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Radevormwald - vor 50 Jahren: die Katastrophe von Dahlerau

Das Zugunglück in Radevormwald : Vor 50 Jahren: die Katastrophe von Dahlerau

Am 27. Mai 1971 stießen im Tal der Wupper ein Sonderzug mit 71 Passagieren und ein Güterzug zusammen. 46 Menschen kamen dabei ums Leben.

Unter den Radevormwaldern, die den 27. Mai 1971 erlebt haben, gibt es nur wenige, die nicht wissen, wo sie sich befanden, als in den Abendstunden eine schreckliche Nachricht in der Stadt umlief: Es hatte ein Zugunglück im Tal der Wupper gegeben. Bald war klar: Es hatte Tote gegeben. Und deren Zahl stieg im Laufe der Nacht immer weiter an.

„Mein Vater saß in einer Presbyteriumssitzung, als er von dem Unglück erfuhr“, berichtet Lutz Aldermann, Sohn von Hans Aldermann, dem ersten BM-Redakteur in Radevormwald. Als kurz vor Redaktionsschluss noch die erste Meldung ins Blatt kam, da war die Rede von 20 Todesopfern. Am Ende wurde klar: 46 Menschen waren bei der Kollision zweier Züge bei Dahlerau ums Leben gekommen, 41 davon waren Schüler der Geschwister-Scholl-Hauptschule – bis heute eines der schlimmsten Eisenbahnunglücke der bundesdeutschen Geschichte.

Was war geschehen? Nach heutigen Erkenntnissen hatte es ein fatales Missverständnis zwischen den Zugführern und dem Fahrdienstleiter gegeben. Der Personen-Sonderzug und ein Güterzug hatten beide die Erlaubnis zur Durchfahrt erhalten, obwohl die Strecke nur eingleisig war. Der Güterzug hätte normalerweise am Bahnhof Dahlerau halten müssen, doch die Kreuzung mit dem Sonderzug war nicht im Dienstplan verzeichnet gewesen. Da der Sonderzug 30 Minuten Verspätung hatte, kam es um 21.08 Uhr zur Katastrophe. Es gab keinen Sprechfunk, über den die Zugführer noch hätten gewarnt werden können. Der Fahrdienstleiter hatte offenbar noch versucht, den Güterzug zu stoppen, doch vergeblich. Er hatte daraufhin sofort die Leitstelle der Rettungsdienste alarmiert.

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Im Laufe einer grauenvollen Nacht bargen die Einsatzkräfte, die aus Radevormwald, aber auch aus Remscheid, Solingen und Wuppertal gekommen waren, die Verletzten und Toten. 25 Menschen überlebten das Unglück. Die Rettungsarbeiten wurden durch die einbrechende Dunkelheit und die steile Böschung erschwert. Das DRK berichtet später, ein „tapferer Junge“ sei dabei durch sein vorbildliches Verhalten aufgefallen: „Er lehnte jede Hilfe ab und bat die Helfer, zunächst seine Kameraden zu bergen.“ Und das, obwohl er selber bei dem Unglück einen Oberschenkelhalsbruch erlitten hatte.

Als nach und nach das ganze Ausmaß des Unglücks deutlich wurde, stand Radevormwald unter Schock. „Die Stadt war wie eingefroren“, schildert Lutz Aldermann die Stimmung. Bundesverkehrsminister Georg Leber besuchte die Unfallstelle. „Er hat später in einem Brief den Polizisten vor Ort gedankt“, erinnert sich Lutz Aldermann.

Die Nachricht von der Bahnkatastrophe wurde weit über Deutschland hinaus mit Erschütterung aufgenommen. Kondolenzbotschaften trafen aus vielen Ländern ein. Die Toten brachte man zunächst in die alte Turnhalle an der Bredderstraße. Dort wurden sie von den Angehörigen identifiziert, und dort nahmen später auch viele Bürger bei der Aufbahrung der Särge von den Toten Abschied.

Am 2. Juni 1971 fand die Beisetzung auf dem Kommunalfriedhof statt. Etwa 10.000 Menschen waren gekommen. Auch Bundeskanzler Willy Brandt nahm an der Trauerfeier teil. Die Ansprachen hielten Radevormwalds damaliger Bürgermeister Karl Schroer, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Heinz Kühn und der Schulrat für den oberen Rhein-Wupper-Kreis, Karl Richwin. Lutz Aldermann besitzt noch das Blatt, auf dem sein Vater die Lieder notierte, die von den Kirchenchören an diesem Tag gesunden wurden: „O bone Jesus“, „Wachet auf“, „Christ ist erstanden“.

Auch an diesem Tag ereignete sich Dramatisches: Ein Mann brach während der Trauerfeier zusammen und starb später an einem Herzinfarkt. Ein anderer Vorfall löste Empörung unter den Anwesenden aus: Eine bekannte Illustrierte hatte ein Flugzeug gechartert, das über dem Friedhof kreiste und Fotos der trauernden Menge machte. „Der damalige Stadtdirektor war so wütend, dass er Anzeige erstattet hat“, erinnert sich Lutz Aldermann. „Was daraus geworden ist, kann ich nicht sagen.“

Die Bilder des gewaltigen Grabes mit den Särgen lassen noch heute spüren, mit welcher Wucht dieses Unglück die Stadt getroffen haben muss. Es gab kaum jemanden, der nicht einen der Toten oder zumindest seine Familie kannte. Doch über das Geschehen zu sprechen, war noch jahrelang für viele schwer. Zeitzeugen berichten, dass das Thema in Gesprächen gemieden wurde. Notfallseelsorger, die heute den Angehörigen von Unfallopfern beistehen, gab es damals noch nicht. Man kann nur ahnen, wie tief die Traumata und seelischen Wunden gewesen sind.

Die Ermittlungen zur Ursache kamen letztlich zu keinem gültigen Ergebnis, denn der Fahrdienstleiter starb kurz darauf bei einem Autounfall. Die Bundesbahn verschärfte als Konsequenz des Eisenbahnunglücks die Sicherheitsregeln im Zugverkehr.

Die Erinnerung an den 27. Mai 1971 bleibt wach. Die Gräber der Opfer sind nach wie vor auf dem Kommunalfriedhof zu sehen. Ein Denkmal wurde aufgestellt, die Inschrift stammt aus dem biblischen Buch Hesekiel: „Von den vier Winden komme Geist und hauche über diese Toten, damit sie wieder lebendig werden.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Rückblick auf Zugunglück 1971 in Radevormwald