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Serie Humbug: Hat es rund 300 Jahre im Mittellater nicht gegeben?

„Humbug“ : Leben wir in Wirklichkeit im Jahr 1724?

Unsere Zeitrechnung ist falsch. Das glauben zumindest manche Verschwörungstheoretiker. Denn fast 300 Jahre im frühen Mittelalter hat es ihrer Ansicht nach nie gegeben. Ein deutscher Kaiser und ein Papst sollen die Zeitspanne erfunden haben, um selbst im Jahr 1000 leben zu können.

Was wird behauptet?

Es klingt wie der Plot zu einem Buch von Dan Brown (unter anderem Autor von „Da Vinci Code“): Fast 300 Jahre aus dem Mittelalter hat es nie gegeben. Karl den Großen als mächtiger Herrscher, die Plünderzüge der Wikinger durch Europa, zahlreiche Könige, Päpste und Kriege – alles ausgedacht. Einige Leute sind zumindest dieser Überzeugung und Anhänger der Theorie des „Erfundenen Mittelalters“.

Für sie folgte auf das Jahr 614 direkt das Jahr 911. Damalige Herrscher in Europa hätten einfach 297 Jahre übersprungen, um im Jahr 1000 leben zu können. Unsere Zeitrechnung sei somit falsch. Wir würden nach dieser Behauptung tatsächlich erst im Jahr 1724 leben.

Woher kommt der Humbug?

Die Theorie geht auf den Germanisten Heribert Illig zurück. Anfang der 1990er-Jahre verbreitete er seine Ansichten erstmals öffentlich, später brachte er ein Buch mit dem Titel „Das erfundene Mittelalter" heraus. Er glaubte, einen Irrtum in der gregorianischen Kalenderreform von 1582 entdeckt zu haben.

Zum Hintergrund: Im 16. Jahrhundert gab es sowohl den Julianischen als auch den Gregorianischen Kalender, es sollte jedoch nur noch Letzterer gelten. Beide berechneten die Länge eines Jahres unterschiedlich – im Julianischen Kalender dauerte ein Jahr 365,25 Tage, im Gregorianischen Kalender 365,2425 Tage, was genauer ist. Über die Jahrhunderte summierte sich so eine Diskrepanz von zehn Tagen zwischen den beiden Kalendern. Aus diesem Grund kam es zur Reform. Nach der Anpassung folgte im Gregorianischen Kalender daher auf den 4. Oktober direkt der 15. Oktober.

Der Germanist Illig kam jedoch auf ein anderes Ergebnis: Seiner Rechnung nach hätten 13 statt zehn Tage hinzugezählt werden müssen. Diese drei Tage mehr bedeuteten, zurückgerechnet in der Kalenderanpassung, rund drei Jahrhunderte. Illigs Schlussfolgerung: Da diese Jahrhunderte bei der Reform nicht berücksichtigt wurden, kann es sie auch nie gegeben haben – die Zeitrechnung sei somit schon viel früher manipuliert worden. Die übersprungenen drei Jahrhunderte ordnete Illig in seiner Theorie zwischen den Jahren 614 und 911 ein.

Er untermauerte das mit fehlenden archäologischen Funden aus jener Zeit sowie angeblichen Urkundenfälschungen. Den Ursprung der Geschichtstäuschung vermutete er um das Jahr 990 (in seiner Zeitrechnung 690). Damals verfolgten der römisch-deutsche Kaiser Otto III. sowie Papst Silvester II. nach Ansicht von Illig die Idee, unbedingt die Jahrtausendwende erleben zu wollen – denn für diese wurde die Wiederkehr des Messias erwartet.

Wie verbreitet ist die Theorie?

Heribert Illigs These war absurd und abenteuerlich genug, um entsprechend Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Buch wurde zum Bestseller und verkaufte sich über 100.000 Mal. Im Kreis der Historiker entwickelte sich Illig zur Reizfigur, dessen Ansichten zunächst diskutiert, irgendwann jedoch nur noch ignoriert wurden. Seine Anhänger fand er trotzdem.

Fortan versorgte er sie mit weiteren Büchern zu dem Thema – unter anderem mit dem Werk „Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Geschichte erfunden wurden“. Außerdem diente die Zeitschrift „Zeitensprünge“, deren Herausgeber Illig selbst ist, als Plattform für seine Ansichten.

Was ist dran?

Es gibt deutlich mehr archäologische Funde aus dem mittleren und späten Mittelalter als aus dem frühen Mittelalter. Ungereimtheiten in der Geschichte des Mittelalters treten dazu häufiger auf. Auch Urkundenfälschungen gab es damals schon. Und ob sich alles wirklich genauso zugetragen hat, wie es die Quellen aus jener Zeit behaupten, ist fraglich.

Was sagt der Experte?

Ralf Grabuschnig beschäftigt sich als Podcaster und als Buchautor mit geschichtlichen Verschwörungstheorien. Für den Historiker ist die Theorie schnell entkräftet – es brauche dafür nur einen genauen Blick auf die Kalenderreform 1582, die ja das Ursprungsargument von Illig ist. „Seine Berechnung ergibt sogar Sinn. Nur geht er von einem falschen Startpunkt aus“, sagt Grabuschnig. Illigs Rechnung setzte mit dem Beginn des Julianischen Kalenders ein, also im Jahr 46 vor Christus. Die Reform bezieht sich aber auf das Jahr 325 nach Christus als Ausgangspunkt, da es im Jahr 325 bereits eine Kalenderkorrektur gab. „Das hat Illig übersehen“, sagt Grabuschnig und fügt an: „Er dachte vielleicht, er sei da etwas Großem auf der Spur. Problematisch wird es ab dem Zeitpunkt, wo klar war, dass er sich geirrt hat. Und ab da hat er sich immer weiter eingegraben und alle angegriffen, die ihn infrage gestellt haben.“

 Der Historiker Ralf Grabuschnig hat sich mit der Theorie von Illig befasst.
Der Historiker Ralf Grabuschnig hat sich mit der Theorie von Illig befasst. Foto: Photo Bones

Denn Beweise für die Existenz dieser 297 Jahre gibt es laut Grabuschnig genug. Der Experte verweist auf diverse archäologische Funde, Schriften, die sich unabhängig voneinander auf diese Zeit beziehen, sowie anerkannte wissenschaftliche Ansätze wie die Radiokohlenstoffdatierung (C14-Methode), mit der Archäologen das Alter von Funden bestimmen können.

„Illig hat schnell keine neuen Argumente mehr vorgelegt, sondern sich nur noch verteidigt, wieso dieser oder jener Gegenbeweis nicht zutreffe. Viele Quellen hat er dazu einfach ignoriert. Abseits seiner Fanszene, die er tatsächlich hat, nimmt ihn keiner mehr ernst“, sagt Ralf Grabuschnig. Der deutsche Mittelalterhistoriker Michael Borgolte nennt die These von Illig „methodisch verfehlt und wissenschaftlich problematisch“.

Gerd Althoff, ebenfalls als Historiker auf das Mittelalter spezialisiert, kritisiert: „Es ist müßig, darüber nachzudenken, was eigentlich unmöglicher ist: das Niveau der Kultur zu fälschen, Fälschungen in solcher Größenordnung zu produzieren oder die innere Stimmigkeit der Fälschungen herzustellen. Nicht zufällig verbieten sich Komparativ oder Superlativ von unmöglich schon rein sprachlich. Alle drei Dinge aber sind mit Sicherheit unmöglich.“

Auch andere wissenschaftliche Disziplinen zeigen auf, dass Illigs These den Überprüfungen nicht standhält. In der „Welt“ führt der Astronom Dieter B. Herrmann an, dass es durch „den Abgleich historischer Berichte über Sonnenfinsternisse und den verschiedenen Chronologien“ die drei Jahrhunderte gegeben haben muss.

Abschließend stellt sich für Ralf Grabuschnig die Frage der Logik: „Die Herrscher damals in Europa waren schon gut vernetzt. Aber eine weltweite Absprache, um diese fast 300 Jahre zu überspringen? China hatte damals schon eine hochentwickelte Zivilisation, auch den islamischen Kalender gab es bereits. Das hätte damals ja auch alles angepasst werden müssen“, sagt Grabuschnig. Auch für ihn ist eine solche Geschichtsfälschung ausgeschlossen.