem Sabbatical in Jerusalem 1982 und von der Spurensuche nach Quellen zu Jesu Leben, die nicht von latentem christlichen Antisemitismus gefärbt sind.

Die Ergebnisse dieser Spurensuche sind in vielfältiger Weise in seine Komposition eingeflossen. „Jemenitische Musik-Modelle, tausende Jahre alte Neue Musik – ohne diese Spuren hätte ich das Stück nicht schreiben können“, sagt er.

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