Mit „Geächtet“, einem Stück aus den USA, für das der Autor den Pulitzer-Preis bekommen hat, wagt der Stadtkulturbund Tönisvorst etwas Neues: ernsthaftes, anstrengendes Theater, statt leichter Abendunterhaltung.

„Geächtet“ : Wie hoch ist der Preis für Anerkennung?

Mit „Geächtet“, einem Stück aus den USA, für das der Autor den Pulitzer-Preis bekommen hat, wagt der Stadtkulturbund Tönisvorst etwas Neues: ernsthaftes, anstrengendes Theater, statt leichter Abendunterhaltung.

Chapeau! Dieses Stück zwingt die Zuschauer zur Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und den eigenen Vorurteilen. Es hinterfragt Toleranz gegenüber Religionen, von denen man nicht wirklich viel weiß, und zeigt, wie schwer es ist, seine Wurzeln zu kappen und woanders neu zu beginnen. Und genau so muss Theater hin und wieder sein: ernsthaft, anstrengend, unbequem. Denn nur wer herausgelockt wird aus seiner Komfortzone, hat die Chance, über den Tellerrand zu schauen und den eigenen Horizont zu erweitern.

„Geächtet“ lautet der Titel der deutschen Fassung von „Disgraced“, einem Stück, das 2012 in Chicago uraufgeführt wurde und für das sein Autor Ayad Akhtar den renommierten Pulitzer-Preis bekommen hat. Dass der Stadtkulturbund Tönisvorst seinem treuen Abonnentenpublikum das Stück „zumutet“, verdient Respekt. Bewährtes Schauspiel, Komödien mit Tiefgang, Kabarett und Musik haben in den vergangenen Jahren das Programm im Corneliusforum bestimmt. Schön, dass der Verein sich traut, einen anderen Weg einzuschlagen, auch wenn das bedeutet, dass das Forum nicht ausverkauft ist und manche Zuschauer nach der Pause nicht wieder in den Saal kommen.

Die, die sich einlassen auf „Geächtet“, werden mit großer Schauspielkunst belohnt, denn das Stück verlangt auch den Darstellern des Tournee-Theaters Thespiskarren einiges ab. Einer, der die Herausforderung annimmt und mit Bravour meistert, ist Patrick Khatami. Der 41-Jährige spielt Amir, einen hippen New Yorker, der den „amerikanischen Traum“ lebt: Das Kind pakistanischer Einwanderer hat es geschafft. Als Wirtschaftsanwalt steht Amir kurz davor, Partner in der Kanzlei zu werden, trägt 600 Dollar teure Hemden und lebt mit einer hübschen, weißen Amerikanerin (dargestellt von Natalie O-Hara) in einem chicen Loft.

Der Preis allerdings, den Amir dafür gezahlt hat, ist hoch. Nicht nur, dass er jahrelang morgens als Erster in der Kanzlei war und als Letzter gegangen ist, er hat auch seinen Nachnamen geändert, seine Religion abgelegt und seine Wurzeln verleugnet. „Wenn du aus dem Haus gehst, musst du begreifen, dass die Welt da draußen nicht neutral ist“, sagt er zu seinem Neffen Hussein (Christopher Gollan). Der aber macht ihm, nachdem er vom FBI verhört worden ist, klar: „Du willst etwas von diesen Leuten, das du niemals kriegen wirst. Du wirst dich immer gegen deine eigenen Leute wenden. Du glaubst, dann mögen dich diese Leute mehr? Tun sie nicht. Sie denken bloß, dass du dich selber hasst. Und sie haben recht!“

Tatsächlich spart Amir nicht mit heftiger Kritik am Islam. Während seine Frau, eine Malerin, die Ästhetik der islamischen Kunst für sich entdeckt, ist Amir knallhart in seinem Urteil über die Religion seiner Vorfahren: „Der Islam kommt aus der Wüste. Er ist etwas, das man erleiden muss. Der Muslim denkt nicht darüber nach, er unterwirft sich und andere.“ Im Koran stünde, man solle Ungläubige töten und Frauen, die nicht gehorchen, schlagen.

Während der jüdische Galerist Isaac (Markus Angenvorth) meint, alle Religionen hätten ihre Macken, und der Islam habe kein Monopol auf Fundamentalismus, stößt sich seine Frau Jory (Jillian Anthony) an der Verschleierung muslimischer Frauen: „Man löscht ein Gesicht aus und damit Individualität. Nie werden Männer gezwungen, ihre Individualität auszulöschen.“ Reine Ironie vor dem Hintergrund, dass Amir seine Individualität aufgegeben und – wie das Stück zeigt – auch seine Würde verloren hat, um in der weißen, christlichen Welt akzeptiert zu werden.

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