Seit 2015 sind rund 800 Flüchtlinge aus 30 Ländern nach Tönisvorst gekommen. Einige sind abgeschoben worden, manche sind weitergezogen, viele sind geblieben. Sheyar Belal aus Syrien ist einer von ihnen.

Tönisvorst : Eine neue Heimat in der Ferne gefunden

Seit 2015 sind rund 800 Flüchtlinge aus 30 Ländern nach Tönisvorst gekommen. Einige sind abgeschoben worden, manche sind weitergezogen, viele sind geblieben. Sheyar Belal aus Syrien ist einer von ihnen.

Wer sagt, die Integration der Flüchtlinge funktioniere in Deutschland nicht, der sollte sich den Werdegang von Sheyar Belal ansehen. 2015 kommt der junge Syrer nach Deutschland. Sofort beginnt er, die Sprache zu lernen. „Ich wollte hier mein Studium beenden“, sagt der gelernte Nachrichtentechniker, der in Aleppo das Studium „Communications Engineering“ begonnen hat. „Den Bachelor mit Diplom habe ich noch in Aleppo gemacht, in Deutschland wollte ich den Masterabschluss machen“, sagt der heute 28-Jährige.

Angeboten wird der Studiengang an der Universität Duisburg-Essen, aber die Studenten aus dem Ausland müssen einen B2-Sprachkursus absolviert haben. Dafür müssen sie komplexe Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen und Fachdiskussionen führen können. Sheyar Belal hat in der Schule Englisch gelernt, spricht Arabisch, Kurdisch, weil er aus einer kurdischen Familie stammt, und Türkisch – Deutsch konnte er bis vor drei Jahren nicht. Aber das hat er schnell geändert.

Der junge Mann ist fleißig. Er lernt mit Hilfe der Ehrenamtler, die in Tönisvorst Sprachkurse anbieten, und alleine in der Turnhalle, in der er die erste Zeit in Deutschland verbringt. Sieben Monate nach seiner Ankunft in Tönisvorst ist der Syrer anerkannter Flüchtling und darf die offiziellen Sprachkurse besuchen. Nebenbei absolviert er Praktika beim Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, kurz IT NRW, und bei der Stadt Krefeld.

Außerdem arbeitet er ehrenamtlich als Dolmetscher in der Sprechstunde der Tönisvorster Flüchtlingshilfe. „Ich möchte anderen Flüchtlingen helfen, und da ich viele Sprachen spreche, habe ich mich dort gemeldet“, sagt der junge Ingenieur.

Nach einem Jahr in Deutschland hat Belal die Sprache so gut gelernt und alle nötigen Prüfungen so gut bestanden, dass er über die Hans-Böckler-Stiftung ein Stipendium für einen Studienplatz in Essen bekommt. „Ich hätte auch bei der Oberfinanzdirektion eine Stelle haben können, aber es stellte sich heraus, dass man dafür fünf Jahre in Deutschland gelebt haben muss“, erzählt der Geflüchtete.

Also entscheidet er sich für das Studium. Sein Bachelor und der Abschluss als Diplom-Ingenieur an der Uni in Aleppo werden anerkannt. Sein Ziel: Jetzt den Masterabschluss machen, eine Doktorarbeit schreiben und als Dozent an der Universität unterrichten. Aber nach ein paar Monaten kommt ein Hilferuf aus der Türkei. Dort leben seine Eltern. Sie sind aus Syrien geflohen, nachdem Baschar al-Assad das Haus der Familie hat zerstören lassen. „Mein Vater war Pilot“, erzählt Belal. Als er sich geweigert habe, kurdische Stellungen zu bombardieren, sei das Haus der Familie zerstört worden.

Die Eltern flohen in die Türkei. „Meine Eltern brauchen finanzielle Unterstützung, deshalb habe ich das Studium abgebrochen“, erzählt der 28-Jährige. Beim Landesbetrieb IT NRW findet er schnell eine Stelle. „Ich arbeite dort seit einem Jahr und bin sehr zufrieden“, sagt Belal. „Ich lerne jeden Tag etwas Neues, das gefällt mir.“ Eines Tages möchte er seinen Traum von einer akademischen Karriere in Deutschland verwirklichen, aber das habe noch Zeit.

Zurück nach Syrien will der junge Mann nicht mehr: „Ich habe hier eine neue Heimat gefunden.“ Und auch aus der alten Heimat hat der 28-Jährige etwas oder besser jemanden wiedergefunden. Vor zwei Monaten hat Sheyar Belal geheiratet. Seine Frau kannte er bereits aus Aleppo, in Deutschland sind die beiden sich zufällig wiederbegegnet.

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