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Musik-Verschwörungstheorie: Stammt Wind of Change von den Scorpions von der CIA

Entstehung einer Verschwörungstheorie : Wurde „Wind of Change“ von der CIA geschrieben?

Wurde der ikonische Scorpions-Song vom amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA lanciert? Ein Podcast geht einer absurden Theorie auf den Grund – und am Ende kommt sogar Leadsänger Klaus Meine selbst zu Wort.

Der Soundtrack zum Ende des Kalten Krieges beginnt mit einem Pfeifen. Dazu Bilder der friedlichen Revolution, die Berliner Mauer bricht auseinander, Menschen liegen sich in den Armen. Die Szenen, die im Musikvideo zu „Wind of Change“ gezeigt werden, sind historisch und doch passend. Kein anderes Lied ist auf der ganzen Welt enger mit der Wiedervereinigung Deutschlands, der friedlichen Revolution und der Perestroika verbunden. Die Welt hörte auf, in Ost und West unterteilt zu sein - untermalt von Gitarrenriffs und der Stimme Klaus Meines: „Die Zukunft liegt in der Luft, ich kann sie spüren überall. Sie kommt mit dem Wind der Veränderung.“ Eine Zeile passend zum Lebensgefühl. Und Musik verbindet, das ist klar.

Klaus Meine sagt, die Idee für „Wind of Change“ sei ihm gekommen, als er in einer Sommernacht im Gorki-Park in Moskau gesessen und auf die Moskwa geblickt habe. Das war 1989. 1991 wurde die Single veröffentlicht, und der Rest ist Geschichte. Oder ist das nicht die ganze Wahrheit? Zugegeben, wie hoch sind die Chancen, einen solchen Hit zu schreiben, der es schafft, das Lebensgefühl eines ganzen Kontinents in drei Minuten Musik zusammenzufassen. War „Wind of Change“ wirklich ein Zufallstreffer - oder doch Teil eines ausgeklügelten Plans?

Denn dass der Eiserne Vorhang so sanft fallen würde, war nicht selbstverständlich. Könnte es da nicht sein, dass die USA irgendetwas geplant hatten, um die Menschen friedlich auf das neue Zeitalter einzustimmen, sie – nun ja – ein bisschen zu manipulieren? Der Idee, die USA könnten sich die Popkultur zu eigen gemacht haben, geht der US-amerikanische Journalist Patrick Radden Keefe im Podcast „Wind of Change“ nach. Die Kurzfassung der Geschichte: Der Song „Wind of Change“ wurde gar nicht von den Scorpions komponiert, sondern von der CIA. Fertig ist der Plot.

Doch auch wenn die Geschichte wie ein Hirngespinst klingt: Patrick Radden Keefe, der Kopf hinter dem Podcast, ist kein Spinner, sondern ein renommierter Investigativjournalist, der für den „New Yorker“ und das „New York Times Magazine“ schreibt. Für sein Non-Fiction-Buch „Say Nothing“ wurde er mit dem wichtigen „National Book Critics Award“ ausgezeichnet. Was also ist dran an der Erzählung, dass „Wind of Change“ so etwas wie das Trojanische Pferd sei, das ein US-Geheimdienst nach Europa schickte?

Die Geschichte beginnt mit einem Informanten, einem CIA-Mitarbeiter, ein Freund von einem Freund, der von jemandem in der CIA die Geschichte gehört hat. Keefe kontaktiert als den besagten Mann, doch der hat plötzlich Angst, will nicht reden. Was dann folgt, sind Treffen Keefes mit weiteren Informanten, die plötzlich nicht mehr reden wollen, Männer in Trenchcoats, die nachts verschwinden und erst in der Morgendämmerung wieder auftauchen, und noch mehr Männer, die „G. I. Joe“-Aktionenfiguren sammeln und auf ominösen Blogs „Insiderwissen“ offenbaren. Und die CIA, die auf Anfrage die Geschichte weder bestätigen noch dementieren will.

„Wind of Change“ hat alles, was es für eine gute Geschichte braucht, und trotz der vielen Fragezeichen und Konjunktive zieht Keefe den Zuhörer irgendwie in seinen Bann. Denn neben der Jagd nach einer vertrauenswürdigen Quelle, die auch redet, füllt Keefe die Lücken mit Geschichten von US-Bands, die einst in der U.D.S.S.R. auftreten durften, und anderen historisch interessanten Anekdoten - und man erfährt, dass Amerikaner es seltsam finden, wenn Nicht-Muttersprachler auf Englisch singen.

Doch all die mitgeschnittenen Telefonate und Gespräche sind letztendlich Luftschlösser, „Spuren“, die ins Nichts führen. Und am Ende bleibt es die Geschichte einer Obsession. Denn Patrick Radden Keefe gibt selbst zu, dass er nicht aufhören kann zu suchen, nicht aufhören will. Die Suche führt ihn schließlich nach Hannover, in die Heimatstadt der Scorpions. In einem Hotel will er Klaus Meine treffen und ihn konfrontieren. „Wir hören Kies knirschen, als ein Auto ankommt“, stimmt Keefe auf Meines Ankunft ein. „Ein flotter kleiner Mercedes, metallisches Grau. Ein Mann steigt aus, er trägt eine Lederjacke, einen langen Schal, Sonnenbrille. Ich habe wahrscheinlich irgendwie geglaubt, dass sich Klaus Meine an einem ganz normalen Tag nicht wie Klaus Meine von den Scorpions anzieht.“ Wenige Minuten später steht besagter Klaus Meine dann also endlich vor Keefe. „Wir haben Gerüchte gehört, dass es da eine Verbindung gibt zwischen eurer Band und der CIA“, sagt Keefe. Pause. „Nein“, sagt Meine. „Noch nie gehört?“, kontert Keefe. „Nein“, antwortet Meine. Genau genommen gehe es um „Wind of Change“, versucht es Keefe weiter. „Wirklich?“, fragt Meine. „Gut, erzähle mir die Geschichte.“ Klaus Meine verneint weiter, aber er lacht. Beide lachen. Dann sagt Meine nachdenklich: „Allein die Tatsache, dass Menschen das glauben, zeigt, wie viel Macht in der Musik liegt, dass Musik offensichtlich eine Veränderung bewirken kann.“ Aber weder er selbst noch sonst jemand aus der Band habe je etwas mit der CIA zu tun gehabt.

Und Patrick Radden Keefe bleibt nachdenklich zurück. Er glaube Meine, sagt er. „Das Komische ist, je tiefer ich in die Geschichte eingetaucht bin, desto plausibler klang alles“. Am Ende ist da also wieder der Anfang. Keine Beweise, dass die Geschichte stimmt. Gleichzeitig nichts, dass sie widerlege, sagt Keefe. Aber das reicht nicht. Was bleibt, ist eine gute Geschichte, nicht mehr als das. „Das ist eine gute Idee für einen Film“, sagt Meine. Am Ende wurde es ein Podcast.

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