Solinger bittet um Bewährung Angeklagter änderte Lebenswandel

Solingen · Der Alkoholiker bat nach kaltem Entzug und Therapie vor Gericht um Bewährung. Er war nach drei tätlichen Angriffen zu Haftstrafen veruteilt worden, änderte aber seinen Lebenswandel nach einem Unall komplett.

Nein, der Berufungskläger, ein 51-jähriger gelernter Straßenbauer aus Solingen fällt allein von seiner Erscheinung her nicht in die Kategorie „Chorknabe“. Eher „Schattenspender“, wie es die Richterin positiv umschrieb. Aber Körperstärke ist nicht immer von Vorteil. Gleich drei Vorfälle hatten in den letzten drei Jahren zu Haft-Urteilen geführt, teilweise auf Bewährung: Eine Ohrfeige gegen seine Freundin, die ein Kleinkind auf dem Arm trug, Widerstand gegen Polizisten nach Rauswurf aus einer Solinger Kneipe und noch einmal Beleidigungen von Beamten auf der Polizeiwache.

Zum jeweiligen Zeitpunkt war er allerdings gar nicht oder nur eingeschränkt schuldfähig – der Promillepegel bewegte sich eher im lebensbedrohlichen Bereich. Gegen die Urteile selbst war die Berufung nicht gerichtet – die Ausraster wolle er gar nicht bestreiten, teilweise fehle ihm nach dem Filmriss auch die Erinnerung. Beinahe schüchtern bat der 51-Jährige darum, die Haftstrafen auf Bewährung abzumildern, weil er sich einen Ruck gegeben und sein Leben komplett geändert habe. Auslöser sei ein schwerer Unfall gewesen – im Vollrausch sei er beim Weg über einen Parkplatz von einem Auto umgefahren worden. Das habe zu nachhaltigen Verletzungen und zur Arbeitsunfähigkeit geführt, ein Arm sei fast abgerissen worden und habe mühsam wieder funktionsfähig gemacht werden müssen. Heute „könne er immerhin die Wäsche aufhängen“, aber die Durchblutung sei noch nicht ausreichend.

In der Klinik sei er zu der Einsicht gekommen, dass es so nicht weitergehen könne. Mit dem Alkohol habe er 2016 innerhalb kurzer Zeit aus Kummer nach dem Tod seiner Mutter und dem Ende der Beziehung zu einer Freundin angefangen. Genauso schlagartig habe er jetzt mit dem Alkohol aufgehört. Diesen selbst gewählten „kalten Entzug“ habe er erfolgreich durchgestanden, habe sich von diversen Suchthilfestellen in Solingen, Remscheid und Radevormwald gegen Rückfälle wappnen lassen und sei jetzt konsequent trocken. Er habe zudem diverse Anti-Aggressionskurse erfolgreich besucht. Eine beeindruckende Liste von Zertifikaten mit erfolgreichen Abschlüssen und positiven Prognosen konnte er vorlegen.

Dies alles habe er auf eigene Initiative zustande gebracht, eine beachtliche Vorleistung, wie die Richterin anerkannte. Sie sah in seinem Verhalten ein Gegenbeispiel zu vielen Straftätern, die nur zögerlich und gezwungenermaßen Entziehungskuren annehmen, sie aber innerlich ablehnen würden.

Das Gericht, positiv vom Wandel überzeugt, setzte deshalb für den Solinger die Gesamtstrafe zur Bewährung aus – drei Jahre muss er unter Kontrolle des Bewährungshelfers unauffällig und vor allem trocken bleiben und eine neue Arbeitsstelle suchen. Der Solinger und die Staatsanwältin nahmen das Urteil sofort an.

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