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Q-Anon-Verschwörungstheorie: Weltelite soll Kinder entführt haben

Serie „Humbug“ : Eine mächtige Elite hält Kinder gefangen und foltert sie

Absurder geht es kaum, denken die meisten, wenn sie das erste Mal von der Q-Anon-Bewegung hören. Doch die Zahl derer, die daran glauben, wird nach Ansicht von Experten größer, bekannte Anhänger sind Xavier Naidoo und Attila Hildmann. Fachleute halten die Bewegung für gefährlich und sprechen von einer Sekte.

Q-Anon nennen sich die Anhänger dieser noch sehr jungen Verschwörungstheorie und behaupten schier Unglaubliches: Sie sind von der Existenz einer mächtigen satanistischen Elite überzeugt, die Kinder in unterirdischen Gefängnissen einsperrt und foltert. Von den USA schwappte die Verschwörungstheorie zu uns nach Deutschland, hier wird sie von Prominenten wie dem deutschen Sänger Xavier Naidoo und dem rechtspopulistischen Youtuber Oliver Janich weiterverbreitet. Auch Rapper Sido soll an die abstrusen Geschichten glauben.

Was wird behauptet?

Bei Q-Anon geht es um eine angebliche Verschwörung, die die gesamte USA betreffen soll. Eine böse, pädophile Elite, bestehend aus Politikern der amerikanischen Partei der Demokraten, den Medien, Banken und ranghohen Persönlichkeiten jüdischen Glaubens, herrsche dabei im Verborgenen über das Land. Q-Anon bezeichnet diese Elite als „deep state“, den „tiefen Staat“. Dieser halte Kinder gefangen und foltere sie, zapfe ihnen ihr Blut ab und stelle daraus Verjüngungs-Elixiere mithilfe des daraus gewonnenen Stoffwechselprodukts Adrenochrom her. Auch Barack Obama und Hillary Clinton seien Teil der Verschwörung: Sie sollen einen illegalen Kinderhandel-Ring betreiben.
US-Präsident Donald Trump stellt in der Q-Anon-Welt den Messias dar, der als Auserwählter die bösen Mächte stoppen könne. Im Geheimen soll er schon Hunderte Kinder befreit haben. Er wird von den „Gläubigen“ als Held gefeiert und verehrt.

Die Theorie hat auch in Deutschland Anhänger gefunden. Dabei unterscheiden sich ihre Ziele von denen der „Gläubigen“ in den USA stark und widersprechen sich sogar: Sie hoffen vorwiegend auf eine Besetzung Deutschlands durch US-Truppen und eine Verhaftung von Bundeskanzlerin Angela Merkel. In den USA dagegen würde eher ein Rückzug der US-Truppen aus Europa, die Verhaftung Hillary Clintons und ein Bündnis Trumps mit Wladimir Putin ersehnt. Während die Retter der einen also die Gegner der anderen sind, gibt es eine Parallele: den Hass auf die Eliten.

Woher kommt der Humbug?

Die Theorie entstand im Oktober 2017 in einem US-Internetforum namens „4chan“, das oft auch von Rechtsextremen zu Propagandazwecken genutzt wird. Ein unbekannter Nutzer gab sich dort als hoher Regierungsbeamter aus, der über geheime Informationen über Politiker und Geheimdienste verfüge – er nennt sich Q. Dieser Buchstabe steht in den Vereinigten Staaten für die höchste Sicherheitsfreigabe. Mit dem Zusatz „Anon“ bezeichnen sich dabei die Anhänger der Theorie. „Anon“ ist die Abkürzung für „anonymous“, also namenlos. Auf „4chan“ beginnt der „Informant“, Botschaften zu versenden. Diese sind oft rätselhaft und enthalten Hinweise auf einen angeblichen Kampf Donald Trumps gegen die höchsten Kreise der Nation, die einen Staatsstreich planen.

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Mittlerweile nutzt Q die Plattform „4chan“ nicht mehr, sondern bedient sich bevorzugt sozialer Netzwerke wie Twitter, Facebook oder des Messenger-Dienstes Telegram. Auch in Deutschland hat die Theorie auf diese Weise einige Anhänger gewonnen. Durch die digitalen Medien gehen englische und deutsche Q-Anon-Botschaften – sogenannte Drops – längst fließend ineinander über. Für viele Anhänger macht es einen großen Reiz aus, dass niemand wisse, wer hinter den kryptischen Botschaften steckt.

Wie verbreitet ist der Humbug?

Die Corona-Krise hat viele Verschwörungstheorien befeuert, so auch die von Q-Anon. In den USA hat die Bewegung bereits seit 2017 viele Anhänger, die meisten von ihnen sind Republikaner und bekennende Trump-Fans. Wie viele es genau sind, wird nirgendwo erfasst. Auch in Deutschland gibt nach Einschätzung der Sekten-Info NRW, einer vom Familienministerium geförderten Beratungsstelle für Sekten-Aussteiger und Angehörige, die einen Menschen an eine Sekte verloren haben, immer mehr Menschen, die an eine satanistische, kindermordende Führungsmacht glauben. Auf Demonstrationen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie konnte man Anhänger der Theorie an einem aufgestickten, aufgemalten oder anders an der Kleidung kenntlich gemachten Q erkennen.

Viel verbreitet wird die Theorie auch in den sozialen Netzwerken, vor allem im Messenger-Dienst Telegram oder auf Facebook. Twitter gab vor Kurzem bekannt, Tausende Konten mit mit Verbindungen zu Q-Anon gelöscht zu haben. Und auch Prominente sorgen für einen erweiterten Bekanntheitsgrad: So wurde erst im April ein Video des Sängers Xavier Naidoo öffentlich, das dieser in einer Telegram-Gruppe geteilt hatte. In dem Clip spricht Naidoo aufgelöst und unter Tränen direkt in seine Laptop-Kamera: „So langsam hab ich das Puzzle zusammensetzen können. Denn das ist eine Industrie, eine Riesenindustrie, ja, die Kinder foltert und mordet.“ Er appelliert schließlich an die Zuschauer, im Internet nach dem Begriff „Adrenochrom“ zu suchen.

Auch der Koch Attila Hildmann teilte reichweitenstark in sozialen Netzwerken immer wieder Beiträge zu der kruden Theorie. Hildmann fiel im Zuge der Corona-Krise vermehrt durch die Verbreitung von Verschwörungstheorien und verharmlosenden Äußerungen zum Nationalsozialismus sowie eine antisemitische Haltung auf. Zuletzt hatte der Berliner Innensenat eine geplante Demonstration des Verschwörungstheoretikers verboten und dies mit Volksverhetzung und Corona-Verstößen begründet.

Was ist dran?

Für eine Haltbarkeit der Q-Anon-Verschwörungstheorie gibt es keinerlei Anhaltspunkte oder gar Beweise. Für gewöhnlich lassen sich die Anhänger von Verschwörungstheorien jedoch nur höchst selten mit Fakten überzeugen. Dabei liegen zwei Dinge klar auf der Hand: Das körpereigene Stoffwechselprodukt Adrenochrom, das in der Theorie eine wichtige Rolle spielt und sich angeblich nur aus dem Blut der gefangen gehaltenen Kinder gewinnen lässt, kann synthetisch hergestellt und im Internet rezeptfrei erworben werden.

Außerdem beruht Q-Anon auf dem Mythos der ‚Ritualmordlüge’, die aus dem Mittelalter stammt. Darin wird behauptet, dass Juden Kinder töten, um deren Blut zu trinken. Die Grundform der Lüge ist also nicht neu und wird seit jeher verbreitet, um Antisemitismus zu schüren.

Was sagen die Experten?

„Wir haben im Moment ein Klima, in dem viele Menschen anfälliger für krude Theorien sind als normalerweise“, sagt Alexa Waschkau. Die studierte Volkskundlerin ist Autorin und Podcasterin und beschäftigt sich hauptberuflich mit dem Thema Verschwörungstheorien. Ihr zufolge geht von der Q-Anon-Bewegung eine gewisse Gefahr aus. „Die Verschwörungstheorie hat sehr viel Potenzial zur Radikalisierung, man kann fast von einer sektenhaften, religiös geprägten Bewegung sprechen“, sagt sie. Dem stimmt auch Michael Blume, Religionswissenschaftler und Beauftragter gegen Antisemitismus des Landes Baden-Württemberg, zu: „Mitwirkende werden aggressiv aufgefordert, allen seriösen Medien als Teil der vermeintlichen Weltverschwörung zu misstrauen und sich nur noch innerhalb der digitalen Verschwörungsblase zu informieren.“ Er ordnet die Q-Anon-Bewegung im wachsenden Bereich des „libertären Antisemitismus“ ein. In der Wahrnehmung libertärer Antisemiten ist der Staat der Feind. Diese „neue“ Richtung des Antisemitismus beruft sich nicht auf klassisch rechtsextreme Muster, sondern auf vermeintlich freiheitliche Werte.

„Wir haben hier den Fall eines klassischen Verschwörungsmythos, bei dem die Anhänger sich die Körnchen an Wahrheit herauspicken, die für ihre Theorie sprechen“, sagt Waschkau. „Alles, was allerdings nicht damit konform geht, wird unter den Tisch gekehrt.“ Ein großes Problem dabei sei auch Donald Trump, der Q-Anon entweder nicht ernst oder billigend in Kauf nehme, dass er Gegenstand dieser Theorie ist, die ihn als Helden verehrt, so Waschkau. Seinem Verhalten nach ist wohl eher Letzteres zutreffend. „Indem Trump selbst bei Wahlkampfauftritten vom ‚deep state’ spricht, befeuert er die Verschwörungstheoretiker und bestätigt sie noch in ihren Annahmen“, sagt Waschkau. Sie erwartet, dass sich im laufenden Wahlkampf in den USA noch viel mehr Trump-Unterstützer als ohnehin schon der Theorie anschließen werden.

Wie viele Menschen in Deutschland dabei wirklich an die Theorie glauben oder sich nur aus Spaß an Diskussionen beteiligen, kann dabei beiden Experten zufolge niemand genau sagen. „Man kann daran aber, glaube ich, ganz gut sehen, dass das Angebot an bizarren Verschwörungsmythen und digitalen Sekten im Internet manchen Menschen einfach nicht guttut“, sagt Blume.