Mallorca-Tickets könnten knapp werden Tui-Chef Fritz Joussen rechnet mit sehr hoher Nachfrage im Sommer 2021

Düsseldorf · Für Europas größten Tourismuskonzern war 2020 verheerend. Doch für 2021 ist Tui-Chef Fritz Joussen optimistisch: Jede zweite Reise im Mai sei schon ausgebucht, Restriktionen würden im Sommer wegen der Impfungen fallen.

 TUI-Chef Fritz Joussen.

TUI-Chef Fritz Joussen.

Foto: dpa/Peter Steffen

Gleich dreifach ist für Tui-Chef Fritz Joussen das Reisejahr 2021 wichtig: Der Duisburger hofft, selbst wieder unkompliziert mit der Familie unterwegs sein zu können. Die Zukunft von Europas größtem Tourismuskonzern hängt von einer Erholung des zu mehr als 70 Prozent zusammengebrochenen Marktes zusammen. Und auch Joussens private Vermögenslage hängt vom Aufschwung der Buchungen ab. Der 57-jährige hat mehr als drei Millionen Euro in Tui-Aktien investiert. Ihren früheren Wert werden die Papiere nach dem Absturz von mehr als 50 Prozent nur erreichen, wenn die Branche die Kurve kriegt. „Vor der Krise war das Reisegeschäft eine überdurchschnittlich schnell wachsende Branche. Das wird sie auch danach wieder sein“, sagt Joussen. Nun soll erst einmal ein drittes Hilfspaket des Bundes das Überleben sichern

Joussen hofft bereits auf eine breite Erholung im Sommer. „Unser Programm für Mai ist bereits zu mehr als 50 Prozent ausgebucht“, sagt er unserer Redaktion. „Die Perspektiven für den Tourismus und für Tui sind gut. Wir sind jedes Jahr gewachsen, haben pro Jahr eine Milliarde in Hotels und Schiffe investiert, hatten 2019 weltweit 27 Millionen Kunden und Anfang des Jahres ein Buchungsplus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr.“ Einziger Grund für die Tui-Krise sei die Pandemie. „Der Markt, die Kunden sind da und Tui ist zukunftsfest, wenn man uns denn operieren lässt.“

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Das Unternehmen biete die meisten Reisen zu den gleichen Preisen wie 2020 und 2019 an, doch die Urlauber geben mehr für ihre Reisen aus. „Die Kunden buchen hochwertiger. Viele haben zusätzlichen Spielraum im Budget, wählen dann ein Fünf- statt Vier-Sterne-Hotel. Sie haben Guthaben für 2020 stornierte Reisen und Ersparnisse, weil sie wegen der Covid-Krise 2020 ganz auf eine Urlaubsreise verzichtet haben.“ Es gäbe einen hohen Nachholbedarf: „Alle unsere Marktforschungen zeigen, dass es eine enorme Sehnsucht der Menschen gibt, nach dieser schwierigen Corona-Zeit wieder schöne Reisen machen zu können. Das sehen wir auch bei der Auswertung der Suchen und Daten auf unseren Internetseiten.“

Es habe auch ein sehr hohes Interesse gegeben, nach dem ersten Lockdown mit Tui nach Mallorca, Griechenland, in die Türkei, nach Zypern und dann im Herbst/Winter auf die Kanaren zu reisen. „Einige Kunden haben nach der neuen Reisewarnung für die Kanaren ihren Weihnachtsaufenthalt vor Ort im Club verlängert. Viele fühlen sich da wohler und sicherer als in der Heimat.“ Die Inzidenzwerte würden niedriger als in Deutschland liegen, immer mehr Gäste würden in Tui-Hotels arbeiten. „In den Robinson-Clubs haben wir inzwischen Arbeitsbereiche für Kunden als temporäres Homeoffice eingerichtet“, so Joussen.

Im Januar und Februar rechnet der Tui-Chef wegen des Lockdowns noch mit Zurückhaltung der Kunden, doch danach mit einer breiten Erholung. „Wir erwarten dann einen schon weitgehend normalen Sommer. Wir werden aber nur rund 80 Prozent so viele Flugreisen anbieten wie in den Jahren vor der Corona-Krise, um eine optimale Auslastung zu erreichen. Wir wollen auf keinen Fall ein Überangebot im Markt haben. In den Ferien im Juli und August ist es wahrscheinlich, dass die Jets auf manchen Strecken im Mittelmeerraum schnell ausgebucht sind.“

Der Elektrotechniker rechnet zwar keineswegs damit, dass bis Ostern alle Europäer gimpft sind, aber alle ab 70 Jahren sowie Pfleger und Ärzte. „Wenn wir die besonders gefährdeten Gruppen vor einer Infektion geschützt haben, können die Einschränkungen insgesamt stark fallen. Heute wollen wir insbesondere diese Gruppen schützen und sicherstellen, dass unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht“, sagt Joussen. Doch wenn erst mal eine signifikante Zahl geimpft sei, sinke das durchschnittliche Sterblichkeitsrisiko deutlich. „Reiserestriktionen und erst recht ein kompletter Lockdown wären dann nicht mehr verhältnismäßig.“

Dabei macht er darauf aufmerksam, dass die Impfkampagnen soeben erst beginnen: „Es wird mehr Anbieter und mehr verfügbaren Impfstoff geben. Wir stehen am Anfang der Impfungen, aber es gibt jetzt Licht am Ende des Tunnels.“

Beim Hochfahren der Angebote setzt Tui vor allem auf Tests. Kreuzfahrten mit Sicherheitskonzept bietet der Konzern seit Spätsommer 2020 schon wieder an, aktuell zu Weihnachten und Neujahr von den Kanaren aus. Alle Gäste sind vorab getestet und fliegen zusammen in einem gecharterten Flugzeug. Ausflüge gibt es nur in kleinen Gruppen. Ein individuelles Landprogramm ist aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Jeden Tag wird an Bord Fieber gemessen. 2021 sollen wieder alle 16 Schiffe zum Einsatz kommen. „Als sichere und verlässliche Reiseform werden Kreuzfahrt und Pauschalreise gerade bei der Wiederaufnahme der Reisen eine wichtige Rolle spielen“, so Joussen. Wichtigste Ziele würden im Sommer wohl weiter Spanien, Griechenland, die Türkei, Zypern und Portugal sein.

Obwohl der frühere Deutschland-Chef von Vodafone ein Optimist ist, bleibt er aber realistisch: Erst 2022 sei damit zu rechnen, dass die Tourismusbranche sich wieder auf dem Niveau des Rekordjahres 2019 befinde. 2021 werde wegen eines schwachen ersten Halbjahres noch „ein Jahr des Überganges“. Er sei aber sicher, dass sich das Urlaubsgeschäft deutlich schneller erhole als das allgemeine Reisegeschäft inklusive Geschäftsterminen. „Videokonferenzen ersetzen weiterhin so manches Gespräch“, sagt Joussen. „Aber ein Urlaubserlebnis lässt sich nicht digital ersetzen.“

Der Neustart 2021 bedeutet auch eine Anpassung des Angebotes: So hat Tui dieses Jahr mit 2400 Häusern besonders viele Hotels im Inland in seinen Reservierungscomputer aufgenommen, weil viele Bürger wegen der Pandemie erst einmal nur mit dem Auto anreisen wollen. Außerdem bietet Tui ab 2021 eine voll flexible Rate, die ein kostenloses Umbuchen und Stornieren bis 14 Tage vor Abreise ermöglicht.

Das Mittelmeer bleibt im Sommer das wichtigste Reiseziel. Deutschland war schon vor Corona beliebt und die Ziele an Nord- und Ostsee und am Bodensee waren in der Hochsaison ausgebucht, die Saison ist aufgrund des Wetters kurz und das Preisniveau ist in den Schulferien verhältnismäßig hoch. „Urlaub sollte aber für viele Familien möglich und bezahlbar sein. Das Preis-Leistungs-Verhältnis und das stabile Wetter über das ganze Jahr machen das Mittelmeer sehr attraktiv“, sagte Joussen. Auch aus politischen Gründen wirbt er dafür, dass die Politik einen Neustart der Tourismusbranche in 2021 zulässt: „Für die Menschen in Deutschland waren die Reiserestriktionen bereits ein harter Einschnitt. Aber wir müssen sehen, dass der Stillstand des Reisegeschäftes für eine ganze Reihe von Ländern in Europa, in Afrika und in anderen Regionen Arbeitslosigkeit für Millionen Menschen brachte.“ Er ergänzt: „Wir lesen von Hunger in früher blühenden Tourismusregionen Europas wie Mallorca. Wenn wir also in 2021 wieder breit starten wollen, dann nicht nur für Millionen Kunden, sondern auch für Millionen Menschen, die in den Gastländern in Hotels, Gaststätten oder beim Organisieren von Ausflügen ihr Brot verdienen.“ Die Stabilität im südlichen Euroraum hänge entscheidend am Tourismus – wirtschaftlich, sozial und politisch.

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