Bayer 04 Leverkusen: 19 Ecken und kein Treffer

Bayer Leverkusen und die Ecken : 19 Mal probiert, 19 Mal ist nichts passiert

Trotz eines Eckenverhältnisses von 19:0 muss sich Bayer Leverkusen gegen die TSG Hoffenheim mit einem torlosen Remis begnügen. Die Werkself ist vor dem Tor nicht effektiv genug.

Seit Peter Bosz im Januar den Trainerposten beim Werksklub übernommen hat, steht Bayer 04 Leverkusen wieder für Fußball mit eingebauter Spaß- und Spektakel-Garantie. Nur der Rekordmeister aus München (63 Tore) hat in diesem Zeitraum mehr Treffer als die Mannschaft des Niederländers erzielt (49). Dass die Werkself eine der gefährlichsten Offensivteams der Liga ist, hat sich freilich auch bis nach Hoffenheim herumgesprochen. Bei ihrem Gastspiel in der BayArena ließ deren Trainer Alfred Schreuder die TSG ungewohnt defensivorientiert spielen – und hatte mit dieser Taktik Erfolg. Unter dem Strich stand das erste 0:0 der Leverkusener in der Bundesliga, seitdem Bosz das Sagen hat.

Die Spielweise der Gäste aus dem Kraichgau fand nicht bei allen Anklang. Bayers Sportgeschäftsführer Rudi Völler wies leicht genervt darauf hin, dass er schon Hoffenheimer Teams gesehen habe, „die auch versucht haben, nach vorne zu spielen.“ Er sagte: „Das war fast Angst vor uns.“ Der Weltmeister von 1990 wertete die Igel-Taktik der TSG aber auch als „kleines Kompliment“ für den Ruf, den sich der Champions-League-Rückkehrer in diesem Kalenderjahr erarbeitet habe. Dass es für den trotz drückender Überlegenheit in der letzten halben Stunde nicht zum dritten Sieg in Serie und den damit besten Saisonstart seit sechs Jahren reichte, sei freilich ärgerlich. „Leider haben wir den Schlüssel nicht gefunden.“

Die Spielweise der Leverkusener trug in dem Duell mit der TSG bisweilen absurde Früchte. Die Werkself spielte nicht nur fast vier Mal so viele erfolgreiche Pässe wie die Gäste, sondern hatte zwischendurch auch einen Ballbesitzanteil, der zwischen 70 und 90 Prozent schwankte und sich letztlich bei immer noch bemerkenswerten 75 Prozent einpendelte. „Es war teilweise schon extrem, dass sie uns gar nicht attackiert haben“, sagte Bayers Innenverteidiger Jonathan Tah.

Die kurioseste Statistik aber bot das Eckenverhältnis: 19:0 lag die Werkself in dieser Kategorie vorn. Damit schrammte Leverkusen nur knapp am Liga-Rekord des FC Bayern vorbei, der 2008 gegen Bielefeld 20:0-Ecken verbuchte – im Gegensatz zur Werkself sein Spiel aber gewann. „Ich war heute eher Zuschauer. Meine größte Freude war, von hinten die Live-Statistik bei den Ecken zu verfolgen“, sagte Lukas Hradecky. Bayers Schlussmann durfte sich immerhin über sein erstes Zu-Null-Spiel seit mehr als vier Monaten freuen.

Wirklich zufrieden zeigten sich nach Schlusspfiff aber weder der Finne noch seine Teamkollegen mit dem Remis. Schließlich waren die Chancen, die Partie zu entscheiden, durchaus vorhanden. Der eingewechselte Ex-Hoffenheimer Nadiem Amiri verbuchte die größte Möglichkeit (64.).

„Aus den vielen Ecken muss man Kapital schlagen – vor allem in so einem Spiel“, äußerte Bayer-Kapitän Lars Bender seinen Unmut. Der 30-Jährige wollte zwar den „bislang besten Auftritt in dieser Saison“ gesehen haben, sprach aber auch von zwei verpassten Punkten. „Ich hätte lieber 18 Ecken weniger und aus der einen dann ein Tor gemacht.“

Auf Seiten der Hoffenheimer gab es nach der leidenschaftlich erkämpften Punkteteilung überwiegend zufriedene Gesichter. TSG-Coach Schreuder, der einst gemeinsam mit Bosz für Feyenoord Rotterdam und NAC Breda spielte, erklärte seine Mauer-Taktik. „Unsere Mannschaft befindet sich aktuell noch im Aufbau“, sagte der 46-Jährige. „Wir können nicht nach Leverkusen fahren und denken: ‚Heute greifen wir voll an‘. Wir müssen realistisch bleiben.“ Die aberwitzige Eckenstatistik nahm er mit Humor: „Ich habe den Jungs gesagt, dass wir diese Woche keine Standards mehr trainieren müssen.“

Sein Freund Bosz hätte den Saisonstart liebend gern vergoldet. „Sieben Punkte aus drei Spielen sind meiner Meinung nach zwei zu wenig“, sagte er – und unterstreicht damit das neue Selbstverständnis beim Werksklub.

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