Christopher Wintgens. Von der Theaterbühne in Krefeld in den Hochadel

Christopher Wintgens ist Reichsgraf: Ein Schauspieler wird Graf

Als Christopher Wintgens war er Theaterfreunden ein Begriff. Dann hat er ein Schloss geerbt und sein Leben umgekrempelt. Als Graf Christopher von und zu Lerchenfeld  ist er heute Oberhaupt eines bayerischen Ur-Adelsgeschlechts.

Texte kann er sich gut merken. Auch, wenn sie trocken oder nicht nach seinem Geschmack sind. Das gehört zur Berufsdiziplin eines Schauspielers. Vom guten Gedächtnis profitiert er in seinem neuen Lebensabschnitt. Als Christopher Wintgens hat er zahllose Rollen für die Theaterbühne einstudiert. Jetzt muss er sich mit juristischer und landwirtschaftlicher Literatur beschäftigen. Ein paar Mal noch wird er als Gast im Gemeinschaftstheater zu sehen sein, wie heute Abend in der Wiederaufnahme der Borussia-Revue in Mönchengladbach. Dann widmet er sich ganz seinen neuen Aufgaben als Reichsgraf von und zu Lerchenfeld.

„Der Abschied vom Theater ist mir schwer gefallen“, erzählt der Graf. Auch die Entscheidung für die neuen Aufgaben habe er sich nicht leicht gemacht. „Das habe ich ausführlich mit der Familie besprochen.“ Seine Frau und die drei Kinder stehen hinter ihm. Der Schritt kam nicht unerwartet, aber früher als erwartet. Sein Onkel, Graf Philipp von und zu Lerchenfeld, hatte keine eigenen Kinder. Der Graf adoptierte seinen Neffen und machte ihn zu seinem Nachfolger. „Ich bin quasi bei meinen Großeltern und meinem Onkel aufgewachsen. Die Adoption war nur eine Formalie. Als es ihm dann gesundheitlich schlechter ging, ist die Entscheidung gefallen.“

Seit dem unerwarteten Tod seines Onkels im Dezember 2017 ist der Neffe verantwortlich für das Wasserschloss Köfering (zwölf Kilometer nördlich von Regensburg) - für 300 Hektar Grund, das Wohngebäude mit 50 Zimmern, Bibliothek und Weinkeller, Lagerhallen, Stallungen und eine stillgelegte Brennerei. Das gesamte Anwesen steht unter Denkmalschutz. „Es ist ein altes, marodes Gebäude, das unterhalten werden muss“, sagt Lerchenfeld. Eine große Herausforderung ist die Landwirtschaft: „Wir wollen auf ökologischen Betrieb umstellen und 2021 das Siegel ,biologisch/ökologisch’ erhalten. Aber die größte Umstellung für mich ist es, Arbeitgeber zu sein. Die Erziehung durch meine Großeltern und meinen Onkel war prägend. Die Familie stand immer in der Öffentlichkeit.“

2018 erhielt er den Ehren-Theater-Oscar – und kämpfte gerührt mit den Tränen. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Philipp von und zu Lerchenfeld war Mitglied der CSU und ist von der Bild-Zeitung als reichster Parlamentarier porträtiert worden. Als er zu Grabe getragen wurde, folgten Hunderte dem Sarg, die Mittelbayerische Zeitung berichtete groß und würdigte den Grafen als verdienstvollen, beliebten, vielfach engagierten Bürger. Zu den Trauergästen zählten auch zahlreiche Vertreter von Adelsfamilien, die gekommen waren, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, darunter auch Herzog Franz von Bayern.

Dass der neue Graf in dieser Spielzeit zumindest als Gast noch ab und an in sein altes Leben als Schauspieler gleiten kann,  empfindet Christopher  von und zu Lerchenfeld als Glück. Denn seit der Gymnasialzeit stand für ihn fest, dass er auf die Bühne wollte. In der 10. Klasse hatte er ein Schlüsselerlebnis. Er spielte den Andri in Max Frischs „Andorra“: „Das ist so gut angekommen, dass ich wusste: Das ist es.“ Und er ist es zielstrebig angegangen: Das Abitur in Bayern und den Bundeswehrdienst hat er „möglichst schnell“ hinter sich gebracht und sich an der Münchner Schauspielschule beworben. Es war für ihn die richtige Entscheidung: „Ich war als Schauspieler keinen Tag ohne Arbeit“, erzählt er.  Das erste Engagement führte ihn nach Saarbrücken. Nach Stationen in Coburg, Hamburg und Memmingen kam er 2003 ans Gemeinschaftstheater – und blieb 15 Jahre. „Es ist eines der besten Ensembles sowohl menschlich als auch mit seinem großen Angebot. Es ist beseelt von Freundlichkeit und Vertrauen, das habe ich anderswo so nicht kennengelernt. Die Homogenität, die es zu Jens Pesels Zeiten gab, ist mit Michael Grosse eher noch intensiver geworden.“

„Käfig aus Wasser“ hat der japanische Regisseur Kuro Tanino ihm auf den Leib geschrieben. Foto: Matthias Stutte/Stutte, Matthias (stut)
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Am Theater Krefeld/Mönchengladbach hat der wandlungsfähige Blonde die unterschiedlichsten Rollen ausgefüllt. Er war unter anderem der Wurm in „Kabale und Liebe“, der Johannes Vockerat in „Einsame Menschen“ und der Guy Montag in „Fahrenheit 451“. Er spielte den hanseatisch-steifen Thomas Buddenbrook und legte für „Wolken.Heim“ nach dem Text der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek etliche Kilos an Kostüm und Maske zu. „Es ist für mich niemals  entscheidend gewesen, wie groß oder klein eine Rolle ist, sondern wie viel Spaß und wie viel psychologischen Reiz sie bringt“, sagt Lerchenfeld. „Ich habe immer die innerliche Herangehensweise gepflegt und die Figuren emotional aufgeschlüsselt, auch in Komödien wie ,Treppauf, treppab’.“

Für „Wolken.Heim.“ verwandelte die Kostüm- und Maskenbildnerei ihn in einen feisten Ignoranten. Foto: Matthias Stutte/Stutte, Matthias (stut)

Eine Theaterarbeit ist ihm besonders nahe gegangen: „Käfig aus Wasser“. Er spielte einen 75-jährigen Japaner, der nach der Fukushima-Katastrophe sein Loft nicht mehr verlässt, extrem einsam und von Wahnvorstellungen befallen. „Das war eine großartige Rolle“, findet er noch heute. Der japanische Regisseur und Psychologe Kuro Tanino hatte ihm das 2015 uraufgeführte Ein-Mann-Stück auf den Leib geschrieben. „Ich war in meiner Spielweise sehr frei, und er war überrascht, wie emotional ich mit dem Stoff umgegangen bin. In Japan ist das so nicht üblich, da bleiben Emotionen unterschwellig. Natürlich habe ich mich mit dieser Interpretation angreifbar gemacht. Das ist aber gerade der Reiz und macht eine Figur oder Geschichte für den Zuschauer auch nachvollziehbar.“

Als Victor Fleming in „Mondlicht und Magnolien“ zeigte er seine komödiantische Seite. Foto: Matthias Stutte

Vielen, die diesen Soloabend auf der Studiobühne gesehen haben, ist die Figur des im Käfig seines eigenen Wahns gefangenen Mannes im Gedächtnis geblieben. Lässt sich eine derart intensive Rolle nach der Vorstellung einfach abstreifen? „Ich nehme nie eine Rolle mit nach Hause. Das Kostüm hilft mir, mich in eine Figur hinein zu versetzen. Und wenn man das Kostüm dann auszieht, wird man wieder man selbst. Was bleibt, ist das Nachdenken darüber, was gut gelaufen ist und welche Frage man für die nächste Vorstellung neu stellen kann, damit es keine ständigen Wiederholungen gibt.“

Als Christopher Wintgens war er der Wandelbare, der sich in manchen Rollen bis zur Kaum-Erkennbarkeit veränderte. Jetzt ist die Konstanz seine Aufgabe.

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