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Warum die Deutsche Bahn so oft zu spät kommt

Immer mehr Verspätungen : Warum die Bahn so oft zu spät kommt

Die Pünktlichkeit der Bahn hat in diesem Herbst nicht nur unter den Lokführerstreiks gelitten. Auch das marode Netz, fehlende Züge und die umstrittene Vorfahrtsregelung für Fernzüge strapazieren die Geduld der Passagiere in NRW.

Die Lokführerstreiks haben der Pünktlichkeit der Bahn schwer geschadet. In diesem Herbst kam jeder dritte Fernzug zu spät ans Ziel — deutlich mehr als noch im Frühjahr: Im Januar lag die Quote der pünktlichen Fernzüge noch bei 85,5 Prozent, im September nur noch bei 66,4 Prozent und im Oktober bei 68,4 Prozent. Das geht aus der jüngsten Statistik der Deutschen Bahn hervor. Nach Angaben des Fahrgastverbandes "Pro Bahn" kam es wegen der Verspätungen im Fernreiseverkehr in diesem Jahr auch zu besonders vielen Verzögerungen im NRW-Regionalverkehr.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokführer hat seit September sechs bundesweite Streiks ausgerufen. Wie die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" unter Berufung auf ihr vorliegende Zahlen der Bundesregierung berichtet, nehmen die Zugverspätungen im Fernverkehr in der Tendenz schon seit zehn Jahren zu. So sammelten sich im Fernverkehr 2004 noch rund 2,9 Millionen Verspätungsminuten an und im bisherigen Rekordjahr 2010 bereits 3,8 Millionen. Nach Angaben der Bahn lag die Pünktlichkeitsquote bei Fernzügen im Jahr 2009 bei 81,2 Prozent und im vergangenen Jahr bei 73,9 Prozent.

"Weil die Fernzüge meistens Vorfahrt haben, schaukeln deren Verspätungen sich im Regionalverkehr erst richtig hoch", erklärt Lothar Ebbers, "Pro-Bahn"-Sprecher in NRW. Die Regionalbahnen würden durch die Verspätungen der ICE und Intercitys geradezu eingeklemmt. In Nordrhein-Westfalen wirke sich das vor allem auf die Regionalbahnen RE1 (Aachen-Köln-Duisburg-Paderborn), RE5 (Emmerich-Duisburg-Köln-Koblenz), RE6 (Minden-Hamm-Duisburg-Düsseldorf) und RE7 (Rheine, Hamm, Hagen, Wuppertal, Krefeld) aus. "Das sind die typischen Staustrecken auf den NRW-Gleisen", so Ebbers.

Neben den Verspätungen im Fernverkehr sei "auch der hohe Instandhaltungsbedarf auf den NRW-Gleisen dafür verantwortlich, dass NRW bei der Zugpünktlichkeit im Regionalverkehr hinterherhinkt." Nach Angaben der Bahn sind allein in NRW derzeit 1800 Bahnbrücken sanierungsbedürftig. Hinzu kommen zahlreiche Stellwerke, die derzeit mit Digitaltechnik nachgerüstet werden. "Jede Baustelle führt, bevor sie die Lage verbessert, erstmal zu neuen Verzögerungen", erklärt Ebbers. Die Baustellenersatzfahrpläne, mit denen die Bahn in solchen Fällen improvisiert, seien "besonders verspätungsanfällig", so Ebbers.

Wobei das Wort "Verspätung" aus Sicht der Bahn einen Interpretationsspielraum zulässt: Die Bahn definiert Züge, die mit weniger als sechs Minuten Verspätung im Bahnhof ankommen, noch als pünktlich. Gleichwohl können genau diese 5,59 Minuten dazu führen, dass ein Passagier seinen Anschlusszug verpasst.

Die Bahn selbst ist mit der Entwicklung im Nahverkehr auch halbwegs zufrieden. Das Unternehmen verweist darauf, dass die Summe der Zugverspätungen im Nahverkehr im bundesweiten Zehn-Jahres-Schnitt abgenommen hat. Und zwar von rund 15,4 Millionen Minuten im Jahr 2004 auf nur noch zwölf Millionen im Jahr 2013.

"Gegen mutwillige Eingriffe in den Bahnverkehr, Personen im Gleis, extreme Witterung oder Streiks können wir nur bedingt etwas tun", fasst Bahn-Vorstand Ulrich Homburg die Hauptgründe entschuldigend zusammen. Seit einigen Jahren fehlen der Bahn gerade im Fernverkehr auch Züge, weil bestellte ICE später als geplant eine Zulassung erhalten und bei älteren Züge Achsen zur Sicherheit häufiger untersucht werden müssen.

Speziell für die Verbesserung der Pünktlichkeit im Regionalverkehr hat Pro-Bahn-Sprecher Ebbers einen eigenen Vorschlag: "Die Bahn muss die Priorisierung überprüfen", kritisiert er die Generalvorfahrt für den Fernverkehr. "Es muss nicht heißen ,schnell hat Vorfahrt', sondern ,voll hat Vorfahrt'", so Ebbers. Da Regionalzüge meistens voller als Fernzüge sind, würde das den Regionalverkehr in NRW vermutlich tatsächlich beschleunigen.

Hier geht es zur Infostrecke: Verspätung wegen Bahnstreik: Das sind Ihre Rechte

(RP)