Fußball-Nationalmannschaft: Manuel Neuer bleibt die Nummer eins

Drei Neue für den Neustart : Neuer bleibt für Löw die Nummer eins

Bundestrainer Löw beruft die Neulinge Klostermann, Stark und Eggestein, nennt Torwart ter Stegen aber weiterhin den Herausforderer im Tor. Ein Konkurrenzkampf sieht sicher anders aus.

Das mit großer Spannung erwartete Wort zur Fußball-Nation erging mit einer dreiviertel Stunde Verspätung. Bundestrainer Joachim Löw durfte sich sein eigenes Bild von der Pünktlichkeit der Bahn machen. Deshalb konnte er sich noch einmal sammeln, ehe er in der DFB-Zentrale in Frankfurt vor den Länderspielen gegen Serbien und Holland neben dem Aufgebot eine andere Dienstreise erklären musste – die nach München, an deren Ende er die Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng aus dem Nationalmannschafts-Dienst verabschiedet hatte. „Es war aufgrund der Leistungen im vergangenen Jahr unumgänglich, Änderungen vorzunehmen“, sagte der Trainer, „und es war für mich das Allerwichtigste, den Spielern das in einem persönlichen Gespräch mitzuteilen.“ Kleine Pause. „Das Allerallerwichtigste.“

Das Befremden der Spieler über diese Aktion, das Müller mit einem Video in den sozialen Netzwerken beschrieb, als er dort einen Mangel an Wertschätzung beklagte, hält Löw für falsch interpretiert. Er glaubt, es habe nichts mit seinem unangekündigten Besuch bei den Bayern zu tun, sondern mit der Tatsache, dass der DFB nach dem Treffen vorbereitete Stellungnahmen unters Volk brachte. Die Spieler waren zu diesem Vorgang nicht zu befragen.

Für Löw sind sie trotz seiner Versicherung, „das ist mir emotional wahnsinnig schwergefallen“, in der Nationalelf Vergangenheit. Denn er erklärte: „Ich habe ihnen gesagt, dass ich ohne sie für die Qualifikation und die Europameisterschaft plane.“ Danach wird sich die Fußballwelt so viel weiter gedreht haben, dass an eine Rückkehr des Trios aus München nach der EM nicht zu denken ist. Das kurze Erschrecken über einen endgültigen Befund bewegte Löw zwar zu der Ergänzung, er wisse ja nicht, „was im nächsten Jahr sein wird“. Aber in seiner Vorstellung hat die Zukunft fast ohne Weltmeister von 2014 begonnen.

Geblieben sind im Kader nur Torwart Manuel Neuer und Mittelfeldspieler Toni Kroos. Sie sind die einzigen aus einer Achse der Erfahrenen, die Löw noch im Herbst selbst im Neuaufbau für dringend notwendig hielt. Man darf davon ausgehen, dass beiden führende Rollen zugedacht sind. Über Kroos sprach Löw nicht, zu Neuer sagte er den bemerkenswerten Satz: „Manuel Neuer ist die Nummer eins und unser Kapitän.“ Die Torwart-Hierarchie ist deshalb unverändert, auch wenn der Trainer dem Herausforderer aus Barcelona versprach: „Marc-André ter Stegen ist ist mittlerweile ebenfalls auf Weltklasseniveau. Er wird seine Chance bekommen.“ Ein Zweikampf um den Platz im Tor wird anders ausgerufen.

Wahrscheinlich scheut Löw vor noch mehr Unsicherheiten zurück, als sie sein verjüngter Kader ohnehin bereits bietet. Das würde zu seinem Charakter passen. Und dass er ter Stegen nicht in den Rang eines ernsthaften Mitbewerbers befördert, obwohl der Schlussmann in Barcelona Klasseleistungen in Serie bietet, hat vielleicht damit zu tun: „Ich treffe meine Entscheidungen nicht nach Dingen, die in der Öffentlichkeit von mir erwartet werden, sondern aus Überzeugung.“

Teil seiner Überzeugung ist, dass die Spielidee zumindest überarbeitet werden muss. „Unser roter Faden bleibt Ballbesitz und Dominanz, aber was wir ändern müssen: Wir brauchen viel mehr Dynamik, Schnelligkeit und Zielstrebigkeit.“ Für die athletische Komponente stehen Tempoläufer wie Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané, für die notwendige Handlungsschnelligkeit werden auch die Trainer sorgen müssen. Das Entwicklungsziel beschrieb Löw schon einmal: „Wir brauchen Spieler, die unter Zeitdruck und in der Enge des Raums richtig handeln.“

Das traut er den drei Neulingen in seinem Aufgebot offenkundig zu. Lukas Klostermann hat als defensiver Flügelmann in Leipzig ebenso überzeugt wie der Berliner Abwehrspieler Niklas Stark und die Bremer Offensivkraft Maximilian Eggestein. Der Kölner Jonas Hector ist zunächst mal durchs Raster gefallen. Hector spiele beim Zweitliga-Tabellenführer zu wenig auf der Position des linken Verteidigers, erklärte Löw – „und da sind Nico Schulz und Marcel Halstenberg in der Bundesliga weiter“.

Die Bundesliga selbst erhielt vom obersten Trainer der Nation ihren eigenen Weiterbildungsauftrag. „Ich habe schon vor ein, zwei Jahren gesagt, wir müssen uns Gedanken machen, denn wir werden von anderen Nationen üerholt“, sagte Löw, „wir brauchen Spieler, die ins Eins gegen Eins gehen gegen diese Verteidigungskunst, die inzwischen jeder beherrscht. Das Eins gegen Eins darf man nicht mehr verbieten in der Ausbildung. Da sind uns England, Frankreich und Belgien voraus.“

Diese Länder haben bei der WM nicht nur starke Dribbler aufgeboten, sondern auch Persönlichkeiten. In Löws Team müssen sich solche Figuren erst wieder entwickeln. „Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Sami Khedira haben auch ihre Zeit gebraucht, bis sie eine Mannschaft führen konnten“, stellte Löw fest, „nun müssen einige Spieler den nächsten Schritt machen.“ Gemeint sind Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Marco Reus, die jetzt Verantwortung fürs große Ganze tragen müssen. „Wie das funktioniert, wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen“, sagte ihr Bundestrainer. Die Hoffnung, dass es funktioniert, hat er jedenfalls. „Die Spieler“, beteuerte Löw, „haben Potenzial.“ Das ist beruhigend.