Wer wird Millionär: Millionen-Gewinner Leon Windscheid tritt in Solingen auf

„Wer wird Millionär?“ : Was der Solinger Leon Windscheid nach seinem Millionen-Gewinn macht

Dr. Leon Windscheid wurde 2015 berühmt, als er in der RTL-Show „Wer wird Millionär“ abräumte. Seitdem hat der 30-jährige Solinger einen Bestseller geschrieben, eine Eventagentur gegründet und ist mit seinem ersten Bühnenprogramm auf Tour. Am Donnerstag tritt er in seiner Heimatstadt auf.

 Als er 2015 nach nervenzerfetzenden drei Drehtagen bei „Wer wird Millionär ?“ die letzte Frage von Moderator Günther Jauch (62) richtig beantwortete, kam ein Lametta-Regen vom Himmel. „Davon habe ich mir einen Streifen gesichert und ihn in einem kitschigen Rahmen, den ich auf dem Flohmarkt gekauft habe, in meine Wohnung gehängt“, erzählt Leon Windscheid, der damals wusste, dass der Zauberwürfel von Ernö Rubik aus 26 Steinchen besteht. Als Junge hatte er das Spielzeug zwar, „aber ich war zu meinem Glück nicht schlau genug, um ihn zu lösen. Also habe ich ihn auseinandergebaut und wieder zusammengefügt, um meinen kleinen Bruder zu ärgern.“

Geholfen hat ihm das bei Günther Jauch zwar nicht, „weil im Kopf nur Feuerwerk ist, wenn man da ist und ich in dem Moment auch nicht sicher hätte sagen können, wie meine Mutter heißt“, sagt er und lacht. Aber er wusste zumindest, um was es geht. Alles andere war Mathematik. Was ihn aber zusätzlich stresste, denn sein Vater Florian ist Mathelehrer: „Meine Eltern waren da. Und ich wusste, wenn ich bei so einer Mathefrage verkacke, dann brauche ich nicht mehr nach Hause zu kommen...“

Was auf dem heimischen Sofa wie ein „Durchmarsch“ zum Millionengewinn wirkte, hat sich Leon Windscheid tatsächlich hart erarbeitet. Drei Monate lang büffelte er im Sommer 2015 täglich zehn  Stunden lang Allgemeinbildung, bereitete sich akribisch vor. Seine Nervosität in der Show hat er mit Methoden der Psychologie bekämpft, daraus später einen Bestseller gemacht. Außerdem ließ er sich von Freunden mit Wissensfragen löchern – in Unterhose. Um zu üben, in einer peinlichen, ungewohnten Situation Fragen zu beantworten.

Diesen Moment wird Leon Windscheid nicht vergessen, als er im Dezember 2015 auch die letzte Frage von Günther Jauch bei „Wer wird Millionär“ richtig beantwortete. Foto: RTL. Foto: RTL

Wenn er am kommenden Donnerstag mit seinem Bühnenprogramm „Altes Hirn, neue Welt“ in seiner Heimatstadt Solingen auftritt, probt er vorher aber nicht halbnackt. „Das will ich dem großartigen Team in der Cobra nicht antun“, wehrt er ab. Von Heimspiel könne aber keine Rede sein. „Es mag leicht klingen, aber für mich ist es immer aufregend, wenn ich da auftrete, wo meine Eltern oder Freunde im Publikum sitzen.“ Zumal die Cobra für ihn auch eine besondere Location ist: „Als Kinder waren wir da im Kino, als Teenager zum Feiern und jedes Jahr Weihnachten kommen wir dort alle wieder zusammen.“

Ohnehin ist Solingen gespickt mit schönen Erinnerungen: „Ich habe dort Partys veranstaltet und eine Werbeagentur gegründet und Flyer für Pizzabuden, Fahrschulen und Nagelstudios gestaltet. Was Solingen für mich ausmacht ist die unglaublich bunte Gesellschaft, die aus vielen Hintergründen und aus unterschiedlichen Köpfen besteht. Ich ziehe den Hut vor dieser gelebten Vielfalt und dieser Selbstverständlichkeit, mit der die Solinger damit umgehen.“

Auch an die Schule denkt er gern zurück. Sein Abitur hat der 30-Jährige am Gymnasium Vogelsang gemacht. Notendurchschnitt: 1,0. Leistungsfächer: Französisch und Kunst. „Viele Freunde, die Mathe oder Biologie hatten, vergleichen mein Abi mit so einem Blümchenmalen-Tanzdingens“, gibt er gutgelaunt zu. „Aber ich war ein Jahr in Frankreich und konnte die Sprache. Das hat es leichter gemacht. Und man muss ja leider ein unglaublich gutes Abitur haben, um Psychologie studieren zu können.“

Was immer sein Ziel war. „Ich hatte früh das Bedürfnis, die Dinge und die Menschen verstehen zu wollen. Das Studium war ein Volltreffer. Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten der Menschen.“ Er ist froh, dass er seiner Intuition gefolgt sei.

Von seinem Gewinn kaufte Leon Windscheid die „MS Günther“ in Münster. Günther Jauch löste sein Versprechen ein und vollzog die Taufe des Partyschiffs. Foto: Gentsch/dpa. Foto: dpa/Friso Gentsch

Dass nur Einser-Abiturienten diesen Weg einschlagen können, sieht er jedoch skeptisch. „Es ist ein Unding, dass man bei uns nicht Arzt oder Psychologe werden kann, wenn man das beste Menschenverständnis oder die größte Motivation mitbringt, sondern die Eins vor dem Komma beim Abitur stehen muss und gerne die Null dahinter. Ich glaube, dass dadurch vielen die Chance genommen wird, weil man den Leistungsanspruch auf Zahlen runterbricht.“

Ohnehin findet er das Bildungssystem schwierig. „Im Kindergarten starten die Kids mit Englisch-Unterricht. Und bis zur Grundschule sollen sie auch Chinesisch sprechen. Der Generation wird gesagt, dass sie ganz schnell ans Ziel kommen soll.“ Dabei sei eine gewisse Planlosigkeit wichtig. „In einer Welt, wo alles so ungewiss ist und sich so schnell verändert, ist Flexibilität eine wichtige Eigenschaft.“

Auch darum geht es in seinem Programm. „Es ist eine spannende Reise durch das eigene Hirn“, sagt Leon Windscheid. Vor allem für Leute, die „Psychologie nur mit Zwangsjacke und Depression und Siegmund Freud assoziieren“. Dabei ist Psychologie heute so wichtig wie die Medizin, sagt er. Denn: „In Deutschland erfüllt jeder Dritte einmal im Jahr die Kriterien einer psychischen Störung“, mahnt Dr. Leon Windscheid. Dabei liegen Suchterkrankungen, Angststörungen und Depressionen ganz weit vorne. Besonders schlimm: „Wir haben an Schulen mittlerweile doppelt so viele Schüler, die psychisch krank sind, als noch vor zehn Jahren. In der Schule gibt’s also mehr Burnout als Pickel“, klagt er an. „Wir leben in einer Zeit, die für unser Hirn unglaublich fordernd ist. Mensch sein war noch nie so schwer wie heute.“

Während sich das Organ in Jahrtausenden nämlich nicht verändert hat, dreht sich die Welt immer schneller. Was sich an dem wachsenden Bedürfnis der Menschen nach Achtsamkeits-Apps oder Entschleunigungscoachings, Yogakursen oder Meditation zeigt. „Was sich bei uns heute in einem Jahr ändert, hat bei meinem Opa noch zehn Jahre gedauert. Und bei dessen Opa sogar 100.“ Da komme das Hirn nicht mit. „Zumal wir etwas Simples wie Langeweile verlernt haben. Nichts in unserem Kopf passiert ohne Grund. Langeweile ist nicht schön, aber sie ein Hinweis. Leider leben wir in einer Zeit, in der wir viele dieser Gefühle nicht mehr zulassen wollen. Wir haben verlernt, Langweile auszuhalten, wischen sie lieber mit dem Smartphone weg.“

Dabei hat gerade diese Emotion eine wichtige Funktion: „Unsere Gedanken fangen bei Langeweile an zu wandern und kommen in Ecken vom Hirn, in die sie sonst nicht vordringen würden. Außerdem wirkt sie wie ein Kompass. Wenn ich etwas tue, das mich nicht erfüllt und mir keinen Spaß macht, dann bin ich auf dem Holzweg und mein Kopf signalisiert mir das über Langeweile. Wer dieses Gefühl nicht zulässt, sondern sich ablenkt, dem fehlt dieses Korrektiv.“

Er selbst lässt Langeweile auch mal bewusst zu. Windscheid guckt beim Zugfahren aus dem Fenster, zieht sich in sein Zimmer in der „chaotischen Fünfer-WG“ zurück. In dem denkmalgeschützten Haus in Münster, das er von dem Millionen-Gewinn gekauft hat. Das Kochen „übernimmt oft die Pizzeria nebenan“, gibt Leon Windscheid zu, der seine Möbel auf dem Flohmarkt gekauft und sein Bett selbst gebaut hat.

Seine Million zu verprassen, kam übrigens gar nicht in Frage. Von dem Geld hat Windscheid ein Schiff gekauft. Zur Taufe der „MS Günther“, die 1910 gebaut wurde, reiste sogar Namensgeber Günther Jauch an. Heute ist das Schiff eine florierende Eventlocation in Münster mit mehreren Mitarbeitern. Um das Abenteuer Selbstständigkeit zu starten, hätte er die Millionenfrage sicher nicht knacken müssen. Trotzdem ist Leon Windscheid dankbar: „Der Geldgewinn war ein unglaublicher Luxus, weil er mir viel Freiheit und Sicherheit gegeben hat.“

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