1. Panorama
  2. Humbug – Verschwörungstheorien untersucht

Humbug: Steckt hinter dem menschengemachten Klimawandel eine politische Verschwörung?

Humbug über eine Öko-Diktatur : Steckt hinter dem Klimawandel eine politische Verschwörung?

Der Klimawandel ist nicht vom Menschen verursacht, die Wissenschaftler sind gekauft und Wetterschwankungen gab es schon immer – all das behaupten Skeptiker und Leugner. Doch ihre Ansichten stimmen nur eingeschränkt. Warum der Klimawandel keine politische Panikmache ist und Wissenschaftler keine Öko-Diktatur errichten wollen.

Der Klimawandel ist nicht existent. Falls es ihn tatsächlich geben sollte, ist er nicht menschengemacht. Ersteres behaupten Klimawandel-Leugner, letzteres denken Skeptiker des Klimawandels. Beide glauben, dass Wissenschaftler die Existenz des menschengemachten Klimawandels erfinden, um eine Öko-Diktatur errichten zu können. Auf diese Weise sollen Rechte massiv einschränkt werden. Dabei ist es beinahe hundertprozentig bewiesen, dass es eine unter den derzeitigen Bedingungen unaufhaltsame Erderwärmung gibt – und, dass wir Menschen Schuld daran tragen. Welche Argumente Klimawandel-Leugner und Skeptiker dennoch anführen und was an ihnen dran ist.

Was wird behauptet?

Dass es weniger regnet, längere Hitzeperioden und immer öfter auch extreme Wetterschwankungen auftreten, kann kaum ignoriert werden. Leugner des menschengemachten Klimawandels jedoch argumentieren, dass es Klimaschwankungen schon immer gab, auch bevor der Mensch auf der Erde lebte und diese deshalb keinen Grund zur Besorgnis darstellen würden.

Was außerdem von Klimawandel-Skeptikern bestritten wird, ist die Tatsache, dass der Mensch für den globalen Temperaturanstieg verantwortlich ist. Solche „Kritiker“ behaupten beispielsweise entgegen einem breiten wissenschaftlichen Konsens von 97 Prozent aller Forscher, dass der Mensch einen viel zu geringen Anteil an CO2 produziere, um einen nennenswerten Einfluss auf das Klima zu haben. Manche sagen sogar, dass die Sonne an der Erderwärmung schuld sei. Oft wird auch angeführt, dass nicht einmal die Wissenschaftler selbst sich einig seien, ob es den Klimawandel gibt oder inwiefern dieser vom Menschen herbeigeführt wird.

Woher kommt der Humbug?

Forschung zum Klimawandel gibt es schon lange. Ebenso die Erkenntnis, dass dieser menschengemacht ist. Ende der 1980er-Jahre gelangten wissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel – und die gefährlichen Folgen einer globalen Erwärmung – immer mehr an die Öffentlichkeit. Unternehmen, die für hohe Emissionen von Treibhausgasen verantwortlich sind oder waren, gefiel diese Entwicklung nicht. Sie wollten dem entgegenwirken.

Eines dieser Unternehmen ist der Mineralölkonzern ExxonMobil aus den USA. Das Unternehmen hatte trotz besseren Wissens in der Bevölkerung strategisch massive Zweifel hinsichtlich der Existenz des Klimawandels und dessen Folgen gestreut. Dabei hatte ExxonMobil firmeneigene Klimaforschung betrieben und dort festgestellt, dass der Klimawandel eine reale Bedrohung für die Menschen darstellt – jedoch in der Öffentlichkeit in zahlreichen Werbespots das Gegenteil behauptet. Das deutsche Umweltbundesamt bezeichnet das Verhalten ExxonMobils als eine „Kampagne zur systematischen Desinformation der Öffentlichkeit über die Ergebnisse der Klimawissenschaft“. Doch nicht nur das, ExxonMobil steckte zusätzlich viel Geld in ausgewählte Institute, die ebenfalls Falschinformationen über die globale Erwärmung verbreiten sollten.

In den USA gibt es seit vielen Jahrzehnten solche konservativen Think Tanks – Institute oder Stiftungen –, die eigene Forschung betreiben lassen, um Klima-Skeptizismus zu verbreiten. Finanziert werden diese Initiativen meistens von Unternehmen oder Ländern, die sehr viel Geld mit Öl oder anderen fossilen Brennstoffen verdienen. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das Heartland Insitute, welches in den 80er-Jahren in den USA gegründet wurde und heute zu den weltweit bedeutendsten Organisationen gehört, die den Klimawandel leugnen. Auf deren Internetseite heißt es beispielsweise, die „Grünen“ würden persönliche Freiheit und Privateigentum hassen und unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit eine „grüne Weltherrschaft“ errichten wollen.

In Deutschland verbreitet vor allem die rechtspopulistische Partei AfD den Klima-Skeptizismus. Ebenfalls indem sie Zweifel über den wissenschaftlichen Konsens streut. Auf ihrer Internetseite schreibt die AfD: „Die Aussagen des Weltklimarats, dass Klimaänderungen vorwiegend menschengemacht seien, sind wissenschaftlich nicht gesichert. Sie basieren allein auf Rechenmodellen, die weder das vergangene noch das aktuelle Klima korrekt beschreiben können.“

Wie verbreitet ist der Humbug?

In den USA ist der Klima-Skeptizismus, der dort seinen Ursprung hat, aus den zuvor genannten Gründen weit verbreitet. Einer Studie des Pew Research Centers zufolge glauben 48 Prozent der US-Amerikaner an einen menschengemachten Klimawandel und 31 Prozent an einen natürlichen Klimawandel. Jeder Fünfte glaubt nicht, dass es den Klimawandel überhaupt gibt.

In Deutschland gibt es weniger Zweifler am Klimawandel. Zufolge einer repräsentativen Umfrage des EPCC-Projekts (European Perceptions of Climate Change), unterstützt von der Bundesregierung, denken 83 Prozent der Deutschen, dass das Klima sich verändert; 16 Prozent glauben das nicht. Weiterhin gaben 34 Prozent an, dass der Klimawandel hauptsächlich auf Aktivitäten des Menschen zurückzuführen ist und 15 Prozent sind der Meinung, dass am Klimawandel ausschließlich der Mensch Schuld trägt. Neun Prozent denken, dass der Klimawandel hauptsächlich oder ausschließlich natürlichen Ursprungs ist, sechs Prozent glauben gar nicht an den Klimawandel.

Was ist dran?

„Zunächst ist der Beweis für einen menschengemachten Klimawandel schon längst erbracht, soweit es in der Wissenschaft möglich ist“, sagt der Klimaforscher Mojib Latif. Er ist unter anderem Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums. Hundertprozentige Sicherheit könne es laut Latif nie geben. Doch mithilfe von Computermodellen ließe sich eine Zeitreise simulieren, sozusagen eine „Erde im Reagenzglas“. Dort zeige sich, dass der Mensch der entscheidende Faktor für den Klimawandel ist. Die Erde erwärmt sich – wegen der vom Menschen emittierten Treibhausgase. Solche Berechnungen seien schon vor Jahrzehnten gemacht worden, erklärt Latif. Und alles, was damals vorhergesagt wurde, sei im Großen und Ganzen eingetreten. Das Prinzip ließe sich zudem auch umkehren: „Wenn man den menschlichen Faktor bei den Computersimulationen nicht berücksichtigt, kann man überhaupt keine Erwärmung simulieren. Im Gegenteil, es wird eher ein wenig kälter“, sagt der Meteorologe.

 Der Klimaforscher und Meterologe Mojib Latif ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums.
Der Klimaforscher und Meterologe Mojib Latif ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums. Foto: picture-alliance/ dpa

Auch das Schein-Argument, Klimaschwankungen habe es doch schon immer gegeben – Stichwort Eiszeit – sei nicht stichhaltig. „Das höre ich oft“, sagt Latif. Und es stimme auch, gravierende Klimaveränderungen finden statt. So sei die globale Temperatur nach der letzten Eiszeit um fast vier Grad gestiegen. „Allerdings innerhalb von fast 10.000 Jahren“, so der Klimaforscher. „Wir reden jetzt über einen Anstieg von einem Grad innerhalb der vergangenen 100 Jahre.“ Wenn es so weitergehe, gebe es einen Anstieg um weitere vier Grad bis zum Jahr 2100: „Das heißt, wir hätten eine Klimaveränderung, die die Natur innerhalb von 10.000 Jahren macht, in einer Zeitspanne von 100 Jahren produziert.“

Es ist zudem bewiesen, dass Treibhausgase wie CO2 die Erde aufheizen. Wie genau, wird hier erklärt. Außerdem bewiesen ist, dass menschliche Aktivitäten seit Beginn der Industrialisierung in hohem Maße zu einem Anstieg der Treibhausgas-Konzentrationen in der Atmosphäre geführt haben – die Konzentration von Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre ist heute 40 Prozent höher als noch 1750, vor Beginn der Industrialisierung. „Über Grundfragen des Klimawandels und seine Verursachung durch den Menschen herrscht in der Fachwelt Einigkeit“, heißt es vom Deutschen Klima Konsortium. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Auswirkungen der Treibhausgaskonzentration auf das Klima werden vom „Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimaänderungen“ (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC), auch Weltklimarat genannt, regelmäßig ausgewertet und zusammengefasst.

Wer sind die Klimaskeptiker?

Die Leugnung des Klimawandels habe eine lange Tradition, sagt Katharina Kleinen-von Königslöw. Die Professorin erforscht an der Universität Hamburg Kommunikation zum Klimawandel. Denn die Gefährdung durch den Klimawandel sei schon lange bekannt. „Bestimmte Kreise der Industrie hatten Angst ihr Geschäftsmodell aufgeben zu müssen“, so Kleinen-von Königslow. „Allen voran die Energie-Konzerne, die vor allem in den USA in millionenschwere Kampagnen investiert haben, um die Klimaforschung zu diffamieren.“

In Deutschland würde sie eher von einer jüngeren Bewegung sprechen, der Klima-Skeptizismus als Thema würde dabei vor allem von rechtspopulistischen Akteuren aufgegriffen. „Wir hatten in Deutschland über Jahrzehnte einen sehr starken wissenschaftlichen Konsens darüber, dass es den menschengemachten Klimawandel gibt, und dass man dagegen etwas tun muss, und letztendlich ist es erst mit dem Erstarken der AfD dazu gekommen, dass dieser stärker infrage gestellt wird“, sagt Kleinen-von Königslow. Es habe sich herausgestellt, dass der starke Konsens über den menschengemachten Klimawandel kein besonders gut abgesicherter Konsens war. Wenn es Dinge gebe, die jeder wisse, dann mache man sich nicht viele Gedanken darüber und mache sich dementsprechend auch nicht die Mühe, sich in der Tiefe zu informieren. „Wenn dann aber jemand massiv versucht, Zweifel zu streuen, hat man wenig Gegenwehr“, sagt die Professorin.

Die Leugnung des Klimawandels an sich könne man ihr zufolge aber noch nicht als Verschwörungstheorie bezeichnen. „Aber in dem Moment, in dem die Leugnung mit anderen Verschwörungstheorien verknüpft wird, schon“, sagt Kleinen-von Königslow. Also dann, wenn Spekulationen darüber ins Spiel kommen, wer den Klimawandel als Idee oder auch Klimapolitik vorantreibt oder auch die Vermutung geäußert wird, der Klimawandel sei eine Verschwörung der Wissenschaftler, die eine Öko-Diktatur errichten wollen. Das würde oft behauptet von Rechtspopulisten. „Und dazu kommt, dass es natürlich im Wesen der rechtspopulistischen Parteien liegt, dass immer dieser Gegensatz zwischen dem Volk und der Elite betont wird, die Elite als das Böse, die versucht, das Volk auszunutzen und zu manipulieren“, sagt Kleinen-von Königslow. „Das Klimawandel-Thema lässt sich sehr gut in dieses Narrativ einbinden, indem davon gesprochen wird, dass eine Öko-Diktatur erschaffen werden soll.“ Es heiße meistens, es gehe den Eliten darum, den einfachen, normalen Leuten das Leben schwer zu machen, Dinge zu verbieten, für die sie hart gearbeitet haben, wie beispielsweise das Autofahren. Den Wissenschaftlern, die sagen, es gebe den menschengemachten Klimawandel, würde deshalb oft vorgeworfen, sie wären gekauft worden. „Es ist paradox, dass den Wissenschaftlern, die zu über 99 Prozent der Existenz des menschengemachten Klimawandels zustimmen, vorgeworfen wird, gekauft worden zu sein, während es aber auf das knappe restliche Prozent tatsächlich zutrifft“, sagt Katharina Kleinen-von Königslow. So viele Wissenschaftler könne man dann auch nicht kaufen.

Warum polarisiert das Thema so stark?

Dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Klimaleugnern und einem bestimmten politischen Milieu gebe, sieht auch Sarah Kessler. „Diese Sichtweise ist überdurchschnittlich oft zu finden bei den sehr stark rechten Parteien“, so die Sozialwissenschaftlerin, die an der Ludwig-Maximilians-Universität im Rahmen des sogenannten Baysics-Projekts unter der Schirmherrschaft des bayerischen Klimaforschungsnetzwerks Bayklif forscht. Die AfD gehöre in Europa zu den vehementesten Klimaleugnern. In weniger radikalen, konservativen Kreisen würde der Klimawandel vielleicht nicht offen geleugnet, er bleibe aber oft hinter der Priorität von Wirtschaftsinteressen zurück – und es würde häufig als stark übertrieben gesehen, das eigene Leben deshalb deutlich anzupassen.

Doch Kessler sieht sie Problematik nicht nur im rechten Lager. Ihrer Meinung nach polarisiert das Thema Klimawandel in der gesamten Gesellschaft mitunter so stark, weil es ein komplexes Phänomen ist, das in „alle Bereiche des Lebens reinspielt, unsere derzeitige Lebensweise massiv infrage stellt und auch mit wahnsinnig viel Unsicherheit behaftet ist“. Wenn man mit so einer Bedrohung konfrontiert würde, habe man zwei Möglichkeiten: Entweder, man handle wirklich radikal oder man verdränge das Ganze indem man die eigene Verantwortung negiert. Die meisten Menschen tendierten eher zu letzterem. Hinzu komme, dass die gesellschaftlichen Akteure, die eine besonders große Wirkmacht haben, also Personen in Entscheidungspositionen in Wirtschaft und Politik, ihre dementsprechend besonders hohe Verantwortung ebenfalls verdrängen würden, zum Beispiel weil in diesen Kreisen das Thema Klimawandel bis vor Kurzem nicht als ausschlaggebend gesehen worden sei.

Nicht alle Personen, die den Klimawandel abtun, sind somit als Verschwörungstheoretiker abzustempeln. Entgegen des breiten wissenschaftlichen Konsenses sind ihre Schlussfolgerungen aber trotzdem tief problematisch.