Mineralwasser von Nestlé Auf ein Glas Fäkalien

Vevey/Düsseldorf · Das natürliche Mineralwasser von Nestlé ist laut einem Medienbericht verschmutzt. Nun soll ein Senatsausschuss klären, ob die Regierung mit der Wasserindustrie gemeinsame Sache machte.

 Das Wasser aus dem Hause des Schweizer Unternehmens Nestlé Waters ist mit E-Coli-Bakterien aus Fäkalien verunreinigt. (Archiv/Symbol)

Das Wasser aus dem Hause des Schweizer Unternehmens Nestlé Waters ist mit E-Coli-Bakterien aus Fäkalien verunreinigt. (Archiv/Symbol)

Foto: dpa/Jean-Christophe Bott

Wer sich in Paris auf eine Café-Terrasse setzt und ein Mineralwasser bestellt, bekommt oft eine grüne, dickbauchige Flasche Perrier auf den Tisch gestellt. Mit gutem Gewissen kann Perrier seit einigen Tagen allerdings nicht mehr getrunken werden. Denn laut einem Bericht der Behörde für Lebensmittelsicherheit (Anses), den die Zeitung „Le Monde“ und Radio France Anfang April enthüllten, ist das Wasser aus dem Hause des Schweizer Unternehmens Nestlé Waters mit E-Coli-Bakterien aus Fäkalien verunreinigt. Betroffen sind nicht nur Perrier, sondern auch die Marken Vittel, Hépar und Contrex. Die Anses informierte bereits im Herbst die Regierung, die die unappetitliche Information allerdings für sich behielt, statt sie an die Verbraucher weiterzugeben.

Der Skandal reiht sich an einen anderen: Im Januar hatten Journalisten von „Le Monde“ und Radio France herausgefunden, dass mindestens ein Drittel des in Flaschen verkauften Mineralwassers desinfiziert worden sei. Zum Beispiel mit UV-Strahlen oder Kohlefiltern. Neben Nestlé Waters soll auch Alma, der Produzent des beliebtesten französischen Wassers Cristaline, zu den verbotenen Methoden gegriffen haben. Natürliches Mineralwasser darf eigentlich keine Behandlung durchlaufen, da es allein durch seinen Weg durch das Gestein gefiltert und gereinigt wird. Eine Desinfektion beeinträchtigt das „eau minérale naturelle“, das damit qualitativ auch nicht mehr besser ist als normales Leitungswasser. „Dabei ist Mineralwasser hundertmal teurer“, kritisiert die Grünen-Senatorin Antoinette Guhl.

Die 53-Jährige ist Berichterstatterin des Ad-Hoc-Ausschusses, den der Senat vergangene Woche zu dem Wasserskandal einsetzte. "Wir reden hier nicht von harmlosen Dingen, denn die Hälfte der Franzosen trinkt Mineralwasser“, sagt Guhl im Gespräch mit dieser Zeitung. Den Medienberichten zufolge wurden nicht nur Fäkalien, sondern auch Spuren von Pestiziden, Dünger und so genannte Ewigkeitschemikalien im Wasser gefunden, wie sie beispielsweise zum Beschichten von Pfannen benutzt werden. Die Anses forderte die Behörden auf, Nestlé stärker zu kontrollieren und auch auf Viren im Wasser zu achten. In Spanien waren 2016 rund 4000 Menschen erkrankt, nachdem sie mit Noroviren verseuchtes Wasser aus Wasserspendern getrunken hatten.

Guhl will nun nicht nur untersuchen, wie das Mineralwasser verunreinigt wurde, sondern auch die Beziehung zwischen Regierung und Wasserindustrie unter die Lupe nehmen. Denn verschiedene Ministerien sollen nicht nur von den Rückständen im Mineralwasser, sondern auch von den illegalen Desinfektionsmethoden gewusst haben. Schlimmer noch: Die Regierung soll Nestlé per Präfektenerlass sogar im Februar 2023 ausdrücklich erlaubt haben, sein Wasser mit Mikrofiltern zu filtern. Auf die verbotenen UV-Strahlen und die Aktivkohle versprach das Unternehmen daraufhin zu verzichten. Nach den jüngsten Enthüllungen ließ Nestlé mitteilen, dass die Qualität seines Mineralwassers stets garantiert sei. „Wir werden weiter Mineralwasser aus Bohrbrunnen abfüllen, die den strikten Normen für natürliches Mineralwasser und den Präfektenerlassen entsprechen“, zitierte „Le Monde“ den Konzern, gegen den die Staatsanwaltschaft Epinal wegen Betrugs ermittelt.

„Wir wollen herausfinden, warum die Regeln aufgeweicht wurden“, sagt Guhl. „Es herrscht eine Form von Versagen, die wir aufklären müssen.“ Bis Ende Juni wird die Politikerin nun Experten und Vertreter der Wasserindustrie befragen und dann einen Bericht verfassen, der in einen formellen Untersuchungsausschuss münden könnte.

Das Thema ist heikel, denn in Frankreich werden jedes Jahr gut acht Milliarden Liter Mineralwasser, meist aus Plastikflaschen, getrunken. Doch der Klimawandel setzt auch Perrier und Co. zu. In Vittel in den Vogesen protestieren Bürgerinitiativen seit Jahren gegen Nestlé, das mit seiner Wasserproduktion das dringend nötige Grundwasser weiter absinken lasse. 2022 stellte Nestlé den Vertrieb von Vittel in Deutschland und Österreich ein. Perrier, das aus verschiedenen Brunnen im südfranzösischen Vergèze stammt, wird aber weiter in Deutschland ausgeschenkt. Und das, obwohl fünf der sieben Brunnen in der Region laut der regionalen Gesundheitsbehörde ARS „regelmäßig“ mit Bakterien und Mikropartikeln verunreinigt sein sollen.

Die Rückstände im Mineralwasser könnten aus der Landwirtschaft, der Industrie oder aus Abwassern stammen. In Vergèze, wo Perrier produziert wird, hat Nestlé bereits reagiert. Es füllt dort nun auch aromatisiertes Wasser ab, das einfach „Wasser aus dem Haus Perrier“ heißt. Die anspruchsvollen Kriterien für natürliches Mineralwasser muss der Konzern so nicht mehr erfüllen.

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