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11/9 - Verschwörung: Warum das World Trade Center nicht gesprengt wurde

„Humbug“ am 11. September : Warum das World Trade Center nicht gesprengt wurde

19 Jahre ist es her, dass Terroristen zwei Flugzeuge in das World Trade Center steuerten. Seitdem geistern alternative Erklärungen über den 11. September durchs Netz. Zum Jahrestag knöpfen wir uns die Mutter der modernen Verschwörungstheorien vor. Was ist dran? Und was kompletter Humbug?

Tausende Todesopfer, Kriegserklärung, Schockzustand: Die Terroranschläge des islamistischen Netzwerkes Al Kaida am 11. September 2001 erschütterten die Welt. Die Folgen sind heute noch spürbar: Die Behauptung, die Zwillingstürme seien gesprengt worden, hat immer noch Anhänger. Ob da wirklich was dran ist oder ob es sich um eine Verschwörungstheorie handelt, erklärt Kernphysiker Holm Gero Hümmler.

Was wird behauptet?

Die Zwillingstürme hätten nach Flugzeugeinschlägen nicht so einstürzen dürfen, wie sie es taten. Und das Nachbargebäude World Trade Center 7, in das kein Flugzeug geflogen war, hätte gar nicht erst einstürzen dürfen. Deswegen gehen viele davon aus, dass nicht die Al Kaida, sondern die US-Regierung das Word Trade Center mit einer Rakete gesprengt hat. Das glauben zumindest die Vertreter der MIHOP-Theorie (englisch: „made it happen on purpose“). Es gibt aber noch eine andere Variante: LIHOP-Vertreter (englisch: „let it happen on purpose“) unterstellen der US-Regierung, die Pläne von Al Kaida gekannt und die Anschläge absichtlich geschehen haben zu lassen. Einig sind sie sich zwar nicht, trotzdem bauen beide Seiten ihre These auf der berühmten Frage des Cui bono?, ein Zitat des römischen Philosophen Cicero, wörtlich übersetzt: „Wem zum Vorteil?“ Also wem die Anschläge nützten, der müsse sie verursacht haben.

Woher kommt der Humbug?

Die ersten Spekulationen entstanden noch am selben Tag. Am 11. September veröffentlichten David Rostcheck und der umstrittene Radiomoderator Alex Jones unabhängig voneinander Theorien über den Einsturz des World Trade Centers im Internet. Rostcheck behauptete, es sei eine kontrollierte Sprengung gewesen, Jones vermutete die US-Regierung dahinter. In den darauffolgenden Monaten erschienen im Netz immer wieder Einzelartikel, die von vielen gelesen und verbreitet wurden. So zum Beispiel der im Oktober 2001 erschienene Text „Die Muslime setzen die Gesetze der Physik außer Kraft“ von Jim McMichael, der die gängigsten Theorien um 9/11 verfestigte. Ein Jahr später gab es erste Bücher und Dokumentationen zu dem Thema.

Wie verbreitet ist der Humbug?

So verbreitet, dass eine eigene Bewegung entstanden ist. Das „9/11 Truth Movement“, oder die „Wahrheitsbewegung zum 11. September“ hat Anhänger auf der ganzen Welt. Die genaue Zahl der „Truther“ ist zwar unbekannt, wenige sind es allerdings nicht. In den USA organisieren sie sich als dezentrale Bürgerbewegung, 2002 fanden erste Demonstrationen und Kundgebungen statt. Auch in Deutschland gab es immer mehr Anhänger. Autoren wie der „taz“-Redakteur Mathias Bröckers, SPD-Politiker Andreas von Bülow und Dokumentarfilmer und Grimme-Preisträger Gerhard Wisnewski, die in ihren Publikationen behaupteten, alternative Erklärungen zu den Terroranschlägen auf das World Trade Center gefunden zu haben, wurden hierzulande Wortführer der Truther-Bewegung. Interessant ist auch, dass wohl keine andere moderne Verschwörungstheorie so viele prominente Anhänger hat: Xavier Naidoo war damals schon Feuer und Flamme, Schauspieler Charlie Sheen appellierte 2009 öffentlich an Barack Obama, den Fall 9/11 noch einmal untersuchen zu lassen. Auch heute, 19 Jahre nach dem Anschlag, ist die Bewegung noch aktiv. In diesem Jahr erschien die Studie „Eine strukturelle Neubewertung des Einsturzes von World Trade Center 7“ der Non-Profit-Organisation Architects and Engineers for 9/11 Truth, deren rund 1700 Mitglieder von einer kontrollierten Sprengung der Türme ausgehen und den US-Kongress dazu auffordern, die These zu untersuchen. Zwei Doktoranden und ein Bauingenieur sehen vor allem in dem Einsturz des kleineren Wolkenkratzers, der neben den zwei großen Türmen stand großen Türmen stand, einen Beweis, der gegen einen Anschlag spricht. Sie bezweifeln, dass der Turm durch Brände eingestürzt ist.

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Was ist dran?

Hausmeister William Rodriguez befand sich während der Anschläge im Nordturm des World Trade Centers. Er überlebte und sagte als einer der etwa 1200 Zeugen aus, die die 9/11-Komission befragte. In den Zeugenaussagen äußerte er sich nicht zu Explosionsgeräuschen. Nach Erscheinen des Kommissionsberichts im Jahre 2004 behauptete er allerdings, dass es eine Explosion in tieferen Kellergeschossen gegeben habe, bevor das erste Flugzeug den Turm traf. Auch behauptete er, die Kommission habe seine Aussage unterdrückt. Seine Strafanzeige gegen 159 Mitglieder der US-Regierung wurde allerdings abgewiesen, da er sich zu seinen widersprüchlichen Angaben nicht äußern wollte. Trotzdem gilt er in der Truther-Bewegung als einer der Beweisgeber für eine kontrollierte Sprengung. Auch andere Augenzeugen berichteten von Explosionen, die sie vor dem Einsturz der Türme gesehen haben wollen.

 Holm Gero Hümmler studierte Physik und Meteorologie an der Universität Frankfurt und arbeitet heute als Kernphysiker und Autor. Er ist Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und lebt in Bad Homburg.
Holm Gero Hümmler studierte Physik und Meteorologie an der Universität Frankfurt und arbeitet heute als Kernphysiker und Autor. Er ist Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und lebt in Bad Homburg. Foto: Dennis Merbach

Was sagen die Experten?

Dass die Verschwörungstheorie um die Zwillingstürme so viele Anhänger gefunden hat, überrascht Kernphysiker Holm Gero Hümmler nicht. „Das hatte auch viel mit einer Antihaltung zum damaligen US-Präsident Bush zu tun. Im Kontrast dazu steht die aktuelle QAnon-Bewegung, deren Anhänger Donald Trump verehren“, sagt er. Seit 20 Jahren beschäftigt sich Hümmler mit pseudowissenschaftlichen Behauptungen und Verschwörungsmythen, auch die Theorien zu 9/11 erforschte er aus naturwissenschaftlich-technischer Sicht und ging vor allem den Kernaussagen der Truther auf den Grund. Die Mitglieder der Bewegung gehen davon aus, dass die Türme nach den Flugzeugeinschlägen nicht senkrecht hätten einstürzen dürfen, sondern zur Seite hätten kippen müssten. „Ein Wolkenkratzer dieser extremen Höhe und mit der Gewichtskraft kann ab einem gewissen Neigungswinkel aber gar nicht anders, als senkrecht einzustürzen“, sagt Hümmler. Jeder der beiden Türme hatte ein Gewicht von 450.000 Tonnen. Was mit einer solchen Konstruktion passiere, könne man in den Videos genau beobachten: „Die etwa 30 Stockwerke oberhalb der Einschlagstelle beginnen, in Richtung der größten Beschädigung zu kippen - bei einer Neigung von 30 Grad halten die schwachen Seitenkonstruktionen dem enormen Gewicht aber nicht stand, sodass der kippende Gebäudeteil kollabiert. Ab dem Moment stürzen 100.000 Tonnen Stahl in die Tiefe und nehmen alles mit, was ihnen im Weg steht“, sagt der Physiker.

Auch dass tragende Teile des Gebäudes durch die Hitze der Brände aufgeweicht und deswegen eingestürzt waren, halten Truther für unwahrscheinlich. Flugzeugkerosin brenne nicht heiß genug, um Stahl zu schmelzen, sagen sie. „Auf den ersten Blick scheint das plausibel“, sagt Hümmler. Tatsächlich liege der Schmelzpunkt von Baustahl bei circa 1500 Grad Celsius, im World Trade Center sei maximal eine Temperatur von 700 Grad erreicht worden. „Die Stahlträger sind ja auch nicht geschmolzen. Sie haben sich aber so stark verformt, dass sie eingeknickt sind“, sagt er. Die Belastbarkeit von Baustahl beginne schon ab 400 Grad abzunehmen, bei 600 Grad liege sie nur noch bei der Hälfte des ursprünglichen Wertes. Genau das sei auch im World Trade Center 7 passiert. Dass das Gebäude in der Art und Weise einstürzte, findet Hümmler nicht überraschend: „Bis das Gebäude einstürzte, hat es in mehreren Stockwerken schon mindestens fünf Stunden gebrannt, Fotos und Videos zeigen, dass hauptsächlich die unteren betroffen waren“, sagt er. Deswegen habe der Einsturz auch im unteren Teil des Gebäudes begonnen und nicht wie bei den Türmen im oberen. Die reduzierte Tragkraft des Stahls sei aber laut Hümmler nicht entscheidend für den Einsturz gewesen: Das National Institute of Standards and Technology stellte im November 2008 die Wärmeausdehnung vertikaler und horizontaler Stahlträger als Hauptursache des Gebäudeeinsturzes fest. Durch die Hitze der Brände seien horizontale Deckenträger aus ihren Halterungen gebrochen, so dass drei zentrale Stützpfeiler seitwärts einknicken konnten. „Der Einsturz verlief exakt so, wie es bei dieser Ursache zu erwarten gewesen wäre“, sagt der Experte.