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Handwerkszeug gegen rechte Parolen

Städtisches Gymnasium Wermelskirchen : Handwerkszeug gegen rechte Parolen

Faktencheck im Gymnasium: Rund 100 Geschichtsschüler haben gemeinsam mit Fachleuten der Caritas die rechtsradikale Sprache unter die Lupe genommen.

Es gibt diese Momente auch auf dem Schulhof im Gymnasium. Da fällt ein unbedachtes Schimpfwort, da ziehen sich Schüler auf, da entspannt sich ein Streit. „Dann wird auch unreflektiert rechte Sprache gebraucht“, sagt Schulleiterin Elvira Persian. Ein Wort ergibt das andere, meistens begleitet durch ein übermütiges Kichern und ein kumpelhaftes Rempeln. „Uns es ist wichtig, den Schülern deutlich zu machen, welche Positionen hinter dieser Sprache stecken“, sagt die Schulleiterin, „sie zu sensibilisieren.“ Unterstützung bekommen die Lehrer des Gymnasiums dabei in diesen Tagen von Sami Omar und Rolf Stude vom Fachdienst für Integration und Migration der Caritas Rhein-Berg. Mit ihrem „Taschenheld-Workshop“ sind sie in allen fünf Geschichtskursen der Jahrgangsstufe zehn zu Gast – um Hassreden unter die Lupe zu nehmen, um rechtspopulistische Rhetorik zu analysieren und die Schüler zu ermutigen, hinter die Kulissen zu blicken. Und um gegen Menschenfeindlichkeit anzugehen.

„Es geht uns nicht um parteipolitische Beeinflussung“, betont Persian, „es geht uns darum, demokratische Werte zu vermitteln. Denn auch das ist die Aufgabe von Schule.“ Es fallen Stichworte wie freiheitlich-demokratische Grundordnung und Menschenwürde. Ausdrücklich gehe es nicht darum, politische Inhalte zu diskutieren, betonen dann auch Omar und Stude gleich als erstes. „Dazu hätten wir schon Lust“, sagen die beiden Fachleute der Caritas, „aber das ist heute nicht unsere Aufgabe.“

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Stattdessen wollen sie 90 Minuten lang mit den Schülern Aussagen in ihre Einzelteile zerlegen. Es gehe um Handwerkszeug für die Schüler, um rechte Parolen einordnen und selbst bewerten zu können, um nicht länger um Worte verlegen zu sein. „Wir setzen darauf, dass Schüler durch unseren Workshop in ihrem Handeln gegen menschenfeindlichem Denken gestärkt werden und sich ihm in ihrem Alltag entgegenstellen möchten“, erklärt die Caritas ihre Idee.

Samir Omar und Rolf Stude haben ein ganzes Bündel an Zitaten und Parolen mitgebracht: Die zunehmende Zahl der Flüchtlinge mache das Leben für deutsche Frauen unsicherer, und Vergewaltigungen hätten zugenommen, behauptet da ein Mann im Video und kommt ins Schwimmen, als einer nachfragt. Oder: Angela Merkel habe das Land verraten, indem sie Grenzen für Flüchtlinge geöffnet habe. Oder: Die Ereignisse in deutschen Freibädern im vergangenen Sommer seien eine Folge der Zuwanderung.

Schüler und Referenten diskutieren diese Aussagen nicht, sie sezieren sie. „Am Anfang steht der Faktencheck“, erklärt Lehrerin Anne Stroman. Dabei darf Google helfen. Die Zehntklässler überprüfen Zahlen, recherchieren die Rechtslage. Sie entdecken, dass anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte 2017 0,5 Prozent aller Tatverdächtigen stellten und damit gesetzestreuer waren als die Einheimischen. Sie stellen fest, dass die Kriminalitätsrate 2018 gesunken ist. Sie finden heraus, dass es keine rechtliche Grundlage gab, Flüchtlingen, die in Österreich oder Tschechien gestrandet waren, die Einreise zu verweigern. Sie lesen vom Schengen-Abkommen, lassen sich erinnern, dass es in Europa keine geschlossenen Grenzen gibt. Und dann stellen ihnen die beiden Fachleute das Kommunikationsdreieck vor, mit dem sie sich Aussagen nähern können: Erst gelte es, die Fakten zu klären und dann eine mögliche Motivation des Zitierten zu prüfen. Geht es um Spaltung? Geht es um Wählerstimmen? Geht es um Angst oder Hass? Und am Ende überreichen ihnen die Referenten einen „Taschenhelden“ – ein Heft, das ihnen im Umgang mit rechtsextremen Informationen und Argumentationen Unterstützung anbietet. Er sei nicht sicher, ob der Workshop neutral genug sei, gibt ein Schüler in der Abschlussrunde zu bedenken. Also betont Lehrer Marco Berscheidt einmal mehr: „Wir wollen euch Mut machen, selber zu denken und politische Äußerungen zu hinterfragen“, betont er, „egal welcher Couleur.“ Zu welchem Ergebnis das führe, sei jedem Schüler selbst überlassen.