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Bauer sucht Frau International 2022 - "Meine Gefühle sind auf dem Weg nach oben"

„Bauer sucht Frau International“ bei RTL : „Meine Gefühle sind auf dem Weg nach oben“

Die neue RTL-Staffel von „Bauer sucht Frau International“ mutet den Hofdamen beschwerliche Anreisen zu. Und manchmal ist nicht nur der Kühlschrank leer. Achtung: Spoiler!

Die RTL-Serie „Bauer sucht Frau International“ ist die Königsdisziplin der Kuppelshows. Was bei „Bachelor“ oder „Temptation Island“ pompöse Riesenvillen mit Pool, Strände, Palmen und paradiesische Fleckchen sind, das sind bei den Bauern und ihren RTL-Hofwochen der Güllewagen, die Resopalküche, die Pferdeäpfel und eine aufs Wesentliche ausgemistete Ausdrucksweise. Bei der „International“-Ausgabe kommt nun der Aspekt der maximalen Beschwerlichkeit hinzu, die Damen reisen eben nicht Richtung Bodensee, Siegerland oder Nordsee, sondern nach Kapstadt, Ottawa oder Lima. Statt Kleinstadt Dschungel. Statt Bienenzucht Moskitos.

Apropos Peru: Immer bleiben sie im Reich der Inka, und zwar der Inka Bause, der fidelsten und obersten Kupplerin der Nation, die das bäuerliche Glück zu zweit und die Förderung der Fruchtbarkeit und Nachkommenschaft im Angesicht des Karnickelstalls zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hat. Manche Bauern sind natürlich fortgeschrittenen Alters und haben mit der Zeit auch die Aufmerksamkeit gegenüber Damen verlernt, etwa Kaffeebauer Félix aus Peru, dem nicht nur das warme Wasser, sondern auch sämtliche Bestände im Kühlschrank ausgegangen sind. Ein Fauxpas erster Güte angesichts zweier Damen, die tropische Schwüle und Regenwald nicht gewöhnt sind und Bedürfnisse an Hygiene und Erfrischung haben.

Anderswo sind die Bauern jünger und sehnen sich ungeniert nach Erweiterung der Großfamilie, vor allem Justin aus dem Elsass, eines der kernigsten Exemplare aller RTL-Staffeln, ein Rohdiamant der Herzlichkeit, auf den die Hofdamen Stefanie und Maureen alle Hoffnungen richteten. Dabei gab es unterschiedliche Grade von Zudringlichkeit: Stefanie, sonnig und unaufgeregt, ließ alles auf sich zukommen. Maureen, von eher patzigem Wesen, wäre am liebsten sofort eingezogen und hätte den armen Bauern unter Kuratel gestellt.

Warum wir das gucken? Weil hier die Natur dem Leben in herrlicher Fülle assistiert. Bäume, Felder, Wiesen, Tiere, Seen und Bäche in fernen Ländern sind die Landschaftstapeten für den Einklang mit Natur und Kreatur, und unweigerlich muss man an Heinrich Heine denken, den ein befreundeter Chefarzt klug rezitiert, der ebenfalls keine Folge von „Bauer sucht Frau“ verpasst. Heine dichtete: „Horchend stehn die stummen Wälder, jedes Blatt ein grünes Ohr! Und der Berg, wie träumend streckt er seinen Schattenarm hervor.“

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Doch leider hören die Blätter und findet der Arm des Bergs auch Betrübte, wie etwa Alexander, den schüchternen Unternehmensberater, der bei Rolinka in Südfrankreich schon gern zum Aussteiger würde, was aber angesichts seines Bäuchleins, das Rolinka leise missfällt, eher nicht klappen wird. Rolinka hat Alexander gleich am ersten Morgen versetzt und ist mit dem nassforschen, doch tatsächlich etwas kernigeren Frank zu einer Hundetour aufgebrochen. Ihr Blick, als Alexander ihr abends werbend eine Liebespizza buk, war in seiner Teilnahmslosigkeit demoralisierend. Sie möge bitteschön Frank nehmen und mit ihm auf Hundetouren und beim Holzhacken glücklich werden.

Bei den Bauern gibt es jenseits der „Bachelor“-Serie (mit High-Heels, Bikinibräune, luxuriösen Einzeldates mit Meerblick und alkoholischen Kaltgetränken) eine berückende Dimension der Echtheit. Diese Bauern sind ja wirklich Bauern, in ihrer ungeschnitzten Art zu reden und fühlen sind sie authentisch und geerdet, haben unseren Sympathiebonus und erfüllen die Sehnsucht vieler Menschen (vornehmlich weiblicher) nach dem großen „Bio" im Leben. Und wenn ein Bauer wie der Justin zu Stefanie sagt: „Meine Gefühle zu dir sind auf dem Weg nach oben“, dann kann man ein Haus auf diesen Satz bauen. Es ist, wie man so schön sagt, ein Satz mit Potenzial. Zumal wenn Justin der Stefanie dabei tief in die Augen schaut und einen Kuss hinterherschickt.

Nach solchen einfachen, archaischen, wackelfesten, unverrückbaren Sätzen sehnen sich viele in einer Welt, in der alles im Wandel, im Fluss und immer schrecklich kompliziert und vorläufig ist. Anders als im „Traumschiff“ mit seiner geborgten Fernreise-Kulinarik haben gerade die (internationalen) Bauern täglich mit den Wundern der Schöpfung zu tun, mit leckersten Früchten und ungewöhnlichen Tieren. Aber Kuschelzoo ist es auch bei ihnen eben nicht, sondern schweres Geschäft, das nicht nur in Hände, Arme und Nase geht. Einen Hof zu führen, bedeutet Verzicht, Demut, alles unter dem Gesetz der Jahreszeiten. Der Bauer von heute ist Biotechnologe, Veterinärmediziner, Betriebswirt, Werbefachmann, Feinkosthändler, Handwerker, er ist eines der letzten Universalgenies mit gigantischem Arbeitspensum. Und wenn Inka Bause, die Kameras und die Konkurrentinnen wieder weg sind, stellt sich die Frage aller Fragen: Was beeindruckt die verbliebene Hofdame auf den Höfen in Peru, Kanada oder Südafrika mehr – die Giraffen, die Mangroven, die Bananen, der Weinberg oder der Bauer?

In jedem Fall besteht Hoffnung, selbst wenn die Chemie aus unserer Sicht der empathischen TV-Zuschauer nicht zwingend stimmt. Wie sagte die 54-jährige, sehr offensiv geschminkte Nina zu ihrem kanadischen Bauern Hans, der auf vegetarische Kost umgeschwenkt ist: „Ein Mann, der gut zu Tieren ist, der ist auch gut zu Frauen.“ Da lachte der Hans. Und nickte.

Seriöse Fernsehsender bringen nach solch tendenziösen Bekundungen zum Ausgleich Werbung mit Leberwurst.