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Humbug: Werden wir durch die Bilderberg-Konferenzen von einer Welt-Elite regiert?

Neue Folge im „Humbug“-Podcast : Bilderberg – Werden wir von einer geheimen Welt-Elite regiert?

Um die Bilderberg-Konferenzen, bei denen einmal im Jahr einige der mächtigsten Menschen der Welt zusammenkommen, ranken sich viele Mythen. Verschwörungstheoretiker glauben, dass von dort aus das Schicksal der Welt gelenkt wird.

Bei der Bilderberg-Konferenz, benannt nach ihrem ersten Tagungsort, dem Hotel De Bilderberg in den Niederlanden, kommen seit 1954 jährlich führende Köpfe der westlichen Welt, vor allem aus Wirtschaft, Politik, Forschung und Medien, für einige Tage zu einem informellen Treffen hinter verschlossenen Türen zusammen. Darunter waren bereits viele führende Politiker wie Helmut Kohl, Angela Merkel und Ursula von der Leyen, US-Präsidenten wie Bill Clinton und Gerald Ford, mächtige Finanzfamilien wie die Rothschilds und Rockefellers sowie Wirtschaftsriesen wie Microsoft-Gründer Bill Gates, Google-Chef Eric Schmidt und Airbus-Chef Thomas Enders. Über den Inhalt der Gespräche herrscht höchste Diskretion, es gilt die sogenannte Chatham House Rule: Es darf nichts zitiert werden, Details dringen nicht nach außen.

Was wird behauptet?

Einige Menschen behaupten, von der Bilderberg-Konferenz aus werde das Schicksal der gesamten Welt gelenkt. Wie Marionettenspieler, die aus dem Verborgenen heraus die Fäden ziehen, sollen die „Bilderberger“ über die Welt herrschen, gemeinsame Absprachen treffen und Pläne schmieden. Ihr Ziel soll es sein, eine Art Weltdiktatur der Eliten zu errichten. Die wird in den Kreisen von Verschwörungstheoretikern häufig als „New World Order“ bezeichnet – eine neue Weltordnung. Von den „Bilderbergern“ sollen – so die Theorie – Wirtschaftskrisen, Kriege und der Ausgang von Wahlen beeinflusst worden sein, auch Morde schon in Auftrag gegeben worden sein. Teilnehmer und Ausrichter messen der Konferenz hingegen nach außen eine relativ geringe Bedeutung bei – sie sehen sie als Diskussionsforum, in dem sich die Teilnehmer frei und ohne Öffentlichkeit über wichtige Themen der Welt austauschen können.

Woher kommt der Humbug?

Im Gegensatz zu vielen anderen Verschwörungstheorien ist der Ursprung der Theorie rund um die Bilderberg-Konferenz naheliegend. Es ist unbestritten, dass die Konferenz existiert und dass dort Jahr für Jahr einige der wichtigsten Menschen der Welt zusammenkommen. Die Leitung der Konferenz übernimmt der Lenkungsausschuss, derzeit hat Henri de Castries inne, ehemaliger Chef des Versicherungskonzerns Axa. Der Ausschuss bestimmt auch über die Teilnehmer. Fast genauso alt wie die Konferenzen sind auch die Theorien, die sie umgeben. Das liegt vor allem daran, dass jahrzehntelang so gut wie nichts über sie bekannt war. Auch in den Medien, die immer wieder mit wichtigen Vertretern teilnahmen, spielen die Konferenzen keine große Rolle. Diese große Intransparenz und die hochkarätigen Teilnehmerlisten sind der Ursprung der Theorien.

Wie verbreitet ist der Humbug?

Die Bilderberg-Verschwörungstheorie ist eine der bekanntesten überhaupt. Zahlreiche Bücher und Filme sind über sie bereits erschienen, viele Wissenschaftler, vor allem Soziologen und Historiker, haben über viele Jahre zu den „Bilderbergern“ und der Frage geforscht, ob es sich bei ihnen um eine geheime Weltregierung handelt.

Was ist dran?

Dass sich um die Bilderberg-Konferenzen viele Mythen und Theorien ranken, ist durchaus verständlich. Treffen hinter verschlossenen Türen, an denen jährlich einige der mächtigsten Menschen des Planeten teilnehmen und über deren Ergebnisse nichts an die Außenwelt gelangt? Das ist der Stoff für Verschwörungstheorien. Und tatsächlich: Über das, was auf den Bilderberg-Konferenzen besprochen wird, ist bis heute wenig bekannt. Diese Verschwiegenheit ermöglicht es Verschwörungstheoretikern wie Andreas von Rétyi oder Des Griffin, die Bücher über das Thema geschrieben haben, Behauptungen aufzustellen.

Was sagen die Experten?

Björn Wendt ist Soziologe und Politikwissenschaftler an der Universität Münster, wo er schwerpunktmäßig an Eliten und Machtforschung forscht. Er sieht das jährliche Treffen der Eliten durchaus kritisch, glaubt aber nicht an eine Verschwörung: „Wenn man mich fragt, ob die Bilderberg-Konferenz eine Art Weltregierung oder ob sie nur ein unbedeutendes Diskussionsforum ist, würde ich ganz klar sagen: Das ist beides Humbug, und die Wahrheit liegt irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.“ Dass dort Komplotte geschmiedet und Entscheidungen getroffen werden, schließt er aus: „Ich würde die Konferenz als eine Art vorpolitischen Raum sehen. Dort wird sicherlich auch darüber diskutiert, wie die westlichen Eliten gemeinsam auf Probleme reagieren können. Es gibt aber keine Beschlüsse und Entscheidungen.“

 Björn Wendt ist Sozialwissenschaftler an der Universität Münster mit dem Schwerpunkt Elitenforschung.
Björn Wendt ist Sozialwissenschaftler an der Universität Münster mit dem Schwerpunkt Elitenforschung. Foto: Björn Wendt

Ähnlich sieht es Michael Hartmann, als emeritierter Professor für Elite- und Organisationssoziologie an der TU Darmstadt einer der führenden Elitenforscher Deutschlands. Als völligen Humbug will er die Geschichten rund um die Bilderberg-Konferenz nicht abtun: „Die Theorie hat einen realen Kern, das ist nicht zu vergleichen mit absurden Verschwörungstheorien wie zum Beispiel Chemtrails.“ Dennoch ordnet er die Konferenzen anders ein. „Entschieden wird dort gar nichts. Es wird diskutiert, wenn überhaupt, dann werden dort Entscheidungen vorbereitet. Es geht bei solchen Zusammenkünften eher darum, dass man offen miteinander sprechen kann“, glaubt er. „Man bekommt ein Gefühl dafür, wie bestimme Menschen und Gruppen über wichtige Themen in der Welt denken, ein Gespür dafür, wie die wirtschaftliche und politische Lage in einem Land ist, wie die Stimmung in einem Kabinett ist.“

 Michael Hartmann ist emeritierter Professor für Soziologie an der TU Darmstadt mit dem Schwerpunkt Elitenforschung.
Michael Hartmann ist emeritierter Professor für Soziologie an der TU Darmstadt mit dem Schwerpunkt Elitenforschung. Foto: Sven Ehlers

Zwei Faktoren sprechen für ihn klar dagegen, dass die „Bilderberger“ eine geheime Elitenregierung sind. Zum einen, dass fast ausschließlich Teilnehmer aus der westlichen Welt, also Europa und Nordamerika, vertreten sind. „Wenn man von einer Weltelite sprechen würde, dann müssten auch viel mehr Teilnehmer aus Asien, Afrika oder Südamerika dabei sein“, sagt Hartmann. Vor allem aber: „Die große Mehrzahl der Menschen ist nur ein- oder zweimal dabei. Das spricht klar dagegen, dass dort irgendeine Form von Weltregierung herrscht. Unter den regelmäßigen Teilnehmern sind vor allem viele ehemals Mächtige, die mit der Macht heute nicht mehr viel zu tun haben. Angela Merkel zum Beispiel war dagegen nur einmal da, 2005 noch vor ihrer Kanzlerschaft.“ Die fehlende Kontinuität sei ein entscheidender Faktor: „Für eine globale Elite ist aus meiner Sicht so etwas wie ein gemeinsames Leben erforderlich, eine geteilte Kultur. So etwas entsteht nicht, wenn man sich einmal im Jahr bei einer Konferenz trifft.“

Soziologe Björn Wendt hat da eine andere Meinung: „Es gibt keine Weltregierung, aber Machtstrukturen spielen bei diesen Treffen eine große Rolle. Diese Dimension wird oft deutlich unterschätzt, wenn über die Bilderberg-Treffen geschrieben wird.“ Er glaubt, dass es den Konferenzen nicht gerecht wird, wenn sie als lediglich als informelle Zusammenkünfte von ehemals Mächtigen gewertet werden. Wenn dort Multimilliardäre und internationale Spitzenpolitiker zusammenkommen, „dann sind das natürlich extrem einflussreiche Menschen. Es waren immer die Bosse der großen Konzerne dabei, sei es aus Erdöl-, Auto-, Flugzeug- oder Finanzindustrie. Das ist die große Geldmacht.“

„Harmlos“ sind die Konferenzen für Wendt daher keinesfalls, aber aus einem anderen Grund als von den Verschwörungstheoretikern behauptet: „Wenn sich einige der wichtigsten Menschen der westlichen Welt für drei, vier Tage in einem Hotel einschließen, dann entsteht zwangsläufig eine große Nähe. Dort wird deutlich, wie Macht strukturiert ist. Man sieht, welche Nähe zwischen Politik und Wirtschaft herrscht, und das finde ich durchaus problematisch.“ Zumal sich die Treffen völlig außerhalb der Öffentlichkeit abspielten: „Es ist ein sehr privilegierter Zugang, den normale Bürger nicht haben. Dass niemals öffentlich darüber gesprochen wird, wer bei dieser Konferenz genau was gesagt hat, ist auch problematisch. Es gibt keine demokratische Kontrollinstanz dafür. Im Endeffekt ist es eine Privatisierung von öffentlichen Angelegenheiten.“

An eine Verschwörung glaubt Wendt trotzdem nicht. Jeder Staat habe schließlich eigene Interessen, „und es gibt auf internationaler Ebene deutlich weniger Konsens, als man vielleicht meinen könnte. Das sieht man ja auch bei EU-Gipfeltreffen.“ Dass es die Theorien nach wie vor gibt, wirft er auch den Medien vor: „Es haben ja auch regelmäßig Journalisten teilgenommen. Ich halte es für ein großes Versäumnis der Wissenschaft und der Medien, dass so wenig über dieses Thema geschrieben und geforscht wird. Es gibt bis heute keine investigative und seriöse Dokumentation über die Bilderberg-Konferenzen.“ Diese Nicht-Thematisierung sei „ein guter Nährboden für Verschwörungstheoretiker“. Denn: „Viele von ihnen betreiben einen großen Rechercheaufwand um die Konferenzen, machen Fotos und filmen. Die haben ja fast die Deutungshoheit, wenn sonst niemand darüber spricht.“ Medien begleiten das Treffen dabei durchaus, etwa die „Washington Post“, der „Spiegel“ oder der „Deutschlandfunk“. Sie alle stehen aber vor dem gleichen Problem: Rein kommt ins Tagungshotel niemand.

(Dieser Text ist das erste Mal am 06.12.2020 erschienen, wir haben das Thema aber nun in unseren Podcasts nochmal aufgegriffen.)