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Alpen: Was gegen Enkeltrick-Betrüger helfen kann

Volksbank-Talk in Alpen : Was gegen Enkeltrick-Betrüger helfen kann

Mehr als Tausend Betrugsversuche gegen ältere Menschen zählte die Polizei allein im Jahr 2020 im Kreis Wesel. Bei einer Talkrunde der Volksbank Niederrhein erklärten Fachleute, wie die Kriminellen arbeiten, warum sie immer wieder Erfolg haben und was gegen sie hilft.

Der Fall ereignete sich erst vor wenigen Tagen. Eine Kundin habe in einer Filiale nach einem Kredit gefragt, berichtete Guido Lohmann, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Niederrhein. Sie habe berichtet, dass sie angerufen worden sei, weil ein Bekannter als Soldat seit sieben Jahren in Afrika stationiert sei und zurückkehren wolle, aber dafür eine Ablösung in Höhe von 25.000 Euro bezahlen müsse. Also wolle sie ihm das Geld geben. Zuerst habe sie nicht auf den Bankmitarbeiter hören wollen, aber der Kollege sei sehr hartnäckig gewesen und habe sich sogar selbst bei einem Berufssoldaten erkundigt – letztlich habe die Frau ihm geglaubt. Der Betrug sei vereitelt worden. „Kompliment an den Kollegen“, sagte Lohmann.

Es ist kein Einzelfall: Allein im Jahr 2020 zählte die Kreispolizei Wesel mehr als 1000 Betrugsversuche gegen ältere Menschen. Nicht immer geht es so gut aus wie in Lohmanns Beispiel. Deshalb griff die Volksbank Niederrhein das Thema in ihrer regelmäßigen Talkrunde am Dienstag auf. Zu Gast waren der leitende Polizeidirektor Rüdiger Kunst und Kriminalhauptkommissar Michael Kootz-Landers von der Kriminalprävention. Wir fassen den Abend zusammen.

 Voba-Talk zum Thema Sicherheit (v.l.): Kriminalhauptkommissar Michael Kootz-Landers, Leitender Polizeidirektor Rüdiger Kunst, Volksbank-Chef Guido Lohmann und RP-Redakteur Markus Werning.
Voba-Talk zum Thema Sicherheit (v.l.): Kriminalhauptkommissar Michael Kootz-Landers, Leitender Polizeidirektor Rüdiger Kunst, Volksbank-Chef Guido Lohmann und RP-Redakteur Markus Werning. Foto: Armin Fischer (arfi)
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Welche Betrugsmaschen gibt es? Bekannt ist der Enkeltrick: Der Anrufer gibt sich als Verwandter aus und bittet um Geld, um aus einer Notlage herauszukommen. „Der typische Enkeltrick kommt aber nur noch selten vor“, sagte Kootz-Landers. Die Täter entwickelten ihre Betrugsmaschen permanent weiter. Auch der falsche Polizist komme nur noch selten vor: Ältere Menschen würden kontaktiert, der Anrufer behaupte, in der Nachbarschaft sei eingebrochen worden, aber die Polizei biete ihnen an, die Wertsachen für sie zu verwahren – dafür komme jemand vorbei.

Mittlerweile gebe es immer häufiger sogenannte Schockanrufe: Ältere Menschen werde am Telefon erzählt, dass etwas Schlimmes passiert sei und sie mit Geld helfen müssten, erklärte Polizeidirektor Kunst und nannte ein aktuelles Beispiel: Eine 79-Jährige sei von einer Frau angerufen worden, die sich als Polizisten ausgab und sagte, dass die Tochter der Angerufenen in einen Verkehrsunfall verwickelt und jemand gestorben sei. Die Tochter wäre jetzt bei der Polizei und komme nur nach Zahlung einer Kaution frei. Die Mutter sei angewiesen worden, zur Bank zu gehen und das Geld zur Gerichtskasse ins Ruhrgebiet zu bringen. Als sie darauf eingewandt habe, sie könne nicht dorthin kommen, sei sie nach Rheinberg umgeleitet worden, wo sie das Geld auch übergeben habe – ein fünfstelliger Betrag sei jetzt weg.

Wie arbeiten die Betrüger? „Es sind hoch professionelle Täter, die zur Organisierten Kriminalität gehören“, sagte Kunst. Sie würden Callcenter betreiben, in der Regel im Ausland, dort werde teilweise im Mehrschichtbetrieb gearbeitet. Die Mitarbeiter sprächen ein sehr gutes Deutsch, riefen von dort ihre potenziellen Opfer an und nähmen sich ganze Ortschaften vor. Dafür gingen sie das Telefonbuch durch und schauten danach, ob sie anhand des Vornamens auf das Alter eines Einwohners schließen könnten. In Deutschland gebe es zusätzlich noch diejenigen, die das Geld abholen sollten, und wahrscheinlich auch noch Komplizen für die Observation und Absicherung. Wenn ein Betrug erfolgreich laufe, „sprechen wir von Schadenssummen im fünf- und sechsstelligen Bereich“, sagte Kootz-Landers. Wenn die Betrüger es also 100 Mal versuchten und nur einmal Erfolg damit hätten, „machen sie schon ihren Schnitt“.

Warum haben die Betrüger immer wieder Erfolg? Die Täter nutzten die Arglosigkeit und Hilfsbereitschaft von Menschen aus, berichtete Kunst. Insbesondere wenn es um die Tochter, den Sohn, die Enkelin oder den Enkel gehe, wollten die Eltern oder Großeltern helfen. „In diesem Moment handeln sie nicht mehr rational“, erklärte Kootz-Landers. Zumal sie am Telefon mit rhetorischen Mitteln unter Druck gesetzt würden, darin seien Täter geschult. „Betrugsopfer haben uns berichtet, dass sie in dem Moment so perplex gewesen seien, dass sie nicht mehr vernünftig nachgedacht hätten“, erklärte Kootz-Landers. Wenn jemand sage, er lege auf und rufe die Polizei an, antworteten die Täter zum Beispiel, dass sich der Angerufene korrekt verhalte. „Wir hatten einen Fall, in dem einer älteren Frau dann ein Ton vorgespielt wurde, so dass sie dachte, das Gespräch sei beendet. Sie wählte daraufhin die 110, während des noch laufenden Gesprächs, und letztlich ging es dann weiter. Sie war die ganze Zeit in einer Telefonverbindung mit den Betrügern.“ Kootz-Landers warnte deshalb davor, sich überhaupt auf ein Gespräch mit den Betrügern einzulassen.

Was lässt sich dagegen unternehmen? Kunst empfiehlt gerade älteren Menschen, darüber nachzudenken, ob sie überhaupt im Telefonbuch stehen müssten. Darüber bekämen die Täter die Rufnummer. Außerdem sollten sie mit ihren Kindern und Enkeln vereinbaren, dass sie niemals am Telefon darüber sprechen, wenn jemand in Not sei und Geld brauche – so etwas sollten sie immer persönlich klären.

Wenn aber doch ein unbekannter Anrufer am Telefon sei, sollten sie das Gespräch am besten sofort beenden, sagte Kootz-Landers. „Legen Sie im Zweifelsfall sofort auf, drücken Sie die Gabel dafür richtig herunter, wählen Sie dann die 110 und informieren Sie uns.“ Es sei wichtig, die Polizei über die Betrugsversuche zu informieren, damit sie andere Menschen warnen könne. Es müsse sich niemand schämen. Es gebe auch einen sogenannten Telefon-Filter: Die Technik werde am Telefon eingebaut, darüber könne man eine Liste mit Rufnummern anlegen, die weiter durchgelassen oder künftig blockiert werden sollten.

Die Polizei arbeitet auch mit der Volksbank Niederrhein und anderen Kreditinstituten zusammen. Gemeinsam haben sie einen Umschlag bedruckt, der von Bankmitarbeitern herausgegeben wird, wenn diese vermuten, dass der Kunde auf Betrüger hereingefallen ist. Auf den Umschlägen stehen Fragen, die den Kunden zum Nachdenken bringen sollen – in der Hoffnung, dass er realisiert, was gerade passiert. „Wir setzen diese Umschläge konsequent ein“, sagte Lohmann.

(wer)