Joachim Löw ist vor dem Spiel Deutschland gegen Serbien der Baumeister

Neuanfang im DFB-Team : Das sind die größten Baustellen für Jogi

Joachim Löw hat einen Neuanfang beim Nationalteam versprochen. Zum Start ins Länderspieljahr 2019 hat er gleich eine Reihe von Projekten noch offen. Er muss sich als Baumeister bewähren.

Aus der Fußball-Karriere von Usain Bolt ist nichts geworden. Der schnellste Mann der Welt musste einsehen, dass es nicht reicht, der schnellste Mann der Welt zu sein – nicht einmal beim nicht sonderlich berühmten australischen Erstligisten Central Coast Mariners FC. Die Australier verzichteten dankend auf die Verpflichtung des Sprinters aus Jamaika. Vielleicht hätte er vorher Joachim Löw fragen sollen. Der hätte ihm bestimmt gesagt, dass Geschwindigkeit wichtig, aber nicht alles sei. Bevor sein Länderspieljahr am Mittwoch in Wolfsburg mit dem Testspiel gegen Serbien beginnt, hat Löw festgestellt: „Bei der körperlichen Leistungsfähigkeit ist eine Grenze erreicht. Es geht jetzt darum: Wer handelt unter Zeitdruck und in der Enge des Raums richtig. Wir müssen deshalb im kognitiven Bereich besser ausbilden.“ Es braucht also ein helles Köpfchen, damit Deutschlands Fußball wieder da ankommen kann, wo er sich einem natürlichen Anspruch nach sieht: zumindest an der erweiterten Weltspitze. Bis zur Europameisterschaft 2020 soll es wesentliche Schritte auf diesem Weg geben. Die ersten gegen Serbien und am Sonntag im EM-Qualifikationsspiel in den Niederlanden. Löws wesentliche Themen:


Verjüngung.
Schon Boris Becker erkannte einst erschrocken in einem unvergänglichen Wort, „dass der Zahn der Zeit auch an mir nicht spurlos vorüber gegangen ist“. Diese Erfahrung mussten Löws Weltmeister beim Turnier in Russland ebenfalls machen. Der Bundestrainer hat lange gebraucht, bis er daraus Konsequenzen gezogen hat. In der Sache war es sicher nachvollziehbar, einen Neuaufbau nur noch mit zwei amtierenden Weltmeistern (Manuel Neuer, Toni Kroos) zu betreiben. Die Art, wie Löw Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels den Abschied verkündete, bleibt auch nach Erklärungsversuchen stillos.

Die Spielidee. Löw bleibt ein Ahänger des sogenannten Ballbesitzfußballs. Er sagt: „Der Ballbesitzfußball ist nicht tot.“ Und er zeigt auf Manchester City und den FC Barcelona, die mit diesem Stil erfolgreich sind. Er übersieht allerdings nicht, dass Breitwand-Ballbesitzfußball, wie ihn seine Elf beim WM-Turnier in Russland aufführte, keine Lösung ist. „Wir brauchen Dynamik im letzten Drittel“, erklärt der Coach, „wir wollen gute Spielkultur mit Schnelligkeit kombinieren.“


Der Angriff.
Die Abteilung Sturm und Drang hat in den zurückliegenden Spielen die größten Fortschritte gemacht. Es könnte durchaus sein, dass die DFB-Elf sehr bald um die Angreifer Timo Werner, Serge Gnabry, Julian Brandt und Leroy Sané beneidet wird. Mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung blickt die Welt schon lange auf Marco Reus, wenn der mal nicht verletzt ist. Im Moment ist er auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, Löw muss das Genie des Dortmunders unbedingt nutzen.

Das Mittelfeld. Die Sprinter in der vorderen Linie brauchen gute Betreuung aus dem Mittelfeld, sie benötigen ein vernünftiges Zuspiel im richtigen Moment. Dafür werden in erster Linie Kroos und Joshua Kimmich zuständig sein. Sie sind auch für die Absicherung der Offensive verantwortlich. Das Problem: Kroos nimmt sich gerade die erste schwere Krise seiner Karriere, Kimmich neigt zu bedenkenloser Angriffslust.

Abwehr. Die Defensive ist längst ein kollektives Projekt. In den meisten zurückliegenden Spielen hat Löw nach der vielbeschriebenen Kompaktheit gesucht, indem er eine defensive Dreierkette und zwei eher defensiv orientierte Außenspieler nominierte. Das wird er möglicherweise gegen Serbien so machen, weil das System eingespielt ist. Wenn er mit vier Offensivkräften und zwei zentralen Mittelfeldspielern antritt, was er tun sollte, wenn Reus dabei ist, wird er zur Viererkette in der Abwehr zurückkehren. Für die beiden Innenverteidigerplätze bewerben sich Niklas Süle, Matthias Ginter, Jonathan Tah, Niklas Stark und Antonio Rüdiger. Außen haben die beiden unerfahrenen Leipziger Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg auf Sicht gute Karten.

Torhüter. Dem Weltmeister Manuel Neuer hat Löw die Rolle des Platzhirschen verliehen. „Er ist unsere Nummer eins, der Kapitän“, bekräftigt Löw. Marc-André ter Stegen muss sich mal wieder übergangen fühlen. Auch wenn Löw beteuert: „Neuer muss Leistung bringen“, ist es kein offener Zweikampf um den Platz im Tor. Das muss man angesichts der Leistungen ter Stegens bedauern. Der Schlussmann des FC Barcelona wird sich weiter hinten anstellen. Wenn Neuer keine außerordentlichen Schnitzer unterlaufen, bleibt er Löws Mann. Mindestens bis zum EM-Turnier.


Zeit und Ergebnisse.
Zeit hat Löw kaum noch. Er muss schon in der Qualifikation und in den Testspielen gute Ergebnisse und den Nachweis liefern, dass sich seine neue Mannschaft genau in jene Richtung entwickelt, die den zu Recht hohen Ansprüchen der deutschen Fans entspricht. Erst bei entsprechenden Nachweisen verdient er sich das Vertrauen, das ihm vom DFB unmittelbar nach der WM und vielleicht voreilig ausgesprochen wurde. Seine Auswahl spielt in den kommenden Wochen und Monaten um Löws Zukunft.

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