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Bedburg-Hau: Moderne für die Ziegelhütte

Neue Architektur : Die Moderne für die Ziegelhütte

Baukultur: Mit einem Holzbau in klarer Architektur möchten der Unternehmer Tobias Brüggemann und der Architekt Andre Lemmens für ein anderes Bauen werben. Wenige Beispiele in der Region.

Der Bau ist kantig, hat eine klare, fast schroffe Linienführung, vorne zur Straße hinaus verstecken sich die Fenster hinter eingebauten Lamellen, die Eingänge sind geschützt ins Gebäude zurückgelegt und durch tiefe Stelen vor Einblicken geschützt. Zum Garten wiederum gibt’s eine große, über die Hausbreite sich ziehende Fensteranlage, davor die Terrasse.

Der kantige Bau ist eigenwillig, wird nicht jedem gefallen. Muss er auch nicht. Der Klever Architekt André Lemmens, der das Doppelhaus mit voraussichtlich vier kleineren Wohnungen entworfen hat, will sich absetzen. „Das Haus soll auffallen, soll keine Einheitsarchitektur bieten und trotzdem zu einem machbaren Preis angeboten werden“, sagt Tobias Brüggemann von der Brüggemann Effizienzhaus in Neuenkirchen bei Rheine, die den Entwurf bauen wird. Man wolle den Kundenkreis ansprechen, der ein Haus suche, das nicht aus dem erweiterten Katalog der Bauindustrie stamme, sondern individuell entworfen sei, sagt der Geschäftsführer des Familienunternehmens. Es solle ein Haus sein, das sich abhebt.

Tobias Brüggemann und Architekt Andre Lemmens (rechts). Foto: Matthias Grass

Der Bau soll andersartig sein, weil man mit nachhaltigen Materialien baue: Mit dem Holzbau sei man CO-2-neutral, biete ein besseres Wohnklima und habe nicht mit der Grundfeuchtigkeit eines Massivbaus zu kämpfen, erklärt Brüggemann. Für den Holzbauer ist es das Material der Zukunft, es werde hier am Niederrhein aber bis jetzt nur bei rund 15 Prozent der Bauten eingesetzt. Allerdings lege man zu, in den vergangenen Jahren um fünf Prozent.

In Kleve bauen unter anderem auch Hülsmann-Minor-Thieme-Architekten mit Holz. Sie setzten beispielsweise auf das Dach des Netto-Marktes kleine Mehrfamilienhäuser. Eines der Projekte, die sich abheben. So wie Reppco-Architekten planen, für die Klever Wohnbaugesellschaft GeWoGe am Ende der Spyckstraße das Hausensemble im Passivhausstandard mit einer grünen Wand aus Bewuchs auszustatten. Auch das Flora-Viertel an der Van-den-Bergh-Straße entsteht als Klimaschutzsiedlung.

Im Jahrbuch 2020 des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt (DAM), fordert  Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, gerade für den ländlichen Raum mehr solcher ambitionierter Projekte mit anderer Architektur und nachhaltigen Materialien. Um in Zukunft bestehen zu können, müssten Städte und Gemeinden attraktive Orte schaffen. Dazu brauche es städtebauliche Konzepte und baukulturelle Projekte, die ein Zeichen aussenden: „Wir sind lebenswert, und eine Investition in Wohn- oder Arbeitsräume ist hier langfristig ökonomisch und sozial wertbeständig.“ Tatsächlich aber, schaue man aus dem Zug- oder Autofenster bei der Fahrt durch die deutsche Provinz, zeige sich eine Landschaft, die geprägt sei vom allgemeinen Verlust an Qualität der gebauten Umwelt und der offenen Landschaft. Nagel zitiert die europäische Kulturministerkonferenz, die eine Trivialisierung des Bauens, fehlende gestalterische Werte und ein fehlendes Interesse für Nachhaltigkeit erkennt. Vor allem bei Bauvorhaben im ländlichen Raum. Es seien Proportionen, Materialien und Anmutung, die entscheiden, ob das Ortsbild als angenehm und stimmig empfunden wird – und damit eine hohe Lebensqualität entsteht. Dazu gehöre auch ein sorgfältiger Umgang mit dem Bestand.

Umgesetzt werden soll das Lemmens-Brüggemann-Projekt bis Ende 2021 im Baugebiet Ziegelhütte in Bedburg-Hau. Man sei in der Bedburg-Hauer Verwaltung auf offene Ohren gestoßen. Dieter Henseler von der Gemeinde Bedburg-Hau habe bald grünes Licht gegeben, sagt Lemmens. Brüggemann will den Bau halten und vermieten. Lemmens ist zuversichtlich, dass man die Idee von einer bezahlbaren Architektur, die sich absetzt, weiterentwickeln und breiter aufstellen kann. Das Interessante sei zu sehen, so Brüggemann und Lemmens, wie man durch die Zusammenarbeit zwischen Unternehmer und Architekt weitere Projekte dieser Art entwickeln könne. Doch zunächst einmal stehe das Ausrufezeichen in der Ziegelhütte, sagen sie. Ein Ausrufezeichen, das auch hinter Reihen- Doppel- oder Einfamilienhäuser dieser Art stehen könnte, so Lemmens