"Serotonin": So düster war Michel Houellebecq noch nie

Neuer Roman "Serotonin": Glück kommt bei Michel Houellebecq nur im Titel vor

Der französische Bestsellerautor Michel Houellebecq hat mit „Serotonin“ seinen bislang finstersten Roman geschrieben. Der Roman stellt in Frage, was wir bestätigt haben wollen.

Was für ein mieses, ach was, beschissenes Leben! Es gehört nicht wenig dazu, das nach einem Buch so unverblümt behaupten zu können – einem Roman, der nur deshalb so schrecklich sein kann, weil er eben schrecklich gut, brutal und bis zur Schmerzgrenze ehrlich geschrieben ist. Das heißt: Der neue Roman von Michel Houellebecq ist da. Eigentlich liegt er hierzulande erst am Montag in den Buchhandlungen, doch flirrt die Luft des Literaturbetriebs schon seit Jahresbeginn vor Erwartung auf das Werk.

Der neue Houellebecq! Das ist Verheißung und Erregung, ein bisschen auch die Gier auf scheinbar Tabubrechendes. Und so startet man im französischen Heimatland des 62-jährigen Autors jetzt mit einer mutigen Auflage von 320.000 Exemplaren, in Deutschland wurden zunächst 80.000 Bücher ausgeliefert, mit der Folge, dass Dumont schon nachdrucken muss und die Bestellungen der Händler jetzt sogar die dritte Auflage nötig machte.

Soweit das Rumoren um „Serotonin“. Dass der Titel ein Glückshormon bezeichnet, ist natürlich ein Witz. Denn nichts in diesem Buch kommt auch nur annähernd auf Sichtweite des Glücks. Vielmehr ist Serotonin Bestandteil jenes Antidepressiva, mit dem der Ich-Erzähler sich gerade über Wasser hält – dabei viel zu viel raucht, zu oft betrunken ist und zu zynisch der Welt gegenübertritt. Florent-Claude Labrouste ist 46 Jahre alt und Agrar-Ingenieur (wie übrigens auch Michel Houellebecq), der für Monsanto und später fürs Landwirtschaftsministerium arbeitete. Labrouste ist also einer, der weiß, wie es um die Erde im wahren Sinne des Wortes bestellt ist.

Auch diesem Umstand dürfte es geschuldet sein, dass „Serotonin“ als EU-Abgesang angekündigt wurde. Das wäre zwar nicht sonderlich neu, aber bedenkenswert; für einen wie Houellebecq aber doch zu wenig. Er führt uns mit der Rückschau auf Labroustes Leben vielmehr die Leere unserer Existenz vor Augen und des Abendlandes gleich mit. Dafür greift er zum Vergleich mit dem Boxsport: „Das dritte Jahrtausend war angebrochen, und für das bislang als jüdisch-christlich bezeichnete Abendland war es vielleicht das entscheidende Jahrtausend zu viel“, sinniert unser Held.

Daran ändern seine beruflichen Achtungserfolge ebenso wenig wie seine geliebte Mercedes-G350-„Angeberkarre“ und die zahllosen ungeliebten Geliebten. Zu Romanbeginn ist es Yuzu, eine Japanerin, bildhübsch, 20 Jahre jünger als er und nebenbei auf allerlei abgründigen, gruppendynamischen Sex-Pfaden unterwegs.

Sex und Pornografie haben bei Houellebecq schon immer eine immense Rolle gespielt. Doch von Buch zu Buch wird deutlicher, wie das Thema ein Ausdruck von Verzweiflung ist. Sämtliche Hochleistungen in dieser Disziplin führen noch lange nicht zu einer erfüllten Existenz. Lustgewinn ist kein Lebensgewinn.

Labrouste scheint das zu ahnen in seiner früheren, vielleicht einzigen Liebe zu Camille. Viele Jahre später spürt er ihr nach. Sie ist Tierärztin geworden, lebt in einem kleinen Haus mit ihrem vierjährigen Sohn, den er am liebsten einfach abknallen möchte und ein paar Vorbereitungen dazu auch wirklich trifft.

Dazu kommt es nicht wie auch vieles andere ausbleibt. Im Grunde will Labrouste einfach nur verschwinden aus dieser Welt, er reist umher, verwischt Spuren seiner Existenz, übernachtet in Mercure-Hotels, nur weil es dort noch Raucherzimmer gibt, und besucht seinen Studienfreund. Der ist Landwirt und wird sich bei einer Demo gegen die Agrapolitik des Landes selbst eine Kugel durch den Kopf jagen. Es kommt zum Schusswechsel mit der Polizei, bei dem weitere Menschen sterben werden. Das alles nährt natürlich jenen Prophetenruf, der Michel Houellebecq fast mit jedem Roman vorauseilt. Hatte er mit „Elementarteilchen“ nicht die Reproduktionsmedizin und zuletzt in „Unterwerfung“ islamische Machtzuwächse prognostiziert? Nun also das Aufbegehren der „Gelbwesten“ in Frankreich?

Michel Houellebecq mag klug sein, weise ist er aber nicht. Vor allem ist er ein genauer Beobachter unserer Gegenwart, die er spiegelt. Und nirgends gibt es eine Stelle für Zensur in seinem Kopf. Er ist politisch und moralisch stets unkorrekt. Große Literatur muss so sein. Sie ist nie pädagogisch, sie ist immer eine Empörung, ein Aufstand. Ein Roman stellt in Frage, was wir bestätigt haben wollen.

Die literarische Welt des Michel Houllebecq ist nicht nihilistisch, aber zutiefst pessimistisch. Der Franzose, der im vergangenen Herbst verlauten ließ, dass es nun endgültig ein Ende habe mit öffentlichen Auftritten, hat den Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860) tief inhaliert.

Alles Vernünftige ist eine Illusion und die Suche nach Lebenssinn eine Desillusion. Dementsprechend harsch fällt das Urteil auch über die höchste Instanz aus: „Gott ist ein mittelmäßiger Drehbuchschreiber“, heißt es, weil „seine gesamte Kreation das Mal des Ungefähren und des Misserfolgs trägt.“ Und das wird so lakonisch erzählt, als sei Schreiben keine Kunst: „Der Morgen des 1. Januar erhob sich, wie jeder Morgen auf der Welt, über unserem fragwürdigen Dasein. Ich erhob mich ebenfalls.“

Wer keine Fragen ans Leben richten will, sollte besser die Finger von diesem Roman lassen. Alle andere greifen bitte zu.

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