Prof. Klein, Hochschule Rhein-Waal: Keine Angst vor der Digitalisierung

Digitales für die Wirtschaft : Keine Angst vor der Digitalisierung

Auch für die Wirtschaft am Niederrhein muss digitale Vernetzung groß geschrieben werden.

Alle reden von der Digitalisierung der Wirtschaft. Vor allem Mittelständlern am Niederrhein stellt sich die Frage, wie man die Firma mit Blick auf „Big Data“ oder „Industrie 4.0“ aufstellt. Die Hochschule Rhein-Waal ist ein wichtiger Ansprechpartner für die Wirtschaft – mit Fachleuten, die sich mit diesen Themen befassen.

Herr Prof. Klein, alle reden von der Digitalisierung...

Prof. Alexander Klein Nicht zu Unrecht: Damit werden sich auch die Betriebe am Niederrhein befassen müssen. Aber ein stetes Auffordern „Ihr müsst digitalisieren“ alleine reicht da nicht.

Der Blick muss weiter gehen?

Klein Zunächst muss die Firma gewillt sein, etwas zu machen und dann entscheiden, was genau sie wie erreichen möchte. Dabei sollten die Unternehmen unbedingt das Ganze im Auge haben, und nicht nur die Frage nach einer neuen Software oder einem Upgrade. Oft wird es so dargestellt, als sei Digitalisierung ein Allheilmittel. Mitunter haben die Firmen aber ganz andere Probleme, die erst gelöst werden müssen, bevor man Digitalisierung vorantreibt.

Dann müssten sich Firmen externes Fachwissen besorgen, also wieder Kosten...

Klein Das ist richtig. Planung kostet Geld – aber bevor ich ein Gebäude baue, muss ich einen Architekten planen lassen. Das finden wir ganz normal. Wieso sollte ich ein aus vielen Software- und Hardwarekomponenten, Maschinen und Menschen bestehendes Gebilde ohne systemübergreifende Planung gut hinbekommen? Ich bestelle ja  auch nicht einfach 180 Baustofflieferungen und 100 Bauarbeiter unkoordiniert auf die Baustelle und hoffe, dass dabei irgendwie pünktlich und budgettreu mein Bauwerk entsteht.

Kann der Unternehmer auf staatliche Unterstützung bauen?

Klein Es gibt gute Förderprogramme für den Mittelstand in NRW, die solche Vorabuntersuchungen der IT-Landschaft mit bis zu 80 Prozent bezuschussen. Und abgesehen davon ist eine konzeptionelle Planung der IT-Landschaft oder eine Begleitung bei der Systemauswahl gar nicht so aufwendig – wenn das Unternehmen eben möglichst viel selbst macht, aber eben angeleitet durch den unabhängigen Berater

Also unbedingt Beratung?

Klein Genau. Das sollte ein unabhängiger Berater sein, der nicht nur sein eigenes Software-Produkt im Blick hat. Denn richtig ist, dass der Berater nicht allein auf die IT gucken darf. Dann investiere ich als Unternehmer oft mehrere 100.000 Euro in ein neues IT-System, aber es bringt den Betrieb nicht wirklich nach vorne. Wie gesagt: Digitalisierung ist nur eines von vielen Themen in einem Betrieb. Eines muss ich mir als Unternehmer aber vor Augen führen: Die Frage nach der richtigen IT hat einen enormen Einfluss darauf, wie effizient mein Betrieb ist, ob er „rund läuft“ und welche Produkte, Dienstleistungen und Lieferzeiten ich überhaupt anbieten kann. Und je komplexer der Betrieb ist, desto mehr macht es aus, ob die IT ideal gestaltet ist. Die Komplexität nimmt mit der Weiterentwicklung der Branchen und dem Wettbewerb meist weiter zu -  das Problem ist vielen Unternehmern bekannt.

Und wenn es schief geht mit der Digitalisierung?

Klein Das ist ein Problem. Viele haben ja Angst, nicht das richtige Produkt zu finden, falsch beraten oder gar über den Tisch gezogen zu werden. Und das ist keine Paranoia, wie große Fälle, die bekannt wurden, aufzeigen. Von den vielen kleineren Fällen, in denen IT-Projekte viel teurer werden als geplant oder gänzlich misslingen, hört man in den Medien ja kaum etwas. Wohl aber hören die Unternehmen und Verwaltungen ständig Aufrufe zum Digitalisieren. Deshalb ist es gerade für kleinere Betriebe, die keine eigenen, IT- und Fabrikplanungsabteilungen haben, so wichtig, einen externen Fachmann ins Boot zu holen. Schritt für Schritt kann man sich weiter entwickeln, und manchmal sollte man auch Geld und Zeit in Produktionstechnologieprojekte stecken statt nur in Digitalisierungsprojekte. Oft ziehen die dann aber auch IT-Projekte nach sich.

Wie muss man das verstehen?

Klein Eine der Kernideen der Industrie 4.0 ist ja, dass man aus strukturiert erhobenen Daten und Informationen Erkenntnisse gewinnen kann, aus denen man einen Nutzen ziehen kann – neue Produkte, optimierte Preiskalkulation, bessere Produktqualität u.v.m. Teilweise wird dieser Nutzen mit gerade erst gewonnen Daten in Steuerungssystemen sofort erzeugt, teilweise entsteht er stark zeitversetzt durch Analyse der Daten. Meist geht das aber nur, wenn die zahlreichen einzelnen, auf ihre Aufgabe spezialisierten Einzellösungen miteinander kommunizieren und zusammen das beste Ergebnis erzeugen. Also der Roboter, die Maschinen, die Gabelstapler, das Produktionsplanungssoftware, die Gebäudeleittechnik, die Buchhaltungssoftware – wie die Lieferanten und Kunden mit ihren Softwaresystemen.

Das hört sich nach einer großen Aufgabe an?

Klein Stimmt. In der Zeit der Umstellung ist es furchtbar - aber es geht. Und wenn es dann richtig läuft, ist es ein entscheidender Beitrag zum Erfolg des Unternehmens.

Mehr von RP ONLINE