Handball : Was bleibt, ist nur ein Scherbenhaufen

Analyse Die „Sportstadt Düsseldorf“ scheint sich aus dem „Projekt“ Rhein Vikings zurückzuziehen, das damit dem Untergang geweiht ist. Ob nach dem Scheitern der Handball-Ehe in Neuss ein Neuanfang möglich ist, dürfte nach derzeitigem Stand mehr als fraglich sein.

Burkhard Hintzsche, Stadtdirektor und Sportdezernent der Stadt Düsseldorf, hat sich mal wieder zum Thema Handball in der Landeshauptstadt geäußert. Anlass dazu gibt ihm die Entscheidung des Deutschen Handball-Bundes (DHB), das erste Länderspiel nach der Weltmeisterschaft gegen die Schweiz am 9. März im Düsseldorfer ISS Dome auszutragen.

„Das Handball-Länderspiel im ISS Dome ist ein weiterer Meilenstein in der Etablierung des Spitzenhandballs in der Sportstadt Düsseldorf. Beim Pixum Super Cup und in Bundesliga-Spielen des BHC konnten wir bereits einige der besten Vereinsmannschaften Deutschlands in Düsseldorf begrüßen. Nun freuen wir uns sehr, dass mit der DHB-Auswahl eine der besten Nationalmannschaften der Welt erstmals ein Länderspiel im ISS Dome austrägt,“ wird Hintzsche in der Pressemitteilung des DHB zitiert.

Was daran, vor allem aus linksrheinischer Sicht, so bemerkenswert ist: Hintzsche erwähnt mit keinem Wort die Rhein Vikings. Das war früher anders. Vor dem Pixum Super Cup im August hieß es bei Hintzsche: „Der Pixum Super Cup ist ein Aushängeschild in der nationalen Sportlandschaft und passt perfekt in die Sportstadt Düsseldorf. Besonders freut mich, dass die Etablierung der Rhein Vikings als starker Profihandballclub in der Region ein Mosaikstein bei der Gewinnung des Super Cups ist.“ Zwei Wochen nach dem Super-Cup erklärte Martin Ammermann, Executive Director Sports der städtischen Event-Tochter D.Live in einem Interview mit dem Internetportal handball-world: „Die Etablierung der Rhein Vikings hat für uns oberste Priorität. Und wir sind stolz, dass das in der ersten Saison so gut geklappt hat.“ Und angesprochen auf die im ISS-Dome ausgetragenen Bundesliga-Spiele des Bergischen HC: „Den THW Kiel und die Rhein-Neckar Löwen in Düsseldorf zu sehen ist für jeden Handball-Fan ein Gewinn, auch für die, die zu den Vikings gehen. Das Ziel muss natürlich sein, die Vikings in diese Regionen zu bekommen.“

Davon scheint keine Rede mehr zu sein. Vier Monate und 20 Zweitliga-Spiele später, von denen die Vikings nur drei nicht verloren, taucht der Name des einstmals „spannendsten und ambitioniertesten Projektes im deutschen Handball“ (so die gerne auch von anderen übernommene Selbsteinschätzung des HC Rhein Vikings) nicht einmal am Rande mehr auf, wenn von der „Etablierung des Spitzenhandballs in der Sportstadt Düsseldorf“ gesprochen wird. Das befeuert die Gerüchteküche, in der schon länger brodelt, dass die „Sportstadt“ sich aus der Finanzierung des „Projektes“ zurückziehen wird – oder es bereits getan hat. Das würde wohl das Ende des HC Rhein Vikings und der sie tragenden Handball-Spielgemeinschaft (HSG) Neuss-Düsseldorf bedeuten. Schließlich sollen die „Sportstadt“ und andere städtische Töchter zuletzt weit mehr als die Hälfte des (Zweitliga-)Etats finanziert haben.

Wirft man einen Blick auf die dünn besiedelte Sponsorenleiste im Internet-Auftritt der Vikings, dürfte das so falsch nicht sein. Ein Name taucht dort gar nicht mehr auf, weder mit seiner eigenen, zu Saisonbeginn noch unter der Rubrik „Gold-Sponsoren“ direkt unter dem Hauptsponsor Rheinmetall gelisteten Kanzlei noch mit weiteren ihm verbundenen Firmen – der von Thomas Koblenzer. Jener Thomas Koblenzer, bis Mai gemeinsam mit René Witte Geschäftsführer der HC Rhein Vikings Spielbetriebs- und Marketing GmbH, der mit seinem Geld und seinem Einfluss den Neusser HV erst an die Spitze der Dritten Liga und dann in die Liaison mit der „Sportstadt Düsseldorf“ geführt hat. Stimmen, die vor diesem Weg gewarnt haben – sowohl, das Wohl und Wehe eines Vereins an einen Mäzen zu koppeln als auch, dem Düsseldorfer Werben um eine Handball-Ehe nachzugeben – gab es genug. Sie wurden geflissentlich überhört, ob aus Selbstüberschätzung, ob aus Gutgläubigkeit, sei dahingestellt. So oder so: Die aktuelle Entwicklung haben Leute, die im Handball zu Hause sind, genau so kommen sehen, wie sie jetzt eingetreten ist.

Doch Schadenfreude ist unangebracht, dafür ist das Thema viel zu ernst. Was die Düsseldorfer machen, ist ihre Sache. Doch mit der Handball-Ehe ist in Neuss eine einst prosperierende Sportart so gut wie ausgelöscht worden – Handball findet in der Quirinusstadt kaum noch statt. Strukturen sind weg, Ehrenamtler sind weg, Sponsoren sind weg. Geht nach einem sportlichen Abstieg oder einem wirtschaftlichen Aus der Vikings wie vereinbart die Drittliga-Lizenz an den Neusser HV zurück – was soll er damit anfangen? Mit welchen Spielern, mit welchen Funktionären, mit welchen Geldgebern soll er in die neue Saison gehen? Und vor allem: mit welchem Ziel?

Dabei ist es ja nicht so, als hätten René Witte und Thomas Koblenzer den Handball-Sport erfunden in Neuss. Es gab schon immer gute Jugendarbeit beim NHV, schließlich ist ihm vor fünfeinhalb Jahren mit weitgehend eigenen Kräften der Aufstieg in die Dritte Liga gelungen – in der er sich mit Geduld und Fleiß auf Augenhöhe mit Klubs wie HSG Krefeld oder Leichlinger TV hätte etablieren können. Namen wie Max Jäger, Philip Schneider, Simon und Lukas Schlösser besitzen in der Handball-Szene immer noch einen guten Klang. Nachfolger sind keine in Sicht, die Jugendarbeit liegt brach, vom im Frühjahr mit viel medialem Getöse vom VfL Gummersbach zur HSG Neuss/Düsseldorf geholten hauptamtlichen Jugendkoordinator Maik Pallach spricht keiner mehr. Die in der Oberliga spielende HSG Neuss/Düsseldorf II musste sich kürzlich Brian Gipperich aus dem Zweitliga-Kader ausleihen, um überhaupt die Mindestanzahl von sechs Feldspielern in einer Meisterschaftspartie aufs Parkett schicken zu können ...

Der „Sportstadt“ auf der anderen Rheinseite ist das herzlich egal. Sie kauft sich ihre Events, vom Grand Départ der Tour de France bis zum Handball-Länderspiel, um dem selbst gewählten Motto gerecht zu werden. Nachhaltigkeit spielt da eine untergeordnete Rolle. In Neuss haben sie ihre Handball-Seele verkauft, um daran partizipieren zu können. Doch wie solche Pakte enden, weiß man nur allzu gut.

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