Kreis Heinsberg: Schullandschaft mit Konzept entwicklen

Kreis Heinsberg : Schullandschaft mit Konzept entwickeln

Wieder mehr Grundschüler: Schulexperte Wolf Krämer-Mandeau legt die Fortschreibung des Schulentwicklungsplans für den Kreis Heinsberg vor. Die Planung schafft den Rahmen für die Zukunft der Schulen.

Die Gesamtschule löst die Realschule ab und wird mehr und mehr zu der am zweitstärksten nachgefragten Schulform nach dem Gymnasium. Zugleich gibt es immer weniger Hauptschulen, während die Gymnasien in eine sichere Zukunft blicken. Und an den Grundschulen wird die Schülerzahl nach dramatischem Schwund nun wieder leicht steigen, ohne das hohe Niveau der Vorjahre erreichen zu können. Diese Thesen zählen zu den wichtigsten Erkenntnissen der fortgeschriebenen Schulentwicklungsplanung für den Kreis Heinsberg. Formuliert wurden sie vom Bonner Schulexperten Wolf Krämer-Mandeau, der am Mittwoch (16. Januar) in der Hückelhovener Aula vor Vertretern aus Politik, Verwaltung und Schulen die Ergebnisse vorgelegt hat.

Wolf Krämer-Mandeau ist Chef der Beratungsfirma Biregio, Projektgruppe Bildung und Region, Bonn. Der Schulexperte hat mittlerweile deutschlandweit für rund 500 Städte und Gemeinden Gutachten erstellt. Mitte 2010 hatte er ebenfalls in der Hückelhovener Aula die erste kreisweite Schulentwicklungsplanung für den Kreis Heinsberg vorgestellt. Landrat Stephan Pusch bezeichnet die Fortschreibung nun als „logischen nächsten Schritt dieser Schulentwicklungsplanung, sozusagen den ,Fort-Schritt’“. Die Schulentwicklungsplanung ist Grundlage für viele schulpolitische Entscheidungen, besonders im Kreistag, Stadt- und Gemeinderäten, Ausschüssen und sonstigen Gremien.

Grundschulen Die Entwicklung der Schülerzahlen im Primarbereich war seit 2001 mit rund 13.000 Schülern im Kreis Heinsberg bis 2015 (ca. 9000 Schüler) deutlich rückläufig. Nun steigen die Grundschülerzahlen wieder leicht an. „Wir kommen wieder auf 10.000, werden die alten Zahlen aber nicht mehr erreichen“, erklärte Wolf Krämer-Mandeau.

In den einzelnen Städten ergebe sich ein differenziertes Bild: Während in Heinsberg schon bald ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen sei, werde Wegberg nach einem sehr starken Abstieg wohl erst 2020 wieder positive Zahlen melden. Mit der Gründung von Teilstandorten und Schulverbünden hätten die Städte und Gemeinden in den vergangenen Jahren richtig auf die sinkende Grundschülerzahl reagiert. „Bei 30 Prozent Rückgang der Schülerzahlen hätten die Einschnitte aber durchaus noch tiefer sein können“, sagte Krämer-Mandeau.

Hauptschulen Angesichts schwacher Schülerzahlen steht die Hauptschule laut Krämer-Mandeau vor der Frage, was sie als eigene Schulform leisten könne, wenn die Eltern bei der Auswahl der Schule für ihre Kinder über sie hinweggehen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Zahl der Hauptschüler im Kreis Heinsberg sank von rund 4400 im Schuljahr 2005/06 auf rund 1550 im Schuljahr 2016/17.

Von ehemals zehn Standorten seien nur noch drei Hauptschulstandorte im Kreis Heinsberg übrig geblieben. Die Hauptschule sei außerdem zu einer Schule der Migration geworden: Während der Anteil der deutschen Schüler an den Hauptschulen bei 57,7 Prozent liege, betrage dieser bei allen übrigen Schulformen mehr als 70 Prozent. Beim Thema Integration leisten die Hauptschulen hervorragende Arbeit, sagte Krämer-Mandeau. Mit 60 Anmeldungen für das neue Schuljahr zeige vor allem das gute Konzept der Hauptschule Erkelenz Wirkung.

Realschulen Die Realschulen werden nach Einschätzung von Krämer-Mandeau in den nächsten Jahren mehr und mehr die Aufgaben der Hauptschulen wie beispielsweise das Thema Integration übernehmen. „Die Realschule wird eine neue Realschule werden mit Hautpschulzweig und ganz neuer Füllung“, sagte der Schulexperte. Er fordert dazu auf, „sich offensiv diesem Thema zuzuwenden“.

Gymnasien Die Gymnasien im Kreis Heinsberg stehen nach Einschätzung von Krämer-Mandeau vor einer sicheren Zukunft. Mit rund 7000 Schülern bleibt es die nachgefragteste Schulform im Kreis Heinsberg vor der Gesamtschule (4600), Realschule (3800), Hauptschule (1600) und der Waldorfschule. Über das Thema G8/G9 werde viel und lebendig diskutiert, allerdings gebe es keinerlei Auswirkungen auf die Schülerzahlen. „G8 hat viel Unmut bei den Eltern gebracht, aber keine Abwendung von der Schulform“, bilanziert Krämer-Mandeau. Dieses Thema wird nach Einschätzung des Schulexperten viel mehr diskutiert als es diskutiert werden sollte.

Gesamtschulen Die Neueinrichtung der Gesamtschule in Ratheim sei ein teurer, aber für die Entwicklung der Schullandschaft absolut richtiger Schritt gewesen, sagte Krämer-Mandeau. Die Gesamtschule ist die einzige Schulform, die seit Jahren deutlich steigende Schülerzahlen registriert, auch wenn „die Gesamtschule im Bereich der Oberstufe fragil“ bleibe. Die Zahl der Schüler an Gesamtschulen im Kreis Heinsberg stieg von rund 2600 im Schuljahr 2000/2001 auf rund 4500 im Schuljahr 2016/17.

Berufskollegs Das Berufskolleg in NRW ist eine in hohem Maße (41 Prozent) abiturorientierte Schule, so auch alle drei Berufskollegs im Kreis Heinsberg. Da die Berufskollegs themenorientiert arbeiten, besteht die Gefahr, dass für bestimmte Ausbildungen weite Anfahrtswege in Kauf genommen werden müssen. Landrat Stephan Pusch fordert für die Berufskollegs eine regional abgestimmte Planung und sieht diesbezüglich vor allem die Städteregion Aachen in der Pflicht. In Zeiten des Fachkräftemangels könne es nicht sein, dass bestimmte Ausbildungsangebote im dualen System nur noch in Köln angeboten werden.

Förderschulen Der Anteil der Förderschüler in Regelschulen und in Förderschulen liegt im Kreis Heinsberg bei fast ausgeglichenen 48,9 zu 51,1 Prozent. Dies sei im landesweiten Vergleich ein sehr guter Wert und zeige, dass die Eltern beide Versionen wollen. „Ihre Schulen leisten bei diesem Thema, ohne zu Murren, mehr, als es auf Landes- und Bundesebene im Durchschnitt der Fall ist. Das ist außergewöhnlich gut“, sagte Krämer-Mandeau.

Dass der Kreis Heinsberg 2010 auf die Inklusion als eine gleichberechtigte Alternative für die Eltern neben der Förderschule gesetzt habe, sei genau der richtige Schritt gewesen. Die Mehrheit der Schüler mit den Förderbedarfen Lernen und Sprache besuchen eine Regelschule, im Bereich emotional-soziale Entwicklung 50 Prozent und im Bereich der geistigen Entwicklung sieben Prozent.

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